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    WÜRZBURG

    Peter Simonischek über das Glück der Langeweile

    Philosophisch: Die meisten Zeitgenossen haben Angst vor der Leere. Peter Simonischek kann sie genießen. Warum, erklärt der renommierte Schauspieler im Interview.
    67. Berlinale - NRW-Empfang
    _ Foto: Jörg Carstensen (dpa)

    Peter Simonischek ist einer der profiliertesten Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Er ist am Wiener Burgtheater ebenso präsent wie in Film und Fernsehen. Simonischek spielte von 2002 bis 2009 den Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Er wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt als bester Darsteller für die Titelrolle in dem Film „Toni Erdmann“ mit dem Europäischen, dem Deutschen und dem Österreichschen Filmpreis als bester Darsteller. Am 22. Juni ist er zu Gast beim Würzburger Mozartfest (siehe unten). Der gebürtige Grazer, Jahrgang 1946, ist mit der Schauspielerin Brigitte Karner verheiratet.

    Frage: Ich habe einen hübschen Aphorismus gefunden: „Wer sich langweilt, ist nur unfähig zu genießen.“

    Peter Simonischek: Das kommt mir ein bisschen sehr moralisch vor. Ich finde, es gibt schönere Gedanken zu diesem Thema.

    Zum Beispiel?

    Simonischek: Zum Beispiel kann man Langeweile als Wurzel der Inspiration sehen, als Quelle für Neues. Die originären Dinge entstehen aus der Langeweile, aus der Einsamkeit heraus. In unserem lauten, schrillen und hektischen Alltag ist dafür kein Platz, da wird man andauernd zugemüllt mit aktuellen Dingen. Dem muss man Paroli bieten, um den Tag zu überstehen.

    Langeweile ist . . .

    Simonischek: Langeweile ist die Konfrontation des Menschen mit seiner eigenen Leere, mit seinem eigenen Nichts. Dichter haben sie seit der Antike mal gefeiert, mal verteufelt. Bei Tschechow zum Beispiel haben alle Figuren Angst vor der Langeweile. Beckett behauptet in „Warten auf Godot“, das Leben sei ein mühsamer Zeitvertreib bis zum Tode. „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von Neuem die Nacht“, heißt es da – (amüsiert) ein ziemlich deprimierendes Bild über die Flüchtigkeit unseres Daseins.

    Dazu passt ein Zitat von Arthur Schopenhauer: „Die Langeweile beweist geradezu, dass das Dasein an sich selbst keinen Wert hat, denn sie ist eben nur die Empfindung der Leere des Lebens.“

    Simonischek: Das geht in diese Richtung. Es beinhaltet aber zugleich die Definition des Zustandes, in dem Neues passieren kann. Weil der Mensch in der Langeweile bei sich selbst ankommt. Darauf kommt es an. Rilke empfiehlt in seinem „Brief an einen jungen Dichter“, die Einsamkeit zu suchen, um aus seinem Innersten heraus originell produktiv werden zu können.

    Das klingt alles ziemlich ernsthaft.

    Simonischek: Deshalb wirkt es auf den ersten Blick nicht gerade verführerisch, darüber einen Abend zu machen. Da könnte der Zuschauer schon denken: „Da geh' ich doch lieber dahin, wo es lustig ist, da gehe ich doch lieber ins Kabarett.“ Aber unser Programm „Ennui – geht es immer so weiter?“ ist zum Teil auch sehr witzig. Es gibt Musik vom Ensemble Franui, und es sind wunderbare Texte. Gleich zu Anfang geht es darum, wie die Langeweile in die Welt kam und wie man die Menschheitsgeschichte unter dem Aspekt der Langeweile schreiben kann. Ich glaub' das ist von dem, der „La Noia“ geschrieben hat, der Italiener, na . . . wie heißt er denn (ruft vom Telefon weg): Brigittelein, wie heißt der Autor von „La Noia“?

    WEIBLICHE STIMME (aus dem Hintergrund): Moravia!

    Simonischek: Ah, Moravia. Danke! Meine Frau hat mich gerettet.

    Ihr Beruf ist es ja eigentlich, was gegen die Langeweile zu tun . . .

