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    Würzburg

    Scrollen, Googeln, Chatten statt Lesen, Schreiben, Rechnen?

    Zeichen über Zeichen: Möglicherweise sind nicht alle Phänomene des Internet so neu, wie wir denken. Foto: Grafik Jutta Glöckner

    Heute würde Goethe seine Italienische Reise twittern, Schillers "Räuber" wären ein Computerspiel. Das sagt nicht irgendein Internet-Guru. Das sagt Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, eine der altehrwürdigsten Institutionen analoger Kultur überhaupt. Hier lagern Handschriften von Achternbusch bis Schiller, von Adorno bis Cosima Wagner. Aber nicht nur. Das Archiv sammelt jetzt auch Computerspiele – sofern sie erzählerische Strukturen haben.

    Der Zusatz ist ein wichtiger Hinweis: Es geht um den Inhalt, nicht unbedingt seine Darreichungsform. Oder vielleicht doch: Zur Geschichte, die in grauer Vorzeit nur mündlich weitergegeben, später an Höhlenwände gemalt, noch später von Hand aufgeschrieben und noch später gedruckt wurde, kommt nun die Geschichte, die sich der Mensch selbst erzählt. Indem er – freilich in vorgegebenem Rahmen – mit einer Software interagiert. 

    Computerspiele, Internet, soziale Medien: Heißt das, dass irgendwann an Stelle der alten Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen die neuen Kulturtechniken Klicken, Scrollen, Googeln, Chatten, Posten, Streamen, Downloaden treten werden? Die Wissenschaft hält sich noch bedeckt. Immerhin: Studien zeigen, dass Jugendliche, die viel in Kurznachrichtendiensten wie WhatsApp unterwegs sind, nicht unbedingt schlechter abschneiden, wenn sie in der Schule ganze Aufsätze mit ganzen Sätzen schreiben sollen. Wie sich herausstellt, sind Faktoren wie Sozialisierung in Elternhaus und Schule weiterhin weitaus wichtiger.

    Wie Vertreter der Generation X die Vertreter der Generation Y erleben

    Obwohl Facebook inzwischen 15 und WhatsApp auch schon zehn Jahre alt sind, gibt es noch kaum belastbare Erkenntnisse über etwaige Auswirkungen in Sachen Kulturtechniken. "Das ist wie mit diesen Generationen-Labels. Generation Y, also Millennials, oder Generation Z", sagt Frank Schwab, Professor für Medienpsychologie an der Universität Würzburg. "Es ist sehr schwer nachzuweisen, dass es da bestimmte verbindende Eigenschaften gibt."

    Den Vertretern der Generation X jedenfalls, also den 1965 bis 1975 Geborenen (und den davor Geborenen sowieso), kommen die Digital Natives, also die Jüngeren, die schon gar keine Welt mehr ohne Internet erlebt haben, durchaus anders vor. Der englische Unternehmensberater und Management-Guru Marcus Buckingham (Jahrgang 1966) macht das an der Art fest, wie sich junge, von Instagram sozialisierte Menschen in Firmen verhalten: "Sie lieben Aufmerksamkeit", sagt er im Interview mit der "Washington Post", "sie sind nicht auf der Suche nach konstruktivem oder schonungslos ehrlichem Feedback."

    Was das alles mit Kulturtechniken zu tun hat? Grundsätzlich gilt: Kulturtechniken sind kulturelle und technische Konzepte zur Bewältigung von Problemen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Jede Zeit definiert und entwickelt sie für sich neu. Das heißt: Es gab Zeiten, in denen die Kulturtechnik des Feuermachens deutlich wichtiger war als heute. Oder die des Steuerns einer Kutsche.

    Ironischerweise ist das Internet daran schuld, dass sich mehr Menschen schriftlich mitteilen als je zuvor

    Die Wissenschaft hat den Begriff der Kulturtechnik deshalb längst über den klassischen Dreiklang Lesen, Schreiben, Rechnen hinaus erweitert und konzentriert sich auf die Wechselwirkungen von Kultur, Medien und Technik. Und die sind in einer immer digitaleren Welt wohl nirgends so weitreichend wie in der Begegnung von Mensch und Internet.

    Der Medienpsychologe Frank Schwab  Foto: Thomas Obermeier

    Bricht man diese Fragestellung dennoch auf die Kulturtechnik des Schreibens herunter, wird man feststellen, dass es ironischerweise ausgerechnet dem Internet zu verdanken ist, dass sich heute mehr Menschen schriftlich (wenn auch nicht unbedingt schriftsprachlich) mitteilen als jemals zuvor. Wie war das früher? Eine gelegentliche Postkarte aus dem Urlaub vielleicht, mal ein Schreiben an eine Behörde, noch seltener ein richtiger Brief. Es schlagen sich heute also weitaus mehr Menschen mit Buchstaben und Satzzeichen herum (sofern sie sich nicht auf Emojis beschränken) als in vordigitaler Zeit.

    Dass sie dabei in beängstigendem Maße Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion (von Höflichkeitsregeln ganz zu schweigen) ignorieren, belegt also nicht zwingend den Verfall einer Kulturtechnik, sondern schlicht Ungeübtheit. Frank Schwab: "Da wird geschrieben wie in der Kneipe gesprochen oder eben gekauderwelscht wird. Nur dass das eben jetzt im Netz alles dokumentiert ist, das ist alles da."

    "Schon immer haben Menschen die Medien bevorzugt, die eher auf ihrer eigenen Linie lagen"

    Gleichzeitig verlassen die Menschen kaum noch die Filterblasen, in denen genau ihre Weltsicht bestätigt wird. Es tritt ein paradoxer Effekt ein: Einerseits gewährt das Internet nahezu unbegrenzten Zugang zu Information jeder Art auf der ganzen Welt, was unschätzbare Möglichkeiten auch des menschlichen Austauschs bedeutet. Schwab: "Das Internet ist eine Empathiemaschine – zumindest auf der hellen Seite." Die dunkle Seite: In vielen öffentlichen Foren scheinen das Wissen um und der Respekt vor Fakten, Regeln und wissenschaftlicher Expertise immer weiter zurückzugehen.

    Doch wer nun denkt, das seien neue Phänomene, der irrt. Schwab: "Schon immer haben Menschen die Medien bevorzugt, die eher auf ihrer eigenen Linie lagen – die Konservativen die 'FAZ', die Linken den 'Spiegel'".  Und subjektive Sichtweisen seien immer schon von Interessensgruppen oder Individuen vorgegeben worden. "Jetzt passiert das eben auf globaler Ebene. Ich nenne das Onkel Kurt online." Das Problem: Der Mensch ist von seiner evolutionären Ausstattung her gerade mal in der Lage, mit einem Kreis von etwa 150 Personen klarzukommen. Jetzt setzt er sich dem digitalen Tohuwabohu von Milliarden aus. "Da knirscht es emotional im Gebälk", sagt Frank Schwab.

    Helle Seite, dunkle Seite – möglicherweise gilt für das Internet, was man einst auch in der Frühzeit des Fernsehens dachte: Die Klugen macht es klüger, die Dummen dümmer. Höchste Zeit also, eine neue Kulturtechnik zu lernen, vor allem aber zu lehren, am besten an den Schulen: Medienkompetenz. Der richtige Umgang mit einem Medium, das nun auch schon 30 Jahre alt ist. Das gehe durchaus auch ohne große Digitaloffensive, sagt der Medienpsychologe Frank Schwab: "Die Schüler sind ja mit ihren Smartphones sowieso schon dabei. Es gibt Ansätze, aber in der Breite tut sich jetzt nicht so rasend viel."

     

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