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    Würzburg

    Otto Kukla: "Ich habe viel beim ollen Brecht gelernt"

    "Hiob", die Roman-Adaption nach Joseph Roth am Mainfranken Theater, hat viel mit dem epischen Theater von Bertolt Brecht gemeinsam. Schauspieler Otto Kukla erklärt, warum.
    Otto Kukla: 'Ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verbindung mit der Natur wieder bewusster werden.' 
    Otto Kukla: "Ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verbindung mit der Natur wieder bewusster werden."  Foto: Inka Kostan

    Otto Kukla gehört nicht zu den Schauspielern, die im richtigen Leben kleiner wirken als auf der Bühne. In "Hiob", derzeit zu sehen am Mainfranken Theater, ist es sogar umgekehrt. Kukla spielt den Mendel Singer, quasi die Titelrolle, einen Mann, dem das Leben (oder eben Gott) übel mitspielt. Und dem sieht man die Last der ganzen Welt an. Kukla (62) spuckte einst Peymann vor die Füße, rief dann mit Crescentia Dünßer das "Zelt Ensemble Theater" ins Leben und ist bis heute ein Skeptiker des etablierten Stadttheater-Systems. Im Interview erklärt er, warum die Roman-Adaption "Hiob" kein Theaterstück wie "Faust" oder "Hamlet" ist und warum das Ensemble in der Regie von Sigrid Herzog anders spielt als sonst.

    Wie schwer ist es, diese Rolle zu spielen, zwischen Erzählen und Sein? Sie dürfen ja nie ganz in die Figur des Mendel reinschlüpfen.

    Otto Kukla: Da habe ich viel beim ollen Brecht gelernt. Ich habe früher viel Brecht gespielt. Von daher ist das für mich kein Problem, das ist Zuhausesein – seit langer Zeit mal wieder. Ich glaube, für die jüngere Generation ist das schon schwer, weil der heutige Ton auf der Bühne oft viel privater ist. Sehr von der Persönlichkeit ausgehend. Manchmal auch: Wie's mir jetzt gerade geht, so spiele ich auch. Das ist bei der Brecht-Schule, die ich durchgemacht habe, überhaupt nicht der Fall. 

    Wenn jemand eben das vermisst, das direkte Spiel, das man aus dem Kino kennt, die Nähe. Was versteht diese Person nicht, wenn sie sagt, das ist mir hier zu statisch, zu distanziert?

    Kukla: Da ist in erster Linie das über Bande Sprechen. Gerade raus in den Saal, das Publikum immer mitnehmen. Das ist schon ein großer Unterschied zum Film.

    Otto Kukla als Mendel Singer (rechts) und Cedric von Borries als sein Sohn Menuchim in 'Hiob'.
    Otto Kukla als Mendel Singer (rechts) und Cedric von Borries als sein Sohn Menuchim in "Hiob". Foto: Thomas Obermeier
    Was haben Sie für eine Vorstellung, was im Zuschauer passiert, wenn er diesen "Hiob" sieht, eine Romanbearbeitung, die ständig zwischen erzählter und gespielter Handlung hin- und herschaltet?

    Kukla: Es wird ja sehr episch erzählt. Ich hoffe, dass der Zuschauer sich die ersten zwei Drittel mit niemandem richtig identifizieren kann, sondern dass er das mit einer gesunden Distanz betrachten kann. Und dadurch aber die Geschichte mitbekommt und so eine Haltung zu dem Bühnengeschehen einnehmen kann. Und das finde ich beim Theater grundsätzlich erstmal gut. Dass der Zuschauer nicht eingelullt wird, dass er immer noch bei klarem Verstand bleibt. Das ist es, was Brecht wollte, deshalb sein schöner Satz "Glotzt nicht so romantisch!"

    Aber was passiert dann zum Schluss hin?