    Simonischek: Natürlich kann man das auch so sehen. Eine ganze Industrie lebt heute von der Angst vor der Langeweile, nehmen Sie nur mal die ganzen Videospiele. Langeweile soll gar nicht erst aufkommen. Doch da gibt es ein großes Missverständnis. Denn ich glaube, man kann sich gewaltig langweilen, indem man sich – in Anführungszeichen – unterhält. Man kann schon bei Kinderspielen sehen, was Menschen wirklich unterhält, was sie froh macht und ihr Herz erfüllt: Es sind meist solche Spiele, die Kinder sich selbst ausdenken, beim Spielen selbst, im Austausch miteinander. Aber in einer Konsumgesellschaft ist Werbung für Einsamkeit, für Stille, für Ruhe, für Langeweile kontraproduktiv. Denn unser System braucht dringend Bedürfnisse. Und wenn die nicht da sind, werden sie künstlich geweckt.

    Es geht vieles verloren, wenn man – aus Angst vor Langeweile – ständig auf dem Handy herumwischt und verzweifelt nach Zerstreuung angelt.

    Simonischek: Ja, es geht uns vieles verloren. Die Tagesabläufe sind dermaßen beschleunigt – ich find' ja immer, wir leben mitten in einer Explosion. Ich habe in der Volksschule noch gelernt: Auf der Welt leben 2 Milliarden Menschen. Jetzt bin ich 71 Jahre alt und wir sind 8 Milliarden. Innerhalb nur einer Generation gab es mehr Zuwachs als Tausende Jahre zuvor. Das kulminiert alles in einer atemberaubenden Rasanz. Man fragt sich schon, wo das hinführen soll. Allerdings haben sich das die alten Leute immer gefragt (lacht). Die meisten Menschen fahren mit einem Kopfschütteln in die Grube. Das war immer schon so.

    Was tun Sie selbst gegen Langeweile?

    Simonischek: Für mich ist das was Kostbares. Ich bin heilfroh, wenn's mal nicht zischt und macht und klingelt. Man hat ja immer all das im Nacken, was man eigentlich längst hätte erledigen sollen. Das bindet viele Kräfte. Ich stehe ja auch sozusagen das ganze Jahr über im Dienst. Da möchte man doch irgendwann in der Hängematte liegen und sich mal richtig eine Stunde lang überlegen (lachend): „Hol' ich mir jetzt einen Pfirsich oder hol' ich ihn nicht?“ Dieser Zustand hat für mich was durchaus Kostbares und belastet mich in keiner Weise. Natürlich: Wenn das der ausschließliche Zustand wäre, das würde ich, glaube ich, auch nicht aushalten.

    Hab' ich Sie gelangweilt mit meinen Fragen? Sie dürfen ruhig ehrlich sein . . .

    Simonischek: Nein! Wir haben uns doch wunderbar ergänzt.

    Schade, dass Sie nicht „ja“ gesagt haben. Sonst hätte ich gefragt: Womit hätte ich Sie denn nicht gelangweilt?

    Simonischek: das ist immer eine Frage der Aktualität. Ich hatte eben die Premiere von Ayad Akhtars Stück „The Who and the What“. Das ist ein – auch komödiantisches – Familiendrama. Es geht um religiöse Ansichten und im Großen natürlich auch um Religionsfreiheit. Das ist schon ein sehr spannendes Thema, finde ich.

    Am Wiener Burgtheater?

    Simonischek: Am Akademietheater, das ist das kleine Haus des Burgtheaters.

    Simonischek beim Mozartfest

    „Ennui – geht es immer so weiter?“ ist der Titel des Abends am 22. Juni mit Peter Simonischek und der Musicbanda Franui. Beginn ist um 19.30 Uhr im Würzburger Mainfranken Theater. Der Untertitel lautet „Ein Abend über die Langeweile“, an dem aber, so wirbt das Mozartfest, „ganz und gar nichts fad ist“. Burgschauspieler Simonischek liest Texte zum Thema unter anderem von Ernst Jandl, Arthur Schopenhauer, Eckhard Henscheid und Georg Büchner. Die Musicbanda Franui bewegt sich zwischen Musette, Heurigem, Jazz und Kammermusik. Das Ensemble aus Tirol ist mit Blechbläsern, Zupf- und Streichinstrumenten besetzt und pflegt einen kreativen Umgang mit Musik – auch mit der von Mozart. Das Programm „Ennui“ mit Peter Simonischek wurde 2017 bei der Salzburger Mozartwoche uraufgeführt. Vorverkauf: Tel. (09 31) 37 23 36; www.mozartfest.de
    Filmfest Cannes - "Toni Erdmann"
    Komödiant: Simonischek als Toni Erdmann. Foto: Cannes Film Festival, dpa
    Pause an der Alster
    Einfach mal nichts tun. Langeweile kann so beruhigend sein. Foto: Maja Hitij, dpa

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