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    Würzburg

    Neues Münzkabinett: Kleine Zeitmaschinen in der Residenz

    Es geht um Image-Werbung und sportliches Prestige: Das Martin von Wagner Museum zeigt nun, dass Münzen nicht nur Zahlungsmittel sind. Sogar Erotik spielt eine Rolle.
    Selbstbewusst: „Wir sind erfolgreich“, war die Botschaft dieses Münzbildes. Foto: Christina Kiefer

    Kleingeld. Das muss man hier wörtlich nehmen. Das alte Geldstück ist winzig, kleiner noch als eine moderne Ein-Cent-Münze. Die Mini-Münze aus der thessalischen Stadt Larissa war vor zweieinhalb Tausend Jahren Zahlungsmittel.

    Das aufgeprägte Bild zeigt eine Frau, die mit einem Krug von einem löwenköpfigen Brunnen weggeht. Es ist wohl die Nymphe Larissa. Doch da sind auch andere Bedeutungsebenen. Die Schreitende hebt das linke Bein unnatürlich weit an. Das hat ebenso seinen Grund, wie das leichte Gewand, das die Körperkonturen zeigt. „Das Bild hatte durchaus eine erotische Komponente“, sagt Professor Jochen Griesbach, Leiter der Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg.

    Erotisch angehauchte Frauenbildnisse auf Münzen waren bei den alten Griechen gar nicht so selten. In der Sammlung des Würzburger Unternehmers Herbert Wellhöfer, die nun im Martin von Wagner Museum im Südflügel der Residenz präsentiert wird (siehe unten), finden sich dafür Beispiele. Etwa eine Frau, die sich – eine seinerzeit beliebte Pose – eine Sandale bindet.

    Kleingeld, erotisch angehaucht: Frau am Brunnen.  Foto: Christina Kiefer

    Münzen sind wie kleine Zeitmaschinen. Sie versetzen den Betrachter in die Zeit, in der sie entstanden, erzählen von den Menschen, die sie tagtäglich in die Hand nahmen, von der Gesellschaft, in der sie lebten. Das Relief auf der Münze erzählt auch vom Bild der Frau im damaligen Griechenland. Sie verrichtete Hausarbeit, holte Wasser am Brunnen – und war voyeuristisches Objekt.

    Solch kleine Münzen waren „rein lokale“ Zahlungsmittel, erklärt Griesbach, Über die Grenzen der Stadtstaaten hinaus gelangten nur die großen Münzen. Da „ging es auch darum, das Image der Stadt zu verbreiten“, so der Professor.

    Münzen seien dafür das geeignete Medium gewesen: „Geld geht durch viele Hände. Bilder auf Münzen erreichen viele Menschen.“ Anders als heute, wo kaum einer so recht weiß, was genau auf welche Euromünze geprägt ist, hätten die Menschen früherer Epochen durchaus auf die kleinen Kunstwerke geachtet: „Die Menschen waren nicht derart von Bildern überflutet wie heute“, so Griesbach. Ein Bild war etwas Besonderes.

    Image-Werbung für die Stadt Syrakus: Nymphe Arethusa auf einer Silbermünze. Foto: Christina Kiefer

    Dr. Marc Philipp Wahl, Kurator des neuen Münzkabinetts, zieht sich einen weißen Handschuh über und pickt eine andere Münze aus der Wellhöfer-Sammlung. Die – etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück – zeigt auf der Vorderseite das Profil einer Frau mit lockigem Haar und Ohrgehänge; auf der Rückseite bändigt ein Wagenlenker ein Gespann von vier Pferden.

    Diese Münze wurde von Syrakus aus in Umlauf gebracht. Die sizilianische Stadt, damals griechisch – sie geriet erst 212 vor Christus unter römische Herrschaft –, warb für sich nicht ohne Stolz mit ihrem mythischen Ursprung: Die junge Frau ist die Nymphe Arethusa, die sich in jene Süßwasserquelle verwandelte, um die herum sich die Siedlung bildete.

