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    Würzburg

    Nemec und Wachtveitl: Wie der Münchner Grant zum Menschenfreund wird

    Seit drei Jahren spielen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl die Weihnachtsgeschichte von Dickens. Zwei langjährige Gefährten, die durchaus nicht zu allem einer Ansicht sind.
    Udo Wachtveitl (links) und Miroslav Nemec lesen, spielen - und tanzen offenbar auch - die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Foto: André Albrecht

    Charles Dickens' „Weihnachtsgeschichte“ ist - neben der Weihnachtsgeschichte von der Geburt Christi selbst - die vermutlich beliebteste aller Weihnachtsgeschichten. Die Münchner "Tatort"-Kommissare Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl bringen die Erzählung über den alten Geizhals Ebenezer Scrooge, der am Vorabend des Weihnachtsfests von drei Geistern heimgesucht wird und durch sie seine Menschlichkeit wiederentdeckt, in Begleitung eines fünfköpfigen Streicherensembles (Regie Martin Mühleis, Musik Libor Sima) bereits im dritten Jahr als musikalisches Märchen auf die Bühne - in Würzburg am 9. Dezember im Mainfranken Theater. Die Vorstellung ist ausverkauft.

    Frage: Herr Nemec, Sie spielen in der Weihnachtsgeschichte den Scrooge, Herr Wachtveitl den ganzen Rest. Dass Sie, Herr Nemec, also den Grantler übernommen haben, entspricht ein klein bisschen der Tatort-Rollenverteilung, oder tue ich Ihnen da unrecht?

    Miroslav Nemec: Ja, im Prinzip ist das schon richtig. So hat es der Martin Mühleis wahrscheinlich auch angelegt.

    Udo Wachtveitl: Ich sehe das ein bissl anders. Zur Grundausstattung des Münchners, der ja der Leitmayr ist, gehört der Grant. Aber es hat sich so ergeben, dass einer halt den Alten machen muss und der andere die ganzen Geister. Das funktioniert auch ganz gut. Vielleicht hat der Martin auch nur gewürfelt.

    Und der Scrooge wandelt sich dann ja auch - Sie müssen eine Läuterung spielen.

    Nemec: Genau, das ist ja das Interessante an der Rolle, dass es eine Entwicklung gibt, eine Wandlung. Insofern fühle ich mich nicht als Grantler, sondern als geläuterter Mensch.

    Das heißt, Sie haben die klassische Entwicklungsrolle, und Herr Wachtveitl, Sie müssen eher eine Art Nummernrevue abziehen, mit verschiedenen Geistern und einem Kind. Sie sind dann der Multitasker?

    Wachtveitl: Multitasker ist kein schlechter Begriff in dem Zusammenhang. Wir haben versucht, den Geistern jeweils einen unterschiedlichen Charakter zu geben - noch mehr, als das in der Vorlage der Fall ist. Wir haben da aus unserer Spiellust heraus und aus unserem Fundus von inzwischen über 80 Tatorten viel schöpfen können. Es gibt einen Haufen zu spielen - vom jungen Mädchen, das von der Liebe enttäuscht ist, bis hin zum selbstzufriedenen, fiesen Börsenspekulanten. Und das ganz schnell, ohne Kostümwechsel, von der einen in die andere Rolle. Das macht schon Spaß.

    Nemec: Und es wird viel gelacht.

    Das Stück ist ja ein Plädoyer für Menschlichkeit und Mitgefühl. Wenn man beobachtet, wie sich der gesellschaftliche Diskurs derzeit gestaltet, erscheinen solche Plädoyers nötiger denn je. Oder macht man sich da was vor - kann Theater da gar nichts bewirken?

    Wachtveitl: Mir geht es nicht darum, daraus ein politisch-pädagogisches Lehrstück zu machen. Natürlich hat das, was Dickens geschrieben hat, eine gesellschaftliche Dimension. Für uns auf der Bühne geht es aber in erster Linie darum, Personen darzustellen - mit ihren Wünschen, ihrer Fantasie und ihrer Menschlichkeit. Oder eben fehlenden Menschlichkeit. Ich verbinde damit keinen Aufruf zu irgendeinem politischen Programm.

