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    SCHWEINFURT

    Schweinfurter Breakdancer: Mögen die den Wagner nicht?

    „Fuck You, Wagner“: Die Schweinfurter Breakdancer zeigen bei ihrem Crossover-Projekt viel Akrobatik.
    „Fuck You, Wagner“: Die Schweinfurter Breakdancer zeigen bei ihrem Crossover-Projekt viel Akrobatik. Foto: Anand Anders

    Der Steppke in der Pause war ein wenig besorgt: „Pappa, warum mögen die den Wagner nicht?“ „Keine Sorge, die mögen ihn bestimmt noch.“ Fast schon prophetisch, denn besser hätte man das neue Crossover-Projekt „Fuck You Wagner“ der Schweinfurter Breakdancer Dancefloor Destruction Crew und des Berliner Regisseurs und Dirigenten Christoph Hagel nicht beschreiben können. Ja, am Ende hat die DDC den Wagner dann doch noch irgendwie gemocht. Und nicht nur deshalb gab es stehend dargebrachte Ovationen bei der ausverkauften Premiere, dem Auftakt des Schweinfurter Nachsommers am Freitagabend.

    Das Problem bei Crossover-Produktionen ist immer gleich: Tiefgang entsteht nur dann, wenn die beiden Gegensätze Verständnis füreinander entwickeln und im Idealfall symbiotisch etwas Neues entsteht. Christoph Hagel ist diesbezüglich ein ausgewiesener Experte, und die DDC-Breakdancer haben mit ihm bei „Breakin' Mozart“ auch schon gute Erfahrungen gemacht. Es braucht ein bisschen Zeit, bis man sich in das von der Stadt Schweinfurt für den Nachsommer in Auftrag gegebene neue Stück gefunden hat. Denn Wagner und Breakdance, da muss man schon die Erwartungen jeweils ein Stück zurückfahren. Und man muss bereit sein, sich auf Neues, noch nie Gesehenes, noch nie Erlebtes einzulassen.

    Irgendwann macht's „klick“

    Auf klassisches Wagner-Getöse und fette Breakdance-Beats. Und irgendwann macht's dann „klick“, und der Abend beginnt die reine Freude zu werden, beginnt interessant zu werden, denn man möchte sehen, wie die DDCler Marcel Geißler, Alexander Pollner, Gregory Strischewsky, Raphael Götz, Michael Lamprecht und Krzyzstof Malicki gemeinsam mit Tänzerin Kira Lefebre die nächste Szene umsetzen.

    Der entscheidende Kniff von Christoph Hagel, diese Symbiose zwischen Richard Wagners gewaltiger Musik, von der Dirigent Simon Rattle mal sagte, sie könne einen wahnsinnig machen, und Breakdance zu schaffen, ist das unvoreingenommene Zulassen von Jugendkultur. Die DDC folgt dem Titel „Fuck You Wagner“ in aller Radikalität, sie reibt sich an ihm, sie schuftet, sie schimpft, sie dreht ihn auf 180 Grad und verwirft das wieder, sie hält sich an das Alte, sie mixt es mit Neuem, sie verfremdet es bis zum Exzess.

    Manchmal, gerade vor der Pause, wird der schmale Grat ein wenig verlassen, ist es doch die eine oder andere Hebefigur zu viel, auch wenn es dem Publikum gefällt. Der gehörige Schuss Akrobatik, der bei „Fuck You Wagner“ den eh schon weit überdurchschnittlichen Breakdance-Fähigkeiten der DDC hinzugemischt wird, ist zwar schön anzusehen, wirkt aber nicht immer zielgerichtet.

    Lohengrin geht zur Schule

    Die hinter „Fuck You Wagner“ stehende Wagner'sche Erzählung ist „Lohengrin“. Dass Hagel und die DDC ihren Lohengrin in eine Schweinfurter Schule stecken und ihn auch noch Wagner nennen, ist nicht nur konsequent, sondern der einzig logische Weg, dass diese Symbiose überhaupt funktionieren kann. Man musste, im besten Wagnerschen Sinne, rausgehen und etwas Neues schaffen. Wagner – hervorragend gespielt und getanzt von Alexander Pollner – kommt in eine neue Klasse, ist dort fremd, versucht sich zu integrieren, wird zurückgestoßen und gemobbt, scheint sich zu verlieben, öffnet sich aber nicht und geht am Ende.

    Neben den vor allem nach der Pause in perfekter Technik und Synchronizität getanzten Szenen, in denen die DDC die offensichtliche Premieren-Nervosität abgelegt hat und ganz bei sich ist, ist der Einbau der in und um Schweinfurt gedrehten Filmsequenzen schlicht eines: sensationell gut!

    Beim Einsatz von Videomaterial im Tanztheater gibt es nur eine Möglichkeit: Mach es richtig, richtig gut oder lass es einfach sein. Die DDC und Hagel machten es richtig, richtig gut, mit Witz, Esprit und einer eigenen Ästhetik integrieren sich die Videos wie selbstverständlich in die Handlung und die Übergänge zwischen Tanz und Film sind eine Augenweide.

    Ob der Steppke realisiert hat, dass Wagners Schicksal am Ende doch nicht so schön ist? Wohl eher nicht, er dürfte wie allen anderen nach der mitreißenden Abiball-Schlussszene, einer Bearbeitung des „Walkürenritts“, noch gestaunt haben.

    Eine Wagner'sche Säulenhalle, die Tänzer mit weißem Hemd und schwarzer Weste, die Tänzerin mit Pailletten-Top, Wagners „Walküre“ gemischt mit Breakdance-Beats, alles wird irgendwie eins, aus dem Lautsprecher schallt immer wieder „Fuck You Wagner“, das Crossover gebiert wahrlich ein neues Werk. Eines, mit dem wohl auch der alte Wagner seinen Frieden machen würde.

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