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    Serie über Fernsehserien: Türkisch für Anfänger

    Neue ARD Vorabendserie Türkisch für Anfänger
    Die Anfänge von „Türkisch für Anfänger“: Elyas M'Barek als Cem (von links), Adnan Maral als Metin, Pegah Ferydoni als Yamur, Anna Stieblich als Doris, Josefine Preuß als Lena und Emil Reinke als Nils. Das Bild entstand 2006. Foto: Ulrich Perrey, dpa

    Wer im Stehen pinkelt, der hat Angst vor der Liebe. Der Satz fällt irgendwann in Staffel zwei von „Türkisch für Anfänger“, und er bringt so ziemlich alles auf den Punkt, was die Serie auszeichnet: den Mut zur großen Wahrheit, die Unbekümmertheit echter Menschenkenntnis und die reine Lust am Klischee. „Türkisch für Anfänger“ lief mit 52 Folgen in drei Staffeln erstmals von 2006 bis 2008 in der ARD (derzeit auf EinsPlus) und seither in rund 70 Ländern. Laut Wikipedia wird die Serie in Schweden sogar im Deutschunterricht verwendet.

    Zur Versuchsanordnung: Die deutsche Psychotherapeutin Doris (Anna Stieblich) und der türkische Kriminalbeamte Metin (Adnan Maral, jüngst als jordanischer Botschafter in „Homeland“ zu Gast) ziehen zusammen. Und mit ihnen ihre pubertierenden Kinder aus erster Ehe (Doris ist geschieden, Metin Witwer). Die beiden nennen einander „Hasi eins“ und „Hasi zwei“ – schon mit weit weniger kann man die Goldene Palme der Peinlichkeit gewinnen.

    Sie ist militant antiautoritär (sie bevorzugt „autoautoritär“) und esoterisch-schamanisch drauf, er gutmütig, korrekt, zuverlässig. Das erste von vielen Klischees: Durchgeknallte Altachtundsechzigerin liebt überintegrierten Anpasser. Der im Grunde größte Gag der Serie: Diese Beziehung funktioniert am besten von allen. Bei den Kindern läuft's in der Tat um einiges holpriger.

    Die Handlung setzt ein, als Doris und Metin verkünden, dass sie zusammenziehen wollen. Die Szene beim Chinesen gibt den Ton vor: Lena (Josefine Preuß) nennt Metin anfangs nur den „albanischen Terroristen“. Dessen Sohn Cem (Elyas M?Barek), Bilderbuch-Machotürke, verbittet sich, als Albaner beleidigt zu werden – jeder hat eben immer eine Gruppe, auf die er glaubt, herabschauen zu dürfen. Cems jüngere Schwester Yagmur (Pegah Ferydoni), strenggläubige Muslima, verlangt nach einem originalverpackten Teller, auf dem nachweislich noch nie Schwein serviert wurde. Einzig Nils (Emil Reinke), Lenas kleiner Bruder, macht keine Probleme, nervt dafür aber seine Mutter in seiner vermeintlichen Spießigkeit am meisten. Im Folgenden dokumentiert und kommentiert Lena für ihre Busenfreundin Kathy, die gerade in den USA ist, das Geschehen per Videokamera.

    So entsteht eine Art innerer Monolog, der weitere Einblicke in das chaotische Seelenleben Halbwüchsiger erlaubt.

    Wie sich zeigt, stößt die grenzen- und regellose Erziehung zu Toleranz und Weltoffenheit bei den Kindern der linken Westberliner Intelligenz schnell an Grenzen, sobald diese auch nur ansatzweise mit Menschen von außerhalb ihrer Kreise konfrontiert sind. Lena lässt keine Gelegenheit aus, den Islam als absurd rückständig und frauenfeindlich zu denunzieren, wofür Yagmur sie schon mal als „Nazi“ anfaucht. Zwischenzeitliche Annäherungen entpuppen sich schnell als Finten: „Du, Yagmur? Wofür betest du'n eigentlich?“ – „Dass alles so wird wie früher und ihr auszieht.“ – „Schick'n Gruß mit rauf, ich nehm das gleiche.“

    Josefine Preuß schafft das Kunststück, die zynische, sarkastische, intolerante und nicht selten gemeine Lena zu einer hinreißenden Identifikationsfigur zu machen. Sie ist quirlig, sexy, unfähig zu jeglicher Form von Kompromiss, gnadenlos und gleichzeitig anrührend verletzlich.

    Gleiches gelingt Elyas M?Barek aus der Gegenrichtung kommend: Cems ewiger Kampf zwischen Coolness und Gefühl nötigt irgendwann dann doch echte Anteilnahme ab. Es braucht ein wenig, bis man den Ernst dieses Konflikts versteht, schließlich hätte Cem alle Möglichkeiten, die scheinbar freiwillig übernommene Machorolle abzulegen. Aber ganz so einfach ist es eben nicht – der Vater in seiner Beflissenheit, so deutsch wie möglich zu werden, taugt einfach nicht als Rollenmodell (ironischerweise wird ganz zum Schluss Doris die wichtigste Bezugsperson werden).

    In der dritten Staffel, nach unzähligen schulischen und beruflichen Fehlschlägen, sagt Cem in einer eigenartig halbironischen Szene zu Lena „Ich will es schaffen in Deutschland.“ Lena: „Du bist doch kein Asylant.“ Cem: „Ich werde in diesem Land immer ein Fremder bleiben.“

    Die Serie von Bora Dagtekin, der auch die beiden „Fack ju Göhte“-Filme gedreht hat (wieder mit Elyas M'Barek), funktioniert immer auf mindestens zwei Ebenen gleichzeitig: der politisch-gesellschaftlichen und der persönlichen. Sie funktioniert, weil die Figuren bei aller Stilisierung authentisch sind, und sie funktioniert, weil das Drehbuch akribisch jede Untiefe gegenseitiger Vorurteile ansteuert und durchmisst nach dem Prinzip „Raus damit, mal sehen, was passiert.“ Das Zusammentreffen zweier Kulturen in einem gemeinsamen Haushalt in Neukölln wird so zum unerschöpflichen Reservoir für politisch unkorrekte Gags bis hin zum Altnazi-Opa.

    „Türkisch für Anfänger“ ist längst ein Klassiker, wenn auch die andauernde und vom Flüchtlingsthema zusätzlich angeheizte Integrationsdiskussion mit den Dauerbrennern „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaften“ zeigt, dass die Serie ihr beträchtliches Bildungspotenzial noch lange nicht ausgeschöpft hat. Immer wieder erzählen türkische Mitbürger, dass sie – die Migranten – wie eine Art mitschuldige Vorhut der Menschen behandelt werden, die hier Zuflucht suchen. Und nach jedem Terroranschlag im Namen des Islam werden sie – die Muslime – reflexartig aufgefordert, sich zu distanzieren. Ein Miteinander auf Augenhöhe sieht anders aus.

    Nächste Folge: „How to get away with Murder“ oder Schuldig ist nur, wer sich erwischen lässt.

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