• aktualisiert:

    Würzburg

    So schräg ist die fränkische Scheherazade

    Herr Egersdörfer mit Turban und Kaftan, begleitet von Gankino Circus. Foto: Fabian Gebert

    Der abstruseste Moment dieses Abends? Da stehen einige zur Auswahl. Natürlich zuvorderst diese Szene, als Matthias Egersdörfer als Höchstbestrafung die Musiker den "Tanz des Trägers und der vier Frauen" vollführen lässt. Den vier Mannen von "Gankino Circus", die die ganze Zeit schon vom Kabarett-Berserker  Egersdörfer beschimpft wurden, bleibt nichts anderes übrig, als sich unzweideutige Geschlechtsteilmasken überzuziehen . . . und zu tanzen, so wie Herr Egersdörfer es will.

    Auch weit oben: Als der bärtige Mittelfranke, eher vollschlank als rank, mit seinem Luxusleib einen lustvollen Bauchtanz darbietet, wie es - findet er zumindest - "schöner nicht geht". Oder der Moment, als Herr Egersdörfer dem Schlagzeuger die rechten Hand abreißt und der mit blutigem Stumpf umso wilder weiter trommelt. Aber, was soll's, die Abstrusität lässt sich eigentlich kaum auf eine einzelne Szene reduzieren. Denn abstrus ist ja das Programm an sich: Zwei für Absurdes bekannte Großmeister der fränkischen Kulturszene, der Fürther Matthias Egersdörfer und die Dietenhofener Spaß- und Kirchweihkapelle, bieten einen Liederabend mit Geschichten aus 1001 Nacht dar. Und so ist an diesem Mittwoch im Würzburger Bockshorn "Die Rückkehr des Buckligen“ zu erleben. 

    Alles, was ein Unterhaltungsabend braucht: Scheherazade lässt grüßen

    Ein bizarrer Abend! Unter arabisch-exotisch-besinnlich-hypnotisch-wuchtigen Klängen der Weltmusikanten betritt Herr Egersdörfer mit Kaftan und Turban die Bühne und trägt allen Ernstes das Märchen vom Buckligen vor. Scheherazade lässt grüßen, aber man muss sich eigentlich nicht wundern, dass Egersdörfer - inzwischen dem TV-Publikum als Chef-Spurensicherer im fränkischen "Tatort" bekannt - den wundersamen Geschichten von 1001 Nacht, die Claudia Ott übersetzte, verfallen ist. Stecken die uralten persischen Weisen doch voller Poesie und Krimi, voller Erotik und Thrill und Splatter.

    Spannende und spannendere und immer noch spannendere Geschichten 

    Und so wie die schöne Scheherazade einst den wütenden König, der allnächtlich eine Jungfrau töten ließ, bis zum Morgengrauen mit spannenden und noch spannenderen und - Fortsetzung folgt - sicher noch viel, viel spannenderen Geschichten zu besänftigen und so dem sicheren Tod zu entgehen suchte, so fabuliert jetzt also Herr Egersdörfer. Schön und wütend zugleich. Und nun ja, nicht ganz bis zum nächsten Morgen, aber fast.

    Märchenerzähler: Matthias Egersdörfer rezitiert und fabuliert. Foto: Fabian Gebert

    Denn schon die erste Hälfte ist so lang wie bei anderen das komplette Programm. Die Musikanten von Gankino Circus, vom Kaftanträger kräftig verhöhnt, dürfen mit Gitarre, Vibrafon, Saxofon und Klarinette, Akkordeon und Trommeln und anderem Schlagwerk für angemessen orientalisch-jazzige  Atmosphäre sorgen. Und quasi vor dem grimmigen Bühnenbeherrscher um ihr Leben spielen - zur Freude des Publikums.

    Schluss doch noch vor Morgengrauen

    Der verendete Bucklige wird übrigens überleben, trotz Fischgräte im Hals und Dreifach-Ermordung. Und Egersdörfer? Der fantasiert sich großartig von Geschichtli zu Geschichtli, schimpft, flippt ansatzlos aus, verheddert sich, schlägt erzählerische Bögen und Haken und hört einfach nicht auf. Aber weil man nicht im Morgenland ist, ist nach drei Stunden doch Schluss . . .  Der Applaus vom ermattet-erschöpften Publikum: deshalb nur kurz. 

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!