    Das neue Münzkabinett des Würzburger Martin von Wagner Museums. Der Fries unter der Decke zeigt alle Münzen der Sammlung. Die Originale gibt es in den Vitrinen. Foto: Christina Kiefer

    Image-Werbung mit einer Legende? Das sei keinesfalls abwegig, sagt Griesbach. In einer Zeit, in der sich Wirklichkeit und mythisches Denken vermischten, habe man Legenden durchaus ernst genommen. Wenn man so will, wirkt die Magie der Nymphe noch heute: Die „Fonte Aretusa“ ist ein beliebtes Ziel für Syrakus-Touristen . . .

    Sportliche Erfolge mehren den Ruhm

    Auch die Rückseite mit dem Gespann war gut fürs Prestige der Stadt. Syrakus sei für seine erfolgreichen Pferdegespanne bekannt gewesen, erklärt Archäologe Griesbach. Sportliche Erfolge mehrten schon in der Antike den Ruhm. Die Münze verbreitete die Botschaft: Wir Syrakusaner sind erfolgreich.

    Das von Delfinen umgebene Arethusa-Bild ist aufwendig gestaltet. Die Frisur der Nymphe ist detailliert ausgearbeitet, die Pupille des – einzig sichtbaren – linken Auges scheint geradezu hell zu strahlen. Das ist Kunst, und auch dahinter steckt eine Botschaft: Seht her, was wir in Syrakus können!

    Das Prestige einer Stadt war wichtig. Es habe auch damals Tourismus gegeben, so Jochen Griesbach. Die sahen zwar anders aus als heute – da ging es etwa um den Besuch von Heiligtümern –, aber der Zweck war der gleiche: Besucher brachten Geld, sorgten für eine prosperierende Gemeinde.

    Die Münze aus Syrakus hatte einen Wert von zehn Drachmen. „Das entspricht etwa zwei Wochen Lohn eines gelernten Arbeiters“, so Kurator Marc Philipp Wahl. Mit der Dekadrachme wurden auch Söldner bezahlt. Auch das sorgte für ihre Verbreitung.

    Die Fantasie blüht

    Aufgeprägt ist der Wert nicht. Das war generell nicht üblich. „Es wurde gewogen“, erklärt Jochen Griesbach. Die Dekadrachme ist aus massivem Silber. Ihr Nennwert entsprach ihrem Materialwert. Dass der Materialwert eines Geldstücks unter dem Nennwert liegt und dann der Staat für ihre Deckung garantiert, kam erst später auf.

    Die alten Münzen sind abgegriffen. Bei einigen Stücken der Sammlung ist deswegen die runde Form verloren gegangen. Darin liegt ein Teil ihrer Faszination. Sie sind durch unzählige Hände gegangen. Da sind, jenseits dessen, was die seriöse Wissenschaft sagen kann, der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Mit ihnen wurden schöne Dinge angeschafft oder das Nötigste besorgt, um ein karges Leben zu fristen, wurde Gutes getan und Schlimmes – vielleicht sogar ein Verbrechen finanziert. Münzen sind Spiegel des Menschlichen.

    Das neue Münzkabinett im Martin von Wagner Museum
    Der Würzburger Unternehmer Herbert Wellhöfer hat seine hochkarätige Sammlung antiker griechischer Münzen der Universität gestiftet. Die rund 400 Stücke aus dem fünften und vierten Jahrhundert vor Christus sind in einem neu eingerichteten Kabinett in der Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums zu sehen (Residenz-Südflügel).
    Die Münzen werden in speziellen Schaukästen mit beweglichen Lupen präsentiert. Der Besucher kann sie auch auf einem Tablet betrachten, welches das Kabinett ebenso bereithält wie eine Medienstation mit großem Bildschirm.
    Der Schwerpunkt der Präsentation liege auf den Münz-Bildern, so Kurator Marc Philipp Wahl. Textlastigkeit sollte vermieden werden. Gezeigt wird immer nur eine Auswahl der umfangreichen Sammlung. Die wird aber in regelmäßigen Abständen gewechselt.
    Offiziell eröffnet wird das Münzkabinett an diesem Samstagabend. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 13.30 bis 17 Uhr. Sonntags 14-tägig 10–13.30 Uhr (nächste Sonntagsöffnung am 2. Juni)

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