    Kukla: Im letzten Drittel hoffe ich schon, dass die Leute zum Beispiel dem Mendel Singer emotional näher kommen. Das finde ich gut, dass es eine Mischung wird aus epischem Theater und dann doch Identifikationstheater, wenn man das so nennen kann.

    Wie nah ist Ihnen denn dieser Mendel mit seiner Weltabkehr, seinem Loslassen und seinem sich neu Erfinden?

    Kukla: Die Weltabkehr verstehe ich sehr gut, aber auch gleichzeitig der immerwährende Kampf dagegen und der Schmerz, der damit verbunden ist. Im sich neu Erfinden ist er mir schon nah, weil ich in meiner Biografie oft einen Zick-Zack-Kurs gegangen bin. Eine Sache war im Sack, die konnte ich, dann habe ich was anderes gemacht. Das ist mir also nicht so fremd. Gerade jetzt, vor ein paar Jahren, habe ich den Ort, wo ich mit meiner Frau 30 Jahre lang gelebt hatte, einen Bauernhof im Allgäu, verlassen und ein neues Projekt angefangen. Das ist auch so ein Schritt, wo man loslassen lernen muss.

    Sie meinen Schloss Hirschgarten, wo Sie Kräuter anbauen und Kräutertee-Mischungen selbst herstellen. Also weniger Theater, mehr Garten, mehr Ruhe?

    Kukla: Nein, Ruhe ist das nicht. Aber schon mehr Natur. Wir haben dort einen Ort geschaffen, der offen und einladend ist, und der auch angenommen wird. Wo die Leute viel über Natur und speziell über Heilpflanzen erfahren können. Ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verbindung mit der Natur wieder bewusster werden. Dass wir diesen furchtbaren Dualismus – hier wir, dort die Natur – und den Materialismus überwinden lernen. Wir sagen immer "die Natur", dabei sind wir selber Natur. 

    Nochmal zurück zum Theater: Claus Peymann soll damals zu Ihnen gesagt haben, "denk nicht so dramaturgisch". Wie dramaturgisch denken Sie denn heute noch?

    Kukla: Das hat er mal gesagt? 

    Stand 1992 in der "Zeit".

    Kukla: In der "Zeit" stand auch, "an Demokratie am Theater glaube ich schon lange nicht mehr". Da habe ich ihm dann vor die Füße gespuckt. Trotzdem hat er mich später immer wieder vom Burgtheater aus angerufen: "Herr Kukla, wollen Sie nicht kommen ... Uraufführung Handke ... können Sie dabei sein?" Er ist da sehr treu. Aber was war nochmal die Frage?

    Wie dramaturgisch Sie denken.

    Kukla: Ich denke dramaturgischer als früher auf der Bühne. Das kommt sicherlich daher, dass durch die eigene Theaterarbeit, die Arbeit mit Crescentia Dünßer, der Blick von außen geschult wurde. Das habe ich auch hier bei der Arbeit gemerkt, das läuft parallel immer mit, und ich muss immer aufpassen, dass das dramaturgische Denken nicht zu viel wird, weil ich dann nicht mehr spielen kann. Aber es befreit mich beim Spielen sehr, weil ich immer weiß, was als nächstes kommt, wo ich hingehen muss, wo ich hingucken muss.

    'Im letzten Drittel hoffe ich schon, dass die Leute zum Beispiel dem Mendel Singer emotional näherkommen', sagt Otto Kukla über die Inszenierung des 'Hiob'.
    "Im letzten Drittel hoffe ich schon, dass die Leute zum Beispiel dem Mendel Singer emotional näherkommen", sagt Otto Kukla über die Inszenierung des "Hiob". Foto: Thomas Obermeier
    Ich stelle mir das wahnsinnig anstrengend vor.

    Kukla: Nein, das ist drin bei mir. Das liegt auch daran, dass ich Theater aus allen möglichen Richtungen kennengelernt und gemacht habe. Selbst Bühnenbild entworfen und gebaut, Theater geleitet, Eintrittskarten abgerissen, Stücke selbst entwickelt. Dann wieder gespielt und gleichzeitig Regie geführt.

