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    Schweinfurt

    Malen Frauen anders? Und wenn ja, wie?

    Das Schweinfurter Museum konfrontiert bewusst Gemälde von Frauen und von Männern aus der Zeit der Romantik. Und beweist: Ja, es gibt einen weiblichen Blick in der Kunst.
    Museumsleiter Wolf Eiermann erläutert Angelika Kauffmanns Gemälde "Christus und die Samariterin am Brunnen" von 1796. Während männliche Kollegen einen Gegensatz zwischen Mann und Frau betonen, konzentriert sich Kauffmann auf die Dynamik der Begegnung. Foto: Anand Anders

    Gibt es einen weiblichen Blick in der Kunst? Malen Frauen anders? Malen sie anderes? Das Schweinfurter Museum Georg Schäfer stellt in seiner neuen Ausstellung diese Fragen und beantwortet sie auch. Schon der Titel stellt klar, dass eine Frage längst beantwortet ist, die der Qualität: "Talent kennt kein Geschlecht – Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe".

    90 Werke zeigt die  Schau, 56 davon gemalt von Frauen. Immerhin: 16 dieser Bilder hat das Museum selbst im Bestand, 40 weitere haben 23 Leihgeber beigesteuert – Museen, Privatleute und Kirchen. Kurator und Museumsleiter Wolf Eiermann stellt sie direkt Arbeiten von männlichen Zeitgenossen gegenüber, und gelegentlich ziehen dabei tatsächlich letztere den Kürzeren. Frauen mal(t)en nicht schlechter als Männer, allenfalls fehlte ihnen hin und wieder die Routine.

    Alle gezeigten Künstlerinnen bis auf eine sind noch im 18. Jahrhundert geboren. Das heißt: Das alte Kunsthistoriker-Vorurteil, in der Kunst würden Frauen erst ab etwa 1900 anfangen, ernsthaft eine Rolle zu spielen, wäre damit widerlegt. Tatsächlich aber gibt es so etwas wie eine Lücke: Während im Deutschland der Romantik rund 100 Künstlerinnen auf höchstem Niveau tätig sind, bis zu 20 von ihnen sogar davon leben können, einige es zu Hofmalerinnen bringen, kommt paradoxerweise mit dem Aufstieg des Bürgertums ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Niedergang.

    Julie Gräfin von Egloffstein: "Königin Therese von Bayern", 1836 (Ausschnitt). Das Gemälde kommt so gut an, dass Hofmaler Joseph Karl Stieler alles andere als begeistert ist. Foto: Wittelsbacher Ausgleichsfonds

    Die Künstlerinnen stellen sich mit ihrer Arbeit den Leistungsidealen der bürgerlichen Gesellschaft und erhoffen sich dadurch Anerkennung. Doch die bürgerliche Gesellschaft ist längst nicht in allen Bereichen progressiv. Sie erwartet von der Frau andere Leistungen: Mutterschaft, Führung des Haushalts, Repräsentation. Das Malen, speziell die Porträtmalerei, damals typisch weibliche Domäne, erfordert häufiges Reisen. Für Frauen im Geflecht ihrer familiären Verpflichtungen ist das kaum noch leistbar. Eiermann: "Sie haben zu spät gemerkt, dass sie aus der bürgerlichen Rolle nicht rauskommen."

    Die Revolution in Frankreich bringt für die Malerinnen keinerlei Fortschritt

    Das Zitat vom Talent im Ausstellungstitel geht auf einen Ausspruch aus dem Jahr 1785 von Antoine Renou zurück, Mitglied der Académie Royale. In Frankreich jedenfalls findet es nicht viel Niederschlag, auf die Gleichberechtigung der Geschlechter im Kunstbetrieb hat die französische Revolution trotz ihres Bekenntnisses zu den Menschenrechten so gut wie keine Auswirkungen, die Akademien bleiben den Frauen weiterhin verschlossen.

    Zwei Madonnen, links von Friedrich Wilhelm Schadow (um 1820), rechts von Louise Seidler (1823). Seidler bringt auf selbem Format erheblich mehr Figuren unter – auch ein Ansatz, gegen männliche Konkurrenz zu bestehen, schließlich zahlen Kunden pro gemalte Figur. Foto: Anand Anders

    In den deutschen Staaten hingegen öffnen etliche Institute zumindest für einige Jahrzehnte den Frauen ihre Türen, München etwa, Stuttgart, Dresden, in Weimar die Zeichenschule. Die Regelungen sind unterschiedlich. Meist allerdings sind die Frauen – zu ihrem "Schutz" – vom Aktstudium ausgeschlossen.

