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    WÜRZBURG

    Provenienzforschung: Schwierige Spurensuche im Museum

    Das Problem liegt in den meist allgemein gehaltenen Angaben in alten Berichten. „Ein Sabbatleuchter ist ans Museum gekommen.“ Oder ein Schrank. Mit solch knappen Hinweisen hat es Magdalena Bayreuther ständig zu tun. Eine genauere Beschreibung über die Herkunft gebe es bei Kunsthandwerk meist nicht, sagt sie.

    Die promovierte Historikerin untersucht seit einigen Monaten im Museum für Franken den Sammlungsbestand nach Raubkunst. Die offizielle Beschreibung ihrer Tätigkeit lautet: „Provenienzrecherche zu NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut und systematische Provenienzrecherche mit dem Ziel einer möglichst lückenlosen Klärung der Eigentums- und Besitzverhältnisse“.

    Auch die NS-Zeit Würzburgs hat die Forscherin im Blick

    Wie kamen die Stücke ans Museum? Wo und wann wurden sie erworben – im Kunsthandel, bei Auktionen? Sind es Schenkungen von Privatpersonen? Das sind Fragen, die Magdalena Bayreuther zu beantworten versucht. Aber auch Würzburgs und Unterfrankens Geschichte zur NS-Zeit hat sie bei ihrer schwierigen Spurensuche im Blick.

    Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg bewilligte erstmals dem Museum für Franken ein auf zwei Jahre (bis März 2020) angelegtes Provenienzforschungsprojekt. In Unterfranken wird bereits seit November 2014 im Museum im Kulturspeicher in Würzburg die Herkunft der Werke untersucht. Auch das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt sowie die Museen der Diözese Würzburg beleuchten ihre Sammlungsbestände.

    Im Museum für Franken werden Objekte der Bildenden Kunst und des Kunsthandwerks begutachtet. Magdalena Bayreuther erforscht zudem die Herkunft der Judaica im großen Sammlungsbestand – also jüdische Zeremonialgegenstände – wie Sabbat- und Chanukka-Leuchter.

    Bedeutender Fund jüdischer Ritualobjekte wird in München und Würzburg ausgestellt

    Nicht direkt im Fokus stehen dabei – was die Provenienz betrifft – die vor zwei Jahren bei Inventarisierungsarbeiten im Museumsdepot wiederentdeckten rund 170 Ritualobjekte. Sie konnten bereits vom Judaica-Experten und Direktor des Jüdischen Museums in München, Bernhard Purin, zugeordnet werden: Die Teile des laut Purin bedeutenden Fundes stammen aus unterfränkischen Synagogen und wurden während des Novemberpogroms am 9. und 10. November 1938 aus den Häusern geraubt und in die Maxstraße ins Luitpold-Museum, das kurz darauf den Namen Mainfränkisches Museum erhielt, gebracht. Bei der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 wurden sie durch Feuer und herabfallende Gebäudeteile stark beschädigt.

    Die mittlerweile in Würzburg restaurierten Objekte werden ab 7. November anlässlich des 80. Jahrestags des Pogroms zuerst in München, ab Juni 2019 dann in Würzburg in einer Ausstellung präsentiert. Auf Hochglanz poliert sind sie jedoch nicht. „Die Objekte erzählen ihre Geschichte durch ihr Aussehen“, sagt Claudia Lichte, stellvertretende Direktorin des Museums für Franken. Auch in dieses Kooperationsprojekt ist Magdalena Bayreuther unter Federführung von Lichte involviert.

    Recherche am Objekt und Archivarbeit helfen bei der Suche

    Zum Bestand des Museums für Franken gehört darüber hinaus eine bereits im frühen 20. Jahrhundert aufgebaute eigene Sammlung jüdischer Ritualobjekte. Nur der Altbestand gelte als unbedenklich. Einige Stücke zählen jedoch bis zur endgültigen Klärung der Herkunft mit zum „kritischen Bestand“, so Lichte. Dies sind vor allem die Ankäufe zwischen 1933 und 1945. „Aufgrund der mangelnden Beschreibung können wir jedoch oft nicht nachverfolgen, woher das Objekt kam“, sagt Magdalena Bayreuther.

