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    GÖTZINGEN

    Suche nach den Wurzeln des Menschseins

    Er hat schon mit seiner Kunst gerungen. Wortwörtlich. Fotos zeigen Gil Topaz im Clinch mit einer seiner Skulpturen. Lediglich Bilder von einer – nun auch schon 20 Jahre zurückliegenden – Performance, oder doch mehr? Sinnbild des künstlerischen Prozesses vielleicht? Des Ringens mit der Idee, des Kampfes mit dem Material? Der Bildhauer reagiert auf Fragen nach dem, was ihn antreibt eher zurückhaltend: „Ich bin nicht der Psychologe meiner selbst.“

    Meißel, Schere, Hämmer, Arbeitshandschuhe auf einem Tischchen wirken wie ein Stillleben aus dem Alltag eines Bildhauers. Feiner weißer Steinstaub bedeckt die Oberflächen. Gil Topaz steht in seinem Atelier zwischen sechs knapp lebensgroßen Figuren, Männern und Frauen in unterschiedlichen Posen. Die Gesichtszüge sind angedeutet.

    Gesichter, wenn auch nur skizziert: Das ist ein vergleichsweise neuer Zug im Schaffen des 52-jährigen gebürtigen Würzburgers. „Man entwickelt sich im Lauf der Jahrzehnte natürlich.

    Würde ich immer das Gleiche machen – ich fände es langweilig“, sagt der Künstler, der mit 20 Jahren Marktheidenfeld – das Städtchen, in dem er aufwuchs – verließ, um in Carrara zu studieren, einem Mekka der Steinbildhauerei.

    Später, als Student in Rom, erhielt er einen Auftrag, der womöglich das Sprungbrett in seine, heute internationale, Karriere war: Er schuf für das Mausoleum von Sergio Leone ein Porträt des legendären Regisseurs („Spiel mir das Lied vom Tod“).

    Bei allem Weiterentwickeln, bei aller Vielseitigkeit, gibt es eine Konstante im Werk von Gil Topaz: Im Zentrum steht der Mensch. Sein Werk sei „eine intime, fast mystische Auseinandersetzung mit dem Menschsein, mit dem Ich und seiner Stellung in der Gesellschaft, sicherlich auch mit dem Sinn des Lebens“, erklärt Topaz dann doch ein wenig sich selbst.

    Wer im Atelier inmitten der Gruppe steht, die Topaz für die Triennale der Skulptur in der Schweiz aus dem Stein schlägt, glaubt, Kontakt mit den Figuren aufnehmen zu können. Das ist durchaus im Sinne ihres Schöpfers. Derart kommunikativ waren Topaz-Werke nicht immer.

    Köpfe, die in seinem großen OEuvre auch losgelöst vom Körper existieren, – als Sitz des Bewusstseins, als Zentrum des Menschseins – hat Topaz früher „expressiv, fast aggressiv“ gestaltet. Hat ihnen quasi die Gesichter weggeschlagen. Frühe Köpfe wirken verletzt, haben keine Augen, können die Welt nicht wahrnehmen.

    Denkmuster uralter Kulturen

    In seinem Projekt „Gedankenströme“ dagegen scheinen die Köpfe im Dialog mit ihrem Umfeld in zu stehen. Linien und Strukturen auf den steinernen Häuptern reagieren auf das, was sie umgibt. Mehr noch: Durch die Orte, an denen sie stehen und das künstlerische Konzept nehmen sie Denkmuster uralter Kulturen auf und lassen den Betrachter daran teilhaben. In acht Ländern stellte Topaz monumentale Köpfe auf – jeder bis zu drei Meter hoch und zwölf Tonnen schwer. Jeder aus Stein gemeißelt, den er vor Ort fand.

    In Ägypten kombinierte Gil Topaz beispielsweise seine moderne Formensprache mit Zeichen, die an Hieroglyphen erinnern. Der „Gedankenströme“-Kopf, hoch über dem Niltal platziert, ist aus hartem Granit, „In einer Schmiede mussten täglich 30 Meißel hergestellt werden“, erinnert er sich. Trotz harter Arbeit gehören die drei Wintermonate in Assuan zu seinen schönen Erinnerungen.

    Die „Gedankenströme“-Köpfe sieht Topaz als „poetische Spurensuche nach den großen Kulturvölkern“. Sie führte ihn zwischen 2002 und 2008 von der Toscana über die Türkei und Syrien bis nach Spanien. „Es war mein spannendstes Projekt“, sagt der Künstler. Eigentlich hätten es neun Köpfe in neun Ländern werden sollen. Doch die geplante Arbeit im Irak wäre zu gefährlich gewesen.

    Die Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte ist ein zentrales Element in den Arbeiten von Topaz, der ganz früher Martin Petz hieß. Sie steht auch hinter den 38 lebensgroßen Figuren, die auf einer Wiese im Park des toskanischen Roccatederighi, sitzen, liegen, stehen, turnen. Lebensfroh wirkt die Gruppe – und ist doch die Umsetzung eines eher nicht lebensfrohen Themas: Topaz interpretierte die berühmten Fresken von Luca Signorelli (um 1450 bis 1523) im Dom zu Orvieto neu.

    Signorelli hat die Letzten Dinge und das Jüngste Gericht dargestellt.

    Die Flucht aufs Land

    So sind die Topaz–Figuren, die sich auf der Wiese tummeln, ein Produkt aus Kultur und Kommunikation – untereinander und mit ihrer Umgebung –, beziehen ihre Existenz aus der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, aus altem Weltbild und heutigen Sichtweisen. Und sind so Bilder, die hinter der Ästhetik der Oberflächen Blicke auf das Wesentliche des Menschseins zulassen.

    Wer Topaz in der spektakulär umgebauten ehemaligen Scheune im sehr ländlichen Götzingen – zwischen Tauberbischofsheim und dem Odenwald – besucht, entdeckt auch Abstraktes. Doch die Frage nach Abstrakt oder Figürlich wischt der Künstler beiseite. Ein Künstler müsse sich heute nicht mehr für die eine oder andere Seite entscheiden. Ja, er arbeite hauptsächlich figürlich. Doch wenn's die Idee verlange, eben auch mal abstrakt.

    Dass er tief in der fränkischen Provinz wohnt, bezeichnet Gil Topaz, der auch ein Atelier in einem aufgelassenen Steinbruch bei Carrara nutzt, als „Flucht“. Er habe Jahrzehnte in Rom und Berlin verbracht – und genug vom Leben in der Großstadt.

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