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    Weikersheim

    Tauberphilharmonie: Wie der Intendant Kultur neu denken will

    Der Intendant in "seinem" Haus: Johannes Mnich auf der Empore im Großen Saal der Tauberphilharmonie. Foto: Thomas Obermeier

    In den Außenanlagen wird noch gearbeitet, drinnen läuft schon seit Mitte Juli das Sommerprogramm. Alle Veranstaltungen im Großen Saal der Tauberphilharmonie in Weikersheim bisher waren ausverkauft, die Galaeröffnung mit dem Bundesjugendorchester am 14. September ist es seit Monaten. Johannes Mnich, der Intendant des neuen Konzerthauses, ist hochzufrieden mit der Resonanz, auch wenn es sein Publikum immer wieder spannend macht: Viele kaufen ihre Karten auf den letzten Drücker. Und sind dann – wie die Künstler – begeistert von Architektur, Atmosphäre und Akustik.

    Frage: Auf der Homepage der Tauberphilharmonie steht, Sie wollen "Kultur neu denken". Was heißt das?

    Johannes Mnich: Das heißt, dass ich keinen vorgegebenen kulturellen Kanon habe und nur Klassik mache, sondern dass ich bei allem, was ich mache, darüber nachdenken muss, wo der Nutzen für das Publikum ist. Der Mehrwert. Das können Rahmenveranstaltungen sein wie Schulbesuche oder Workshops oder Aktionen wie beim Konzert des Pianisten Igor Levit, wo wir über 150 Leute eingeladen haben, die sich gesellschaftlich engagieren und für die wir mit „Klassik für Alle“ einen Konzertbesuch ermöglicht haben..  

    Sie verwenden auch das Wort "Nachhaltigkeit"  – was bedeutet das im Zusammenhang mit Kultur?

    Mnich: Darüber werden wir nächstes Jahr ein Wochenende lang diskutieren. Zum Beispiel mit dem größten Biobauern in der Region, mit dem Energieversorger, mit den Stadt- und Landschaftsplanern und eben auch mit Vertretern der Kultur, in diesem Fall der Jungen Deutschen Philharmonie, die sich selbst als Zukunftsorchester bezeichnet. Wir wollen gemeinsam darüber nachdenken, was es bedeutet, sich regional nachhaltig zu verorten. Auch das ist die Aufgabe eines solchen Hauses, das zwar ein Konzerthaus ist, aber eben auch eine Stadthalle. 

    Die Tauberphilharmonie in Weikersheim – das Foyer lenkt den Blick auf die Türme der Altstadt. Foto: Thomas Obermeier
    Der Verankerung des Hauses in der Region scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

    Mnich: Absolut – wir haben für den Eröffnungssommer genau 18 Konzerte geplant, so viele, wie es Kommunen im Main-Tauber-Kreis gibt. Und jede Kommune hat die Patenschaft für eines der Konzerte übernommen. Nächsten Juni mache wir zum Abschluss der Saison ein einwöchiges Festival, das sich nur der Region widmet, fast nur mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region. Wir nennen das MiMT - Made in Main-Tauber. Jeden Tag wird es einen anderen Schwerpunkt geben, während der Fußball-Europameisterschaft wird hier nebenan ein Elfmeter-Turnier gespielt. Im Konzertsaal wird es Public Viewing geben, so holen wir die Leute ins Haus.

    Das sind jetzt keine kulturellen Veranstaltungen im engeren Sinne, oder?

    Mnich: Es gibt größere Städte, die Kultur schon in diese Richtung denken. Also weg vom Image des elitären Elfenbeinturms. Obwohl der auch schön sein kann: Einige meiner berührendsten Konzerterlebnisse hatte ich völlig ohne verbindende Elemente. Der Pianist Grigory Sokolov zum Beispiel kommt auf eine halbdunkle Bühne, spielt und geht wieder. Das können großartige Momente sein. Aber wenn man ein neues Konzerthaus in eine Region wie diese stellt, kann man nicht mehr mit diesem Denken an die Sache herangehen – das ist inzwischen aus der Zeit gefallen.

    Das Konzept könnte auch sein, möglichst viele große Namen nach Weikersheim zu holen. Und damit auch Publikum aus den Metropolen wie Frankfurt oder Stuttgart.

    Mnich: Wenn man ehrlich ist, sieht man immer wieder dieselben Gesichter in all diesen Städten. Mir geht es aber um Qualität und Authentizität. Und die gibt es auf vielen verschiedenen Ebenen. Wenn ich jemanden wie Igor Levit bekommen kann – sofort. Aber ich selbst höre wahnsinnig gerne zu und entdecke Neues. Ich habe zum Beispiel für das nächste Jahr die Altneihauser Feierwehrkapell'n gebucht. Ich bin Norddeutscher, der Fasching ist mir völlig fremd, aber die kommen mit einer derartigen Glaubwürdigkeit rüber. Das sind strenggenommen Laien, die haben alle ordentliche Jobs, aber sie machen mit großer Leidenschaft Musik. Wenn die kommen, dann ist der Saal pickepacke voll. 