    Was zuweilen hilft, ist die Recherche am Objekt selbst. Indizien sind zum Beispiel aufgeklebte Marken, schriftliche Hinweise oder ähnliches. Wichtig sei auch die Archivarbeit – eine zeitraubende Angelegenheit. Herausgefunden hat die Forscherin dabei etwas zur Geschichte des Museums. In einem Würzburger Telefonbuch von 1939 hat Bayreuther eine Werbeanzeige des Luitpold-Museums mit einer Auflistung der Sehenswürdigkeiten entdeckt – darunter die Synagoge von Kirchheim, die dort in einem eigenen Raum ausgestellt war. 1940 wird in der im Wortlaut gleichen Anzeige die Synagoge nicht mehr erwähnt. „Durch dieses Nebenaspekt wissen wir jetzt, dass das Museum nicht – wie allgemein angenommen – bereits 1939 für die Öffentlichkeit geschlossen war“, fügt Claudia Lichte hinzu.

    Vier weitere Werke in der Sammlung Gurlitt als NS-Raubkunst identifiziert

    Einige Verdachtsmomente hat ihre Suche nach Herkunft bereits ergeben, „aber noch keine konkreten Ergebnisse“, so Bayreuther. Da ist die Provenienzforschung im sogenannten Kunstfund Gurlitt bereits weiter. Am Montag gab das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bekannt, dass vier weitere Werke als NS-Raubkunst identifiziert worden sind. Die Zeichnungen gehörten der jüdischen Familie Deutsch de la Meurthe und hingen einst in deren Haus in Paris – bis die Nationalsozialisten es konfiszierten.

    Die Werke werden nun an die Erben der Familie zurückgegeben. Sie befanden sich zeitweise in Besitz der Tochter Benita Renate des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Vor fünf Jahren wurde bekannt, dass dessen Sohn Cornelius Gurlitt die Kunstsammlung größtenteils in seiner Münchner Wohnung aufbewahrt hatte. Ab 14. September wird eine Auswahl im Berliner Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ präsentiert.

    Herkunft & Verdacht – Provenienzforschung in der Region

    Museum für Franken: Seit April 2018 überprüft die Historikerin Magdalena Bayreuther Gemälde, Skulpturen, Möbel und Einrichtungsgegenstände, die während und nach der NS-Zeit angekauft oder gestiftet wurden. Bereits in einem Erstcheck der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern seien etwa 20 Fälle mit verdächtiger Herkunft (Provenienz) ermittelt worden. Ein weiteres Ziel des vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg bewilligte Projekts (Laufzeit bis März 2020) ist die Kooperation mit dem Jüdischen Museum in München zur Erforschung des Judaica-Bestandes.

    Museum im Kulturspeicher: Seit 2014 wird im Museum im Kulturspeicher in Würzburg die Herkunftsgeschichte von Objekten erforscht. Im Fokus der Historikerin Beatrix Piezonka standen die zwischen der Galeriegründung 1941 und dem Ende der NS-Zeit 1945 erworbenen Kunstgegenstände. Ergebnisse ihrer Provenienzforschung werden nun erstmals anhand von 20 Fallbeispielen in der Ausstellung „Herkunft & Verdacht“ vorgestellt. Eröffnung ist am Freitag, 14. September, um 18.30 Uhr.

    Museum Georg Schäfer, Schweinfurt: Seit Januar 2017 betreibt die Berliner Kunsthistorikerin Sibylle Ehringhaus für zwei Jahre Provenienzforschung. Es geht einerseits um die anhängigen Restitutionsbegehren, also die Rückforderungen von Bildern, die möglicherweise als Raubkunst eingestuft werden müssen. Letztlich soll die Herkunft aller 1000 Gemälde der Sammlung erforscht werden.

    Museen der Diözese Würzburg: Auch in den Kunstsammlungen der Diözese wird die Herkunft der Kunstwerke untersucht. Christine Bach, Provenienzforscherin an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, erläutert in der aktuellen Museumszeitung „Hinblick“ für die Monate September bis Dezember ihre Arbeit. cj/maw

     

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