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    Würzburg

    Tatort-Kommissare auf weihnachtlicher Mission

    Sonst verhaften sie Mörder, in Würzburg bekehrten sie einen hartherzigen Geizhals: Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl mit der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens.
    Sie geben alles: Udo Wachtveitl (links) und Miroslav Nemec. Foto: Silvia Gralla

    Welche Zutaten benötigt man für eine stimmungsvolle Lesung? Ein gute literarische Vorlage, zwei aus dem Fernsehen bekannte Schauspieler, die einander immer wieder übertreffen und wunderbare, eigens für dieses Stück komponierte Musik. All das bekamen die Zuschauer im ausverkauften Mainfranken Theater am Sonntagabend, woMiroslav Nemec und Udo Wachtveitl Charles Dickens' Weihnachtsgeschichteinterpretierten.

    Die literarische Vorlage ist – neben der Schilderung von Jesu Geburt im Neuen Testament – die wohl meisterzählte Geschichte in der Adventszeit. Die sozialkritische Erzählung vom alten Geizhals Ebenezer Scrooge, der am Vorabend des Weihnachtsfests von Geistern heimgesucht wird und durch sie seine Menschlichkeit wiederentdeckt, ist ein Klassiker. Regisseur und Produzent Martin Mühleis hat daraus mit seinem Sagas Ensembles ein beglückendes Bühnenmärchen mit Musik arrangiert, das nichts an Aktualität eingebüßt hat.

    Erst stimmungsvoll, dann schräg

    Fünf Streicher, ganz in Schwarz, sitzen mit lebensgroßen weißen Engelsflügeln auf der Bühne. Sie stimmen das traditionelle englische Weihnachtslied "We Wish You a Merry Christmas" an, das in den nächsten zwei Stunden noch manches Mal erklingen wird. Zunächst ist alles sehr stimmungsvoll, dann schleichen sich immer mehr schräge Töne in die bekannte Melodie. Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec betreten die Bühne. Seit 25 Jahren stehen sie als Tatort-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr vor der Kamera. Sie sind Publikumslieblinge. Sobald sie auftauchen, klatscht das Publikum. Die Fernsehfiguren scheinen nach all den Jahren geradezu wie Geister über ihnen zu schweben.

    Mehr als eine Lesung: Die als Tatort-Kommissare bekannten Schauspieler Udo Wachtveitl (links) und Miroslav Nemec im Mainfranken Theater. Foto: Silvia Gralla

    Um Geister geht es auch bei Dickens – Geister, die das Verbrechen unmenschlicher Härte und Kälte abstrafen. Die Szenerie wird reduziert auf den hartherzigen Ebenezer Scrooge, brillant dargestellt von Miroslav Nemec. Ihm gegenüber mimt Udo Wachtveitl die Geister, die Scrooge am Vorabend des Weihnachtstages zur Barmherzigkeit bekehren wollen. Was als Lesung beginnt, wird im Laufe des Abends mehr und mehr zum Theaterstück. Dabei spielen sich die befreundeten Schauspieler die Bälle nur so zu. Dabei bleiben die beiden nicht an ihren Lesepulten stehen. Nemec dreht sich, stampft auf, geht in die Knie, um dann kurz vor der Pause noch einen wilden Tanz aufzuführen.

    Lichteffekte, Bühnennebel und auf die schwarze Leinwand projizierte Silhouetten sorgen für die passende, teils gruselige Stimmung. Mal leuchten die Flügel der Musiker in Orange und scheinen fast zu brennen, mal sind nur die Podeste der Streicher in grellem Lila beleuchtet. Nemec als der zunächst gefühllose Scrooge, der durch geisterhafte Missionen immer mehr zum mitfühlenden Menschen geläutert wird, redet sich in Rage. Er schimpft, er kontert, er lamentiert. Udo Wachtveitl dagegen schlüpft mit veränderter Stimme, Haltung und Gestik in alle übrigen Rollen. Er mimt alle möglichen Charaktere vom kleinen Timy bis zu den vier Geistern, von der Verlobten bis zu Mrs. Cratchit. Dabei zeigt er sich nicht nur stimmgewaltig, sondern immer wieder auch mit spielerischer Leichtigkeit als Komödiant. Einmal läuft er als Geist sogar gegen eine Wand.

    Die Figuren erwachen zu neuem Leben

    Bei dieser Version der Weihnachtsgeschichte darf auch gelacht werden, denn – um bei Dickens zu bleiben – "nichts in der Welt ist so ansteckend wie Gelächter und gute Laune". Darüber hinaus sorgen die TV-Stars mit ihrem eindringlichen Spiel dafür, dass das Stück das Publikum berührt. Die Figuren erwachen unter ihrer Präsenz zu neuem Leben. Passend zur Weihnachtszeit geht es um Werte wie Barmherzigkeit, Liebe, Mitgefühl, Geborgenheit und Nächstenliebe. Das gefällt dem Publikum. Regisseur Martin Mühleis hat eine nachdenkliche und berührende Geschichte geschaffen, die perfekt auf die Darsteller zugeschnitten ist. Das Publikum dankt es den Schauspielern und Musikern mit nicht enden wollendem Applaus.

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