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    WÜRZBURG

    Mainfranken Theater: Verstörendes Stück um Missbrauch

    Verstörend: Freya Kreutzkam in „Von den Beinen zu kurz“ in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters. Foto: Gabriela Knoch

    Stille. Minutenlang. Dann klatschen einige zögernd. Der Applaus bleibt verhalten. Nicht etwa, weil die Schauspielerinnen ihren Beruf verfehlt hätten. Im Gegenteil. Ihre Leistung ist beeindruckend, ihre Darstellung umwerfend, die Wirkung aufs Publikum verstörend. Es geht um sexuellen Kindesmissbrauch in der Familie, um Inzest.

    Was die Zuschauer in den Kammerspielen des Würzburger Mainfranken Theaters über eineinhalb Stunden ohne Pause erleben, ist eine Zumutung. Eine, die sein sollte, sein muss bei diesen heiklen Themen. Theater ist hier nicht Unterhaltung, sondern ein Ausloten von Grenzen, um Tabus in die Öffentlichkeit zu bringen, das Schweigen zu brechen.

    Es ist aber auch eine Herausforderung für die Schauspielerinnen Petra Hartung, Claudia Kraus und Freya Kreutzkam. Sie können sich bei der Inszenierung von Katka Schroth nicht hinter ihrer Rolle verstecken. Sie agieren in einem hell ausgeleuchteten weißen Raum und sind in ihren beigen Pullovern und durchsichtigen Feinstrumpfhosen, deren Mittelnaht sich deutlich auf der weißen Unterhose abzeichnet, den Blicken ausgeliefert, nackt (Ausstattung: Christoph Ernst). Katja Brunner, die 1991 in Zürich geborene Autorin des Stücks „Von den Beinen zu kurz“, verweigert das klassische Schwarz-Weiß-Bild von Täter und Opfer, von Gut und Böse. Es tut weh, wenn das Mädchen ihren Vater verteidigt, ihn zur Lichtgestalt emporhebt. Es irritiert, wenn sie die Schuld bei sich sucht („ich habe die Beine gespreizt, das Höschen sehen lassen“), ebenso, wenn die Mutter ihre Tochter nicht schützt, sondern als Konkurrentin empfindet („was tut sie mir an, das ist doch mein Mann“). Und doch gehört dieses Verhalten zur Lebenswirklichkeit in vielen Familien, heißt es in Beratungsstellen.

    Die Szenen sind teilweise absurd, erinnern an Theater a la Samuel Beckett. Auf die Zuschauer strömt brutal Reales in surrealer Umgebung ein, eine familiäre Tragödie: Widersprüche, Erklärungen, Verklärungen, Verleugnungen, Wegschauen. Die Schauspielerinnen sprechen miteinander, nebeneinander, gleichzeitig, in unterschiedlichen Rollen, mit einer Stimme, langsam, leise, extrem laut. Sie tanzen zu Rock- und klassischer Musik, weinen, lachen, tauchen ein in kleinkindliche Märchenfantasien und Szenen körperlicher und seelischer Gewalt, wirken altklug, ängstlich, hilflos, verletzlich, verletzt – weil die Beine zum Wegrennen zu kurz gewachsen sind.

    Den Applaus gibt es dann doch noch – und reichlich beim Empfang im Anschluss an die Premiere im Theaterfoyer.

    Termine und Gespräche

    Die nächsten Aufführungen sind am 5., 13., 20. und 25. Februar. Am 11. März findet im Anschluss an die Vorstellung ein Publikumsgespräch statt. Kartenreservierung unter: Tel. (09 31) 39 08-124; per E-Mail: karten@theaterwuerzburg.de

    Betroffene finden Hilfe bei Beratungsstellen und Institutionen der „Berufsgruppe gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“; Internet: www.profamilia.de/bayern/. In Schweinfurt gibt es zudem die Anlaufstelle sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen: www.beratung-sw.de

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