    Nemec: Es muss nicht um Politik gehen. Aber der Abend bewegt trotzdem was. Und ich finde es nach wie vor und besonders jetzt wichtig, zu zeigen, dass der Mensch dem Menschen kein Wolf ist, sondern, dass er Rücksicht nehmen soll. Tolerant. Das ist mir schon ein Anliegen. Und davon erzählt unser Abend. Außerdem ist Advent, da ist die Aufnahmefähigkeit vielleicht etwas emotionaler.

    Wachtveitl: Das liegt am Weihnachtspunsch.

    Nemec: Nicht nur, nein! Ich denke, das ist genau richtig in dieser Zeit. Und dass wir die Geschichte historisch spielen, also in der Zeit vor 150 Jahren belassen, hilft vielleicht dabei.

    Direkte moralische Aufrufe gibt es zurzeit ja genügend. Vielleicht ist dieser Umweg tatsächlich effektiver.

    Wachtveitl: Richtig. Es hat sich inzwischen ja eine ganze Berufskaste von "Empörungsdienstleistern" entwickelt. Das finde ich schon eine fragwürdige Entwicklung. Es ist so wohlfeil, mal schnell irgendeinen Aufruf zu Menschlichkeit zu posten oder zu klicken. Das ist natürlich nicht falsch, aber erstens durch die Fülle und zweitens durch die Leichtigkeit, mit der das passiert, kriegt es den Ruch der Beliebigkeit.

    Die Person des Scrooge wandelt sich ja sehr stark zum Guten. Halten Sie so etwas für realistisch, und wenn ja, für welche Personen heute würden Sie sich einen solchen Wandel wünschen?

    Nemec: Denen, die an den Schalthebeln sitzen, würde ich mehr Demut wünschen. Die, die bestimmen wie wir leben.

    Wachtveitl: Ich bestimme selber, wie ich lebe, da denke ich anders als der Miro. 

    Es herrscht also Uneinigkeit darüber, wie selbstbestimmt wir durchs Leben gehen?

    Wachtveitl: Wenn man die Weltgeschichte betrachtet, dann haben wir heute in Europa ein hohes Maß an Selbstbestimmung erreicht. Und dieses Gejammere, dass man nicht tun kann, was man eigentlich will, das setze ich gern in Relation zu anderen Zeiten und anderen Regierungsformen. Ich finde, wir können ziemlich gut das tun, was wir wollen - man muss es halt auch in die Hand nehmen.

    Nemec: Mir passt das, was Trump macht, nicht. Was Putin macht und was Erdogan macht, auch nicht. Das passt mir alles nicht. Das sind die Leute, die ich meine, die sich ändern sollten im Sinne von Scrooge. Natürlich sind wir selbstbestimmt. Es gibt einen Satz, der mich ein Leben lang begleitet hat, ohne larmoyant zu sein: "Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu." Das ist Ödön von Horváth. Und dann gibt es noch einen Satz von Erich Kästner: "Entweder man lebt, oder man ist konsequent." Und ich habe immer gelebt. 

    Ist so eine Lesung für den Schauspieler eine Befreiung, weil er sich nicht den ganzen Text merken muss, oder eher eine Einschränkung der sonstigen Freiheit auf der Schauspielbühne?

    Wachtveitl: Da haben Sie keine ganz zutreffende Vorstellung von unserem Abend. Es ist ja keine reine Lesung. Nicht nur, weil wir eine eigens für das Stück komponierte Bühnen-Musik und weil wir ein gutes Lichtdesign haben. Wir haben auch regelmäßig szenenhafte Wechsel. Das ist eine Mischung aus Sprache und Musik, Schauspiel, Konzert und Lesung...

    Nemec: ... in der die Bilder im Kopf des Zuschauers  entstehen.

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