    Da tobte der Saal: Konzert mit Meute im August. Foto: Steffi Rettinger
    Das Haus will nahbar für alle sein. Gilt das auch für die Künstler, die Sie einladen?

    Mnich: Es geht nicht darum, einfach große Namen einzukaufen. Wir wollen Künstler, die etwas zu sagen haben und die nicht bei uns einen praktischen Zwischenstopp zwischen München und Frankfurt einlegen. Wir bringen viele der Künstlerinnen und Künstler bei Gastfamilien unter. Das spart zum einen Geld, und wir haben aktuell auch gar nicht die Hotelkapazitäten – wobei es auch da Entwicklungen gibt. Aber das Wichtigste ist, dass dadurch eine weitere Verbindung zwischen Publikum und Haus entsteht. Dann sagen die Leute im Konzert: "Schau, der Schlagzeuger hat heute bei uns übernachtet" oder "Mit der Geige habe ich heute gefrühstückt." Das reißt Barrieren ein.

    Wo ist die Grenze, was würden Sie in der Tauberphilharmonie nicht spielen?

    Mnich: Ich möchte keine reine Abspielstätte sein. Ich würde bei allem Nein sagen, wo es um plumpe reproduzierbare Unterhaltung geht. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ich eine Agentur für Schlagermusik einlade, die sowieso schon 150 Shows mit demselben Programm in Deutschland spielt. Ich sehe da absolut keinen Mehrwert. Im Vorfeld der Eröffnung bin ich auch gefragt worden, was ist mit Schwarzlicht-Partys. Ober Schaumpartys. Der Boden ist viel strapazierfähiger, als man dachte, das haben wir beim Meute-Konzert erlebt, aber es gibt trotzdem Grenzen. Man kann da keine Schaumpartys machen. 

    Wo kommt die Tauberphilharmonie überhaupt her? Was war der Anstoß?

    Mnich: Das kommt im allerbesten Sinne aus einer städteplanerischen Verantwortung. Weikersheim sieht sich im Main-Tauber-Kreis völlig zu Recht als die Metropole für Musik und Kultur. Das hängt natürlich wesentlich mit den Jeunesses musicales zusammen, die seit Jahrzehnten die Gegend prägen. Die bringen 10 000 Jugendliche pro Jahr her, mit 30 000 Übernachtungen. Dieser Ort lebt mit und von den Jeunesses. Als 2011 die Frage kam, sanieren wir die Stadthalle, oder bauen wir neu, und wenn wir neu bauen, was bauen wir, haben Bürgermeister, Gemeinderat und Bürgerschaft die Entscheidung getroffen, die Rolle als Musik- und Kulturstadt anzunehmen. Also baute man ein Kultur- und Veranstaltungshaus. Mit toller Akustik, aber eben auch vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten für Bürgerschaft, Firmen und Vereine.

    Wie stellen Sie sich die Balance der Funktionen vor: Stadthalle einerseits, Konzerthaus andererseits?

    Mnich: Wie die Balance letztlich funktioniert, das muss das Publikum entscheiden. Aber die ersten Anzeichen sind sehr vielversprechend, dass es tatsächlich gelingt, hier einen herausragenden Klavierabend oder ein Sinfoniekonzert zu machen, aber auch einen Sommerball oder ein Konzert mit Götz Alsmann und Band. Dass wir also ein sehr breites Spektrum zeigen können. Und das entspricht dem Bedürfnis des Publikums: Die Vielseitigkeit der Interessen geht immer weiter in die Breite. Die Leute wollen etwas erleben, sie wollen besondere Konzerte in besonderen Häusern.

    Heißt das im Umkehrschluss, dass der klassische Quartett- oder der Liederabend in absehbarer Zeit ausgedient hat?

    Mnich: Nein. Das hoffe ich jedenfalls nicht, weil ich selbst eine wahnsinnige Schwäche für Streichquartett und Kunstlied habe, also zwei Gattungen, die heute als Kassenkiller gelten. Ich glaube aber, dass man sich gerade in dem Bereich mehr anstrengen muss. Dass man mehr vermitteln muss, warum diese Musik und diese Genres auch für eine heutige Gesellschaft und die heutigen Jugend eine Bedeutung haben. Wenn die Veranstalter sagen, ihr müsst mehr Schubert oder Beethoven hören, möchte ich immer aufspringen und sagen, warum? Sagt doch mal, warum diese Musik so toll ist! Das einfach nur vorauszusetzen, ist mir zu wenig.

    Die Tauberphilharmonie Weikerskeim
    Das Haus: Entworfen hat den 14,1-Millionen-Bau in der Weikersheimer Tauberaue das Büