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    NÜRNBERG

    Möbel: Design contra Bürger-Idyll

    Viel Platz ist nicht für die sechsköpfige Familie. Die „Gute Stube“ hat nur 17 Quadratmeter. Robert Willfroth möbliert sie mit Sofa, Truhe und Vertiko, mit Tisch, drei Stühlen, Blumenständer, Spiegel und Schrank. Und dann hat der Dresdner Familienvater auf dem Plan seiner Wunsch-Wohnung auch ein Klavier und einen Notenständer eingezeichnet . . .

    Der Plan entstand 1906 bei einer Befragung nach der bürgernahen Gestaltung von Häusern. Willfroths Zeichnung erzählt vom Leben und Denken einer bürgerlichen Familie jener Zeit: Hausmusik gehörte dazu. Der Plan verrät auch: Die Gute Stube war zum Repräsentieren da. Sie wurde nur zu bestimmten Anlässen genutzt, bei Familienfesten oder an Weihnachten. Da gab es dann wohl auch Musik.

    Das Alltagsleben der Familie spielte sich im Zimmer nebenan ab. Das war dann wirklich gemütlich – und dennoch praktisch – eingerichtet. Die Wohnstube, zwölf Quadratmeter groß, bot Sofa, Esstisch, Stühle, Schrank, Nähmaschine, Kinderschreibtisch – und einen Spielschrank. Jedenfalls in der optimistischen Planung von Robert Willfroth. Gleich nebenan lag die Küche.

    Ein kleiner Garten

    Der Grundriss, in den der Familienvater seine Möblierungswünsche einzeichnete, ist der Plan eines Musterhauses. Es war Teil der Dresdner Gartenstadt Hellerau. Wie die anderen Häuser des Viertels war es eingeschossig. Im Parterre fanden sich noch Waschraum mit Waschwanne und Waschkessel sowie eine separate Toilette – Anfang des 20. Jahrhundert ein fortschrittliches Detail.

    Im Dachgeschoss mit den schrägen Wänden stellte sich Willfroth Schlafzimmer, Rumpelkammer und einen Raum zum Trocknen der Wäsche vor. Rund um das Häuschen lief ein kleiner Garten, samt Spielplatz für die Kleinen und einem Rasen zum Bleichen der Wäsche: Sonne ersetzte damals die Chemie heutiger Waschmittel.

    Willfroths Entwurf ist der Traum von einem gemütlichen Heim. Gleichzeitig bürgerliches Idyll und praxisgerechter Raum für Familienleben und Hausarbeit. Ein Rückzugsort auch. Und vor allem: bezahlbar.

    Das war auch die Grundidee einer Gartenstadt. Sie sollte außerhalb der schon damals als ungesund empfundenen Städte Wohnraum für Arbeiter und Angestellte bieten. In den Innenstädten war Wohnraum knapp geworden – und teuer. Die außerhalb liegende Gartenstadt sollte städtische und ländliche Lebensweise verbinden, Privatheit mit öffentlichen Räumen und Gebäuden.

    Sympathisch alternativ

    Die Idee kam aus England. Sie breitete sich bis in die 1920er Jahre in ganz Europa aus. In Deutschland gibt es noch immer in vielen Städten Viertel, die „Gartenstadt“ heißen, in Nürnberg ebenso wie in Würzburg. In Schweinfurt ist die Gartenstadt-Philosophie noch heute fassbar. Sie wirkt in ihrem ganzheitlichen Ansatz sympathisch alternativ.

    Zum ganzheitlichen Konzept gehörten die passenden Möbel. Hier kommt Richard Riemerschmid (1868 bis 1957) ins Spiel, dem das Germanische Nationalmuseum Nürnberg eine Ausstellung widmet. Der Münchner war an sich Jugendstilmaler „Ein Zufall scheint ihn zum Kunsthandwerk gebracht zu haben“, schreibt Petra Krutisch, Leiterin der Möbelsammlung des Museums, im Ausstellungskatalog. Riemerschmid entwarf Möbel und plante, als Gründungsmitglied der Deutschen Gartenstadt Gesellschaft, von 1906 bis 1913 die Gartenstadt Hellerau.

    Seine Möbel sollten einerseits hohen Ansprüchen ans Design genügen, andererseits seriell – also preiswert – gefertigt werden können. Designstücke für den Bürger: Derartiges war durchaus im Sinn der Gartenstadt-Philosophie.

    Ob Bücherkasten, Damenzimmer oder Junggesellenbude: Riemerschmids Entwürfe strahlen schlichte Eleganz aus. Sein Nürnberger Zimmer – so genannt, weil von einer Nürnberger Möbelfirma hergestellt – wurde preisgekrönt und von Fachleuten gelobt. Die klaren Formen, der Verzicht auf Dekor, die Symmetrie des Stuhls, wirken zeitlos modern. Riemerschmid-Kollege Hermann Obrist schwärmte, das „Nürnberger Zimmer“ gehöre „zu dem Besten und tadellos Wahrsten und Geschmackvollsten, was an gesund-praktischen Möbeln bis jetzt gemacht wurde,“ Doch es verkaufte es sich schlecht. Es traf nicht den Massengeschmack: „Dem einfachen Mann war es zu einfach, dem Gebildeten nicht minder“, mutmaßt Obrist.

    Die Eleganz des Entwurfs ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Vater Willfroth hätte sich für seine „Gute Stube“ wahrscheinlich auch Möbel gewünscht, die schon auf den ersten Blick repräsentativ wirken. Gepasst hätte das „Nürnberger Zimmer“: Es war für 16 Quadratmeter ausgelegt. Allerdings ohne Klavier . . .

    Die Ausstellung „Richard Riemerschmid – Möbelgeschichten“ ist bis 6. Januar 2019 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen.

    Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10-18, Mittwoch 10–21 Uhr.

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