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    Würzburg

    Opernschule Würzburg: Wie man sich auf eine Opiumpfeife freut

    "Kannst du dich ein bisschen mehr freuen auf diese Opiumpfeife?" – Katharina Thoma bei der Regiearbeit. Foto: Thomas Obermeier

    Als ob Singen allein nicht schon schwer genug wäre: Wer an die Oper will, muss noch einiges mehr können. Lachen, weinen, tanzen, fechten, trinken, küssen und im Ernstfall auch noch möglichst überzeugend sterben – in manchen Fällen bis zu 20 Minuten lang. Und dazu eben singen. All diese Dinge lernt man an Musikhochschulen in der sogenannten Opernschule. Neue Leiterin der Würzburger Opernschule ist die Regisseurin Katharina Thoma.

    Wo sich die Fantasie ungebunden entfalten kann

    Es ist eine Art Vorpremiere: Thoma tritt die Professur zwar erst im Wintersemester an, wollte die Opernausbildung aber bis dahin nicht brachliegen lassen. Und so studiert sie seit Ende Mai zwei Stücke ein, die ab Freitag, 12. Juli, im Theater in der Bibrastraße zu sehen sind: Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" von 1912 und Henry Purcells "Dido and Aeneas" von 1689. Eine der bekanntesten Opern des Barock und ein wegweisendes Stück des frühen 20. Jahrhunderts. "Der Purcell war schon gesetzt, ich wollte noch ein Stück aus einer anderen Epoche dazu nehmen", sagt die Regisseurin, "eines, bei dem sich die Fantasie ungebunden entfalten kann." Das Stück ist ein Liederzyklus, bestehend aus 21 Gedichten für Sprechstimme und Kammerensemble.

    Kreuzigung als Schattenbild: eine Szene aus "Pierrot lunaire" Foto: Thomas Obermeier

    Die Musik ist atonal, aber noch nicht in Zwölftontechnik angelegt. Die skurrilen, surrealen, oft expressionistisch düsteren Texte ("Den Wein, den man mit Augen trinkt, gießt nachts der Mond in Wogen nieder") setzt Schönberg in griffige, oft schräge, mitunter überraschend lyrische Klänge um.  Katharina Thoma inszeniert es mit fünf Sängerinnen als gesten- und bilderreiche Szenenfolge mit durchgehender Handlung.

    Eine Kunstform, die nur gelingen kann, wenn viele Menschen zusammenarbeiten

    Thoma hat seit 2008 an einigen großen Opernhäusern Europas inszeniert und mehrfach auch mit Nachwuchssängern gearbeitet. In Schweinfurt war Anfang Juni ihre Version von Puccinis "Manon Lescaut" für das Theater Dessau zu sehen. Im Januar macht sie in Frankfurt den "Tristan" – eine ihrer Traumopern. Mit dem Hochschultheater in der Bibrastraße mit seinen 234 Plätzen, echter Bühne und echtem Orchestergraben ist sie richtig glücklich. Von Haus aus Pianistin (Studienabschluss 2001), fand sie über die Liedbegleitung eher spät zur Oper. Zunächst beglückte es sie, Gedichte am Flügel mit Klang zu interpretieren, dann kamen Handlung und Bild hinzu.

    Seither fasziniert sie die Gattung Oper, die so viele Kunstrichtungen in sich vereint. Und die nur gelingen kann, wenn sehr viele Menschen zusammenarbeiten. "Vorher hat Oper mich nicht erreicht, und ich verstehe jeden, der damit zuerst nicht so viel anfangen kann", sagt sie. Umso wichtiger findet sie deshalb Werkstattbesuche, Einführungen, Nachwuchsprojekte.

    Fünf Sängerinnen reichen einander die einzelnen Lieder aus "Pierrot lunaire" weiter. Foto: Thomas Obermeier

    Probenbesuch in der Bibrastraße: "Pierrot lunaire", steht auf dem Plan. Die Sängerinnen reichen die kurzen Lieder sozusagen aneinander weiter. Hantieren dabei mit Weinflasche und -gläsern, Tüchern, Taschenlampen, Seilen und einem schweren Tisch, der in einer Szene mit riesen Knall umgestürzt wird. Dazu dieser knifflige Sprechgesang, Einsätze, die genau sitzen müssen, musikalisch wie szenisch.

    Aus dem Klavierauszug beleitet am Flügel Hyeju Jung, die im Wechsel mit Patrick Tuttle die Vorstellungen dirigieren wird. Thomas Lippen bewegen sich in den entscheidenden Momenten mit, ein paarmal springt sie von ihrem Regiepult auf, eilt nach vorne, um gleich noch die Inspizientin mitzumachen.

    "Je weiter hinten man steht, desto doller muss man sprechen."
    Katharina Thoma

    Vieles sitzt, jetzt geht es um Details. Wo ein Weinglas abgestellt werden muss, dass nicht später jemand darüber fällt. Wann genau eine Sängerin hinter einem Vorhang hervorspringt. Wie man mit der Taschenlampe ein Gesicht so von unten anleuchtet, dass es richtig unheimlich aussieht. Und immer wieder: Aussprache! "Je weiter hinten man steht, desto doller muss man sprechen", sagt Katharina Thoma. Und bei alldem natürlich der Ausdruck: "Kannst du dich ein bisschen mehr freuen auf diese Opiumpfeife?", fordert die Regisseurin. 

    Jetzt geht es um jedes Detail: Katharina Thoma am Regiepult Foto: Thomas Obermeier

    Ein zentrales Motiv für Katharina Thoma ist Schlüssigkeit. Sie befragt jedes Stück, bevor sie dafür eine These formuliert. Und dann auch schon mal Erwartungshaltungen enttäuscht. So ist der Monostatos in ihrer Kasseler "Zauberflöte" kein Mohr, sondern ein gemobbter Außenseiter, der sich im Kamin versteckt und deshalb ein schwarzes Gesicht hat. "Bei bestimmten Punkten muss man an die Fantasie des Publikums appellieren."

    Mit einer schlüssigen Inszenierung wiederum können sich auch die Sänger identifizieren. "Mich interessiert erstmal jeder Mensch für sich", sagt die Regisseurin. Immer geht es dabei um Vertrauen, manche muss sie auch erst aus der Reserve locken. "Als Diktator  komme ich nicht weit." Wenn dann der Vorhang aufgeht, muss und kann sie loslassen, sagt sie. "Das ist der Schöpfungsmoment."

    Premiere: Freitag, 12. Juli, 19.30 Uhr, Theater Bibrastraße, Hochschule für Musik, Würzburg. Weitere Aufführungen: Samstag, 13., Montag, 15., Dienstag, 16. Juli. Karten im Foyer Bibrastraße (Mo-Fr 10-12 und 14- 17 Uhr). Zu jeder Vorstellung gibt es um 19 Uhr eine Einführung.

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