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    BAD BRÜCKENAU

    PUR: Zwei Stunden in einer besseren Welt

    Hartmut Engler (links) mit Cherry Gehring Foto: Fabian Gebert

    Ob man Hartmut Engler und die Musik von PUR nun mag oder nicht – er ist ein Zauberer: Er beugt sich seinen Fans von der Bühne aus entgegen, als wollte er jedem und jeder Einzelnen vertraulich etwas zuraunen. Und kaum beginnt der 53-Jährige mit dieser leisen, kratzigen Stimme seine sanften Songs von einer besseren Welt, da passiert etwas im (vor allem weiblichen) Publikum.

    Vor allem Frauen zwischen 16 und weit über 60 scheinen plötzlich den Alltag zu vergessen. Sie schließen die Augen, bekommen dieses friedliche Lächeln ins Gesicht, als träumten sie von einem unglaublich eleganten Kleid mit Spaghetti-Trägern (oder träumen sie von Spaghetti-Eis?). Sie heben die Arme und beginnen kollektiv sanft die Hüften hin und her zu wiegen, im Takt der Musik. Die meisten singen leise jede Zeile mit.

    Ein lauer Sommerabend

    Kann man mehr verlangen von einem lauen Sommerabend in einem Schlosspark, über dem der blaue Himmel gar nicht daran denkt, zu regnen, wie all die Wetterfrösche vorher geunkt hatten?

    Engler hat ein gutes Gespür dafür, wann seine Fans so weit sind, dass sie einfach ohne ihn leise weitersingen, sich an diesem sanften Sommerabend treiben lassen in die Sehnsucht von einer heileren Welt.

    An diesem Abend in Bad Brückenau trifft PUR haargenau die Erwartung der rund 3000, die in den Schlosspark gekommen sind, um für zwei Stunden die brutale Wirklichkeit des Alltages zu vergessen – und die verstörenden Bilder aus Nizza, Würzburg, München.

    Der PUR-Frontmann erwähnt das natürlich, vergisst auch nicht zu erzählen, dass er selbst ein Kind von Flüchtlingen ist. Er plaudert zwischen den Liedern von seiner Mutter, der er zum 90. Geburtstag das sentimentale Lied „Wenn sie diesen Tango hört“ widmete. Und natürlich kokettiert er nach über 30 Jahren auf der Bühne mit dem Ruf „dieser inzwischen etwas in die Jahre gekommenen Schülerband“.

    Die ehemalige „Schülerband“ gehört inzwischen mit Millionen verkaufter Alben, Platin-Scheiben und einer ganzen Reihe von Nummer-1-Hits fraglos zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Pop-Acts. Die Mischung aus Klassikern und Songs des aktuellen Albums „Achtung“ kommt gut. an.

    Die aktuelle Tour führt die Band von Hamburg bis zur Loreley, mit Abstechern auch nach Bad Brückenau und Ebern. Engler erklärt sich den neuerlichen Erfolg der Band so: „Im Moment leuchtet sie wieder extrem, die Flamme. Wir hatten ein sehr, sehr gutes Jahr, fast eine Art zweiten Frühling. Die ersten Jahre haben wir wahnsinnig viel Energie gebraucht, um uns hochzuarbeiten. Nach ,Abenteuerland‘ haben wir gemerkt: schneller, weiter, höher geht's nicht. Da besinnt man sich darauf, was wirklich wichtig ist, und das war für uns natürlich gute Musik zu machen.“

    Das bekommen die Besucher vor malerischer Kulisse wahrhaftig geboten. Ob „Lena“, „Indianer“ oder „Achtung“, dem Titelsong des gleichnamigen Albums: Mitsingen ist Pflicht. Anders gesagt: Nicht mitsingen ist (auch für Männer) nahezu unmöglich. Das gilt auch für „Abenteuerland“, den „PUR“-Hit schlechthin – auch wenn der 53-jährige Engler ein wenig kindisch aussieht, als er sich den Federschmuck des Indianerhäuptlings aufsetzt. Auch darum geht es bei PUR – ganz naiv Spaß wie ein Kind zu haben, ohne das Wissen um die böse Welt da draußen jenseits des Konzertgeländes.

    Träume

    Mehr als zwei Stunden bietet PUR gute Unterhaltung, und auch wenn die Fans dankbar allen Mitmach-Aufforderungen nachkommen: Die Band gibt ihren Fans in der historischen Kulisse neben dem Haus der Königsgeliebten Lola Montez vor allem das Gefühl mit, dass man von einer besseren Welt träumen darf – zumindest bis zum Ende des Konzerts.

    Während beim Besucher auf der Heimfahrt noch der letzte PUR-Song als Ohrwurm leise nachklingt, reißt einen das Radio zurück in die Wirklichkeit: Nur 150 Kilometer entfernt, in Ansbach, hat bei einem ähnlich großen Konzert ein Besucher eine Explosion verursacht. Und schon hat einen die brutale Wirklichkeit wieder – alles andere waren immerhin zwei Stunden Illusion „pur“.

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