    Sie haben damals, als sich das "Zelt Ensemble Theater" 1993 auflöste, gesagt, das Zelt würde nicht verkauft, sondern nur eingemottet. Wird es irgendwann wieder hervorgeholt?

    Kukla: Wo haben Sie denn diese Sachen her, die stehen doch gar nicht im Internet? – Nein, es kommt nicht mehr. Verkauft haben wir es damals an das Tübinger Landestheater, die haben darin Sommertheater gespielt, und dann ging es nach Karlsruhe. Die Zelttheaterzeit ging irgendwann zu Ende, weil wir verstärkt angefangen hatten, mit Medien zu arbeiten. Das normale Theater war uns auf den Wecker gegangen, wir dachten, das ist eine Sackgasse.

    Das Stadttheater...

    Kukla: Gut, jetzt holt mich das Stadttheater wieder ein (lacht und schaut sich im Foyer des Mainfranken Theaters um).

    Das wäre meine nächste Frage gewesen: Das Gebäude hier ist wie eine Zeitkapsel, oder? Seit 1966 hat sich nicht allzuviel getan.

    Kukla: Es erinnert mich sehr an Bochum. Das Haus ist in derselben Zeit entstanden. Auch die Schäbigkeit ist dieselbe. Aber das ist auch gut so. Theater ist ein ständiges Provisorium. Das Wichtige ist, was auf der Bühne passiert. Das Drumherum ist nicht so wichtig. Es sei denn, es hat inhaltliche Auswirkungen. Als wir zum Beispiel mit dem Zelt unterwegs waren, war das eine klare inhaltliche Entscheidung, dass der Schauspieler viel mehr Verantwortung übernehmen muss als am Stadttheater. Hier bekommst du alles, Maske, Kostüm, Requisiten. Wir mussten die Kostüme selbst waschen, die Requisiten einkaufen. Das finde ich einen enorm politischen Vorgang, dass die Konsumhaltung, die der Schauspieler oft hat, durchbrochen wird. 

    Haben Sie dadurch grundsätzlich etwas erreicht?

    Kukla: Das Theater ist immer noch ein hierarchischer Betrieb, immer noch sehr feudalistisch. Die können heute eigentlich nur lernen von den großen Konzernen wie Coca-Cola, von den Start-Ups. Da geht es ganz anders zu: Konsens-Findung, Konsens-Entscheidungen. Da kann sich das Theater eine Scheibe von abschneiden, finde ich. Es wird bei den Jungen schon aufgeweicht, und das ist sehr gut so.

    Der Mendel sagt zweimal einen Satz, der mich sehr getroffen hat: "Wir haben nicht genug geliebt." Ist das allgemein unser Problem?

    Kukla: Ja. Da kann ich ganz einfach so Ja sagen. Auch mein Problem. Das muss ich zugeben. Aber ich habe in den letzten 15 Jahren in der Regiearbeit und ganz allgemein mit anderen Menschen mehr und mehr gelernt. Ich meditiere regelmäßig. Als Regisseur haben Sie in der Truppe immer einen Schauspieler, dem Sie gar nichts zutrauen, von dem Sie denken, der kann nicht mal richtig über die Bühne gehen. Dann schließe ich den morgens in der Meditation ein und gebe ihm viel Liebe. Und gerade die fangen dann an zu blühen und werden gut. Das hört sich jetzt sehr esoterisch an, aber ich habe mehrere Beweise, dass es funktioniert. Ich sage immer: Es gibt keine schlechten Schauspieler, es gibt nur schlechte Regisseure.

    Die weiteren Vorstellungen: "Hiob" nach dem Roman von Joseph Roth, Mainfranken Theater Würzburg, 7., 13., 18., 28. März, 29. April, 13. Mai, 16. Juni, 19.30 Uhr. 26. April, 15 Uhr.

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