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    BERLIN

    Pulitzerpreisträgerin blickt hinter Kleopatras Hollywood-Fassade

    Pulitzerpreisträgerin blickt hinter Kleopatras Hollywood-Fassade

    Nein, sie starb wahrscheinlich nicht durch einen Natternbiss. Dieser theatralische Tod ist nur eine der vielen Legenden, die sich um Kleopatra (69-30 v. Chr.) ranken. Nur wenige Frauen in der Geschichte sind so von Mythen umwölkt. „Zweitausend Jahre schlechte Presse und überhitzte Prosa“ haben eben ihre Spuren hinterlassen. Es ist heute schwierig, hinter all den romantischen Dichtungen, den ausschweifenden Fantasien und Hollywood-Filmbildern die historische Kleopatra zu entdecken. Die amerikanische Autorin und Pulitzerpreisträgerin Stacy Schiff blickt hinter diese Fassaden.

    Und siehe da, in ihrer Biografie zeigt sie uns eine Frau, die mehr ist „als die Summe ihrer angeblichen Verführungen“, eine geistvolle, disziplinierte und äußerst erfinderische Herrscherin, eine gewiefte Strategin und Pragmatikerin der Macht. Die Quellenlage ist in der Tat höchst einseitig. Denn das Bild der ägyptischen Königin wird uns nur von Römern überliefert. Sieger sind aber selten unparteiisch. Und ob Plutarch, Cassius Dio oder Nikolaos von Damaskus – sie alle waren keine Zeitgenossen. Zudem waren sie Männer, die große Probleme mit einer so selbstbewussten Herrscherin hatten, die den Römern auf so erstaunliche Weise Paroli bot: „Man schrieb den Erfolg einer Frau schon immer lieber ihrer Schönheit als ihrer Klugheit zu und reduzierte sie auf ihre Bettgeschichten.“ Außerdem, so erkennt Stacy Schiff an, ist es auch die bessere Geschichte, jedenfalls diejenige, die man besser verkaufen kann.

    Bis heute ist Kleopatra vor allem als die schöne Verführerin von Caesar und Marcus Antonius, nicht jedoch als die kluge letzte Herrscherin Ägyptens bekannt. Indem man sie als politischen Kopf anerkennt, muss man nicht ihre Methoden gutheißen. Die Biografin macht zu Recht darauf aufmerksam, dass Kleopatra eigentlich keine Ägypterin, sondern eine Ptolemäerin mazedonischer Abstammung war. Die Ptolemäer aber zeichneten sich selbst nach den blutrünstigen Standards der damaligen Zeit durch beispiellose Orgien von Plünderungen und Morden aus, am liebsten gleich in der Familie. Kleopatra war hier keine Ausnahme, sie räumte gründlich im eigenen Haus auf. Mit Giften kannte sie sich aus. Zu einem solch schmerzlosen Gift – und nicht zu einer Natter – dürfte sie wohl auch am Ende in auswegloser Situation gegriffen haben.

    Ob sie Caesar und Marcus Antonius liebte, wissen wir nicht. Manches spricht dafür, zumindest lebte sie mit Marcus Antonius über Jahre in einer eheähnlichen Gemeinschaft, hatte mehrere Kinder von ihm. Dass die beiden zu ihrer Zeit mächtigsten Männer Roms vielleicht nicht so sehr von Kleopatras eher umstrittener Schönheit (die Nase!), jedoch von ihrem Charme und Esprit gefangen waren, ist anzunehmen. Immer war es aber auch ein politisches Bündnis, das für beide Seiten lukrativ war. Für Kleopatra, weil sie damit die Eigenständigkeit ihres Landes zu sichern suchte, für die römischen Feldherrn, weil sie nicht auf den Reichtum Ägyptens verzichten konnten.

    Bedeutender als alles andere, meint Schiff, war für Kleopatra, dass die üppigen Ernten ihres Landes eingefahren werden konnten. Weniger ihr Charme, als ihr immenser Reichtum war ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument. Die Strategin und Überlebenskünstlerin fand erst in Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, ihren Meister. Schiff widersteht der Versuchung, die Lücken in den Quellen romanesk auszugestalten. Sie ist eine ernsthafte Biografin, die aber mit leichter Hand und Ironie schreibt.

    Stacy Schiff: Kleopatra – Ein Leben (C. Bertelsmann, 448 Seiten, 24,99 Euro)

    dpa

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