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    Würzburg

    Premiere "Das hündische Herz": aberwitzig und bizarr

    Szenenfoto aus "Das hündische Herz" nach dem Roman von Michail Bulgakow in der Theaterwerkstatt Würzburg.  Foto: MARKUS RAKOWSKY

    "Verjüngung ist möglich!“ Mit drei Worten beschreibt Prof. Preobraschenski das Leistungsspektrum seiner florierenden Privatpraxis. Sind in der heutigen Zeit Schönheitsoperationen, Botox-Aufspritzungen und andere Körper-Optimierungen schon beinahe selbstverständlich, ging es im Nachrevolutionären Moskau der 1920er Jahre um die ganzheitliche Verbesserung des Menschen. Der Neue (Sowjet-)Mensch würde stärker, schöner, intelligenter und feiner sein, kurz: ein Menschentyp auf einer neuen, weitaus höheren Stufe der Evolution sollte geschaffen werden.

    In seiner satirischen Novelle „Das hündische Herz“ aus dem Jahr 1925 greift der russische Autor Michail Bulgakow in Form einer Tierfabel die Utopie von der wissenschaftlichen Formbarkeit des Menschen auf. Regisseur Michael Wagner hat im überaus funktionalen Bühnenbild von Lisa Schopf die Bühnenfassung in der poetischen Neuübersetzung von Alexander Nitzberg als flotte, schwarzhumorige Groteske für die Würzburger Theaterwerkstatt inszeniert.

    Der „Neue Mensch“ erfüllt längst nicht die Erwartungen

    In einer Operation auf fast offener Szene transplantiert Preobraschenski (Uwe Bergfelder), beim Zunähen mit Nadel und Faden unterstützt von seinem Assistenzarzt Bormenthal (Stephan Ladnar) und seiner Sprechstundenhilfe Sinaida (Sophia Memmel), dem Straßenköter Lumpi (Luis-Fernando Peralta Noguera) Hirnanhangdrüse und Hoden eines verstorbenen Alkoholikers und Kleinkriminellen: Aus Lumpi wird Lumpikow, doch der „Neue Mensch“ erfüllt längst nicht die Erwartungen. Trotz drastischer Erziehungsmaßnahmen und beharrlicher Verbesserungsvorschläge wird Lumpikow mehr und mehr zum unsympathischen Widerling, der säuft, obszön redet und Frauen belästigt. Zudem dient er sich denunziatorisch den neuen kommunistischen Funktionären Schwonder und Knallikowa an und wendet sich so auch politisch gegen seinen proletarierfeindlichen Arzt. Was tun in diesem sich zuspitzenden Kampf zwischen Geschöpf und Schöpfer?

    Immer aberwitziger, geradezu bizarr wird das Geschehen auf der Bühne. Getragen wird es von einem homogenen und überaus spielfreudigen Darsteller-Quartett, dessen Spaß an Spiel und Stück sich sofort aufs Publikum überträgt. Bergfelder, treffend genau als medizinischer Geschäftemacher und wissenschaftlicher Karriererist, Ladnar mal wieder in mehreren Rollen und vor allem als Komödiant grandios, sowie Peralta Noguera beeindruckend in seinem Wandel von menschlicher Hündigkeit zu hündischer Menschlichkeit, lassen den Abend bei aller Ernsthaftigkeit des Themas zu einem überaus kurzweiligen Theatervergnügen werden.

    Auf dem Spielplan bis zum 25. Mai. Karten unter Tel. (0931) 59400.

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