    Was also ist der typisch weibliche Blick? Die Kunsthistorikerin Bärbel Kovalevski hat für den Katalog Darstellungen der Bibelszene "Lasset die Kindlein zu mir kommen" untersucht, also den Moment, als einige Mütter mit ihren Kindern an Jesus herantreten, zunächst von den Jüngern abgewiesen, auf Jesu Geheiß dann aber vorgelassen werden. Bei Johann Peter Langer (1756-1824) etwa ist der Heiland im Zentrum der Komposition streng und majestätisch dargestellt.

    Die Ausstellung bringt ganz bewusst Künstlerinnen und Künstler in Konkurrenz zueinander

    Bei Marie Ellenrieder (1791-1863) dagegen ist er beinahe Randfigur, im Mittelpunkt stehen Mütter und Kinder. Louise Seidler (1786-1866) wiederum zeigt ihn nahbar, menschlich und zärtlich. Kovalevski: "Ellenrieder und Seidler sahen in Jesus das Ideal eines Mannes, der den Kindern ein Freund und den Frauen ein aufmerksamer, sie ernst nehmender Partner ist." In Zeiten von Rohrstock, Zucht und Ordnung in der Kindererziehung eine durchaus subversive Deutung.

    Die Ausstellung bringt ganz bewusst Künstlerinnen und Künstler in Konkurrenz zueinander. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. So gelingt Julie Gräfin Egloffstein 1836 ein Porträt von Königin Therese von Bayern so meisterhaft, so lebendig, so vielschichtig, dass Hofmaler Joseph Karl Stieler alles andere als begeistert ist. Doch Egloffstein, so Eiermann, ist in ihrer Lebensplanung so unstet, dass sie den etablierten Männern nicht gefährlich wird. Lange hat sie sich aus Standesgründen geweigert, ihre Bilder zu verkaufen, doch nach einem luxuriösen Aufenthalt in Italien ist sie pleite. Königin Thereses Auftrag aber ist so lukrativ, dass sie auf einen Schlag ihre finanziellen Sorgen los ist. Sie lässt sogar Lithografien des Gemäldes machen und vermarkten.

    Barbara Krafft: Bauer mit Pfeife, 1799. Das Gemälde hätte in seiner kühnen Derbheit auch 100 Jahre später noch modern gewirkt. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung

    Anna Dorothea Therbusch, im Gegensatz zu vielen Kolleginnen, bis heute ein bekannter Name, malt 1763 ein Bildnis des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz und Bayern, in dem sie geschickt den Staatsmann in einer fast privaten Situation zeigt, ohne ihm die Autorität zu nehmen - lässig hingelehnt, in einer Hand die Schnupftabak-Dose, mit versonnenem, möglicherweise leicht ironischem Blick. Johann Georg Ziesenis hingegen zeigt den Kurfürsten ganz in offizieller Pose. Von Mann zu Mann eben.

    Wo männliche Kollegen Gegensätze betonen, geht es Kauffmann im höhere Wahrheiten

    Doch Star dieser Zeit, Vorbild für viele Kolleginnen, ist Angelika Kauffmann (1741-1807). Eines der Starstücke der Ausstellung ist ihre Version von "Christus und die Samariterin am Brunnen" von 1796. Während männliche Deutungen sich auf die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern konzentrieren und dies in einem Gegensatz zwischen Mann und Frau zeigen, etwa indem sie den Brunnen als Bollwerk zwischen die beiden schieben, entsteht bei Angelika Kauffmann ein Moment echter Begegnung, vielleicht sogar Intimität. Jesu Hand ist nicht abwehrend gegen die Frau erhoben, sondern deutet bibelgetreu gen Himmel – schließlich geht es um höhere Wahrheiten. Und im Gesicht der Samariterin, die in Jesus den Heiland erkennt, spiegelt sich die ganze Verblüffung und Gebanntheit dieser schicksalhaften Begegnung.

    Hin und wieder bekommt der Betrachter eine Ahnung, welche Kunst hätte entstehen können, hätten mehr Frauen mehr Möglichkeiten gehabt, frei zu arbeiten. Barbara Krafft zeigt das mit ihrem "Bauer mit Pfeife" aus dem Jahr 1799, ein ebenso kühn wie derb hingeworfenes, das auch 100 Jahre später noch verblüffend modern gewirkt hätte. Wolf Eiermann: "In dem Moment, wo sie sich nicht nach Auftrageberwünschen richten mussten, konnten sie ganz anderes leisten." 

    Museum Georg Schäfer, Schweinfurt: "Talent kennt kein Geschlecht – Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe". Bis 10. Mai. Geöffnet Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr. Der äußerst hilfreiche Katalog (Hirmer) kostet 29.90 Euro.

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