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    Würzburg

    Raubkunst aus unterfränkischen Synagogen

    Blick in eine Vitrine in der Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Museum für Franken in Würzburg. Foto: Klaus Bauer, Elmar Hahn Studios

    Für Roland Metz gibt es jetzt eine Bestätigung. Der frühere langjährige Bürgermeister von Arnstein im Landkreis Main-Spessart blickt in eine der Vitrinen im Museum für Franken. Dort ist aktuell die Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" zu sehen. Metz blickt auf drei silberne Tora-Schilder (Tass). Sie stammen alle aus der ehemaligen Synagoge von Arnstein.

    Metz ist der Vorsitzende des Förderkreises "Alte Synagoge Arnstein". Er erzählt, er habe immer wieder davon gehört, dass noch mehr jüdische Ritualobjekte aus Arnstein existieren. Nun hat er sie vor Augen. Denn neben den Tora-Schildern werden in der Vitrine weitere Judaica präsentiert: zum Beispiel der stark in Mitleidenschaft gezogenen Kiddusch-Becher und ein ebenfalls stark beschädigter Teller.

    Ein Tora-Schild (Tass) aus der Synagoge Arnstein. Im April 1938 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Arnstein aufgelöst und die Ritualgegenstände nach Schweinfurt, dem Sitz des Distriktrabbinats, gebracht.  Foto: Klaus Bauer, Elmar Hahn Studios

    Zwei Tora-Schilder kennen Museumsbesucher bereits. Sie waren lange in der Echter-Bastei  der Festung Marienberg ausgestellt - zusammen mit weiteren Judaica. Die anderen und jetzt erstmals in Würzburg präsentierten beschädigten Ritualobjekte lagerten dagegen lange Zeit unbeachtet im Depot des Museums. Sie wurden erst 2016 bei Inventarisierungsarbeiten entdeckt beziehungsweise wiederentdeckt. Und sie gehörten nicht zum ursprünglichen Sammlungsbestand.

    Laut Museumsleiterin Claudia Lichte hat man sich in den 1970er/80er Jahren mal einen Überblick verschafft, was in den Kisten im Depot sein könnte. "Die Judaica hatten Inventarnummern, es hat sich also schon jemand mal damit beschäftigt." Es hätte aber für die weitere Untersuchung und Zuordnung  viel Sachverstand benötigt, so Lichte, "deshalb hat man alles wieder weggeräumt." Und vergessen.

    Ein spektakulärer Fund

    Erst im Sommer 2017 wurde bekannt, dass im Depot insgesamt rund 150 jüdische Ritualgeräte aufgetaucht sind. Es sei ein spektakulärer Fund, hieß es damals, eine Sensation, einer der größten bundesweit. Er sorgte bei seiner Wiederentdeckung weltweit für Aufmerksamkeit. Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München, sagte damals, er sei sehr überrascht gewesen, dass über 70 Jahre nach Ende der Schoah ein derart umfangreicher Bestand an bisher unbekannten jüdischen Ritualgegenständen in einer deutschen Museumssammlung wiederentdeckt werden konnte.

    Purin ist der Mann mit dem nötigen Sachverstand gewesen."Im Januar 2017 war ich erstmals in dieser Angelegenheit im Museum", sagt er. Er konnte die Objekte größtenteils zuordnen. Sie stammen alle aus unterfränkischen Synagogen: aus Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg. In der Ausstellung hat jeder Ort seine eigene Vitrine. Und die darin gezeigten Objekte "erzählen" ihre Geschichte: durch die Inschriften, die auf die Stifter hinweisen, die die Schoah nicht überlebt haben. Aber auch durch ihre starken Beschädigungen. Die Objekte, die Purin bislang nicht zuordnen konnte, lagern in der Ausstellung in "Arbeitsregalen".

    "Das Würzburger Beispiel wird Schule machen."
    Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München

    Ungeklärt sind die Eigentumsverhältnisse. Der Untertitel der Ausstellung weist darauf hin. Er lautet: "Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute". Viele der ausgestellten Ritualobjekte wurden am 9. und in der Nacht zum 10. November 1938 von Nazi-Anhängern aus den Synagogen mit Gewalt geraubt und gelangten auf bis heute nicht vollständig geklärten Wegen ins damalige Mainfränkische Museum in der Maxstraße. Dort wurden die Objekte dann bei der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 stark beschädigt. Sie glühten aus, wurden in Einzelteile zerlegt, schmolzen ineinander.

    Claudia Lichte informiert, dass die Objekte an die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg übergeben werden. Ein Treuhänder-Vertrag wird demnächst unterzeichnet. Durch die Arbeit von Bernhard Purin hätte sich herausgestellt, dass es sich bei den Judaica größtenteils um Raubkunst handelt. Das Museum für Franken hätte sich an die Stadt Würzburg, dem damaligen Träger, gewandt. Die Stadträte haben dann im Oktober 2018 grundsätzlich beschlossen, dass Raubkunst in den städtischen Museen an ihre einstigen Besitzer oder ihre Erben zurückgegeben wird. Bernhard Purin bezeichnet dies als wegweisend. "Das Würzburger Beispiel wird Schule machen."

    "Sieben Kisten mit jüdischem Material" im Museum für Franken
    In Kooperation mit dem Museum für Frankenwar die Ausstellung zuerst im Jüdischen Museum in München zu sehen. Anlass war der 80. Jahrestag des Novemberpogroms im vergangenen Jahr. Nun sind die Judaica nach Würzburg zurückgekehrt. Die Ausstellung ist im Museum für Franken bis 20. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.
    Die Auftaktveranstaltung zur Ausstellung - eine Podiumsdiskussion - findet am Montag, 24. Juni, statt. Es diskutieren Bernd Sibler, Bayerns Minister für Wissenschaft und Kunst, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt, Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München und Museumsleiterin Claudia Lichte über "Jüdische Objekte in Museen - Sammeln, Bewahren und Ausstellen gestern und heute". Anmeldung bis 19. Juni unter (0931) 205940, per E-Mail: info@museum-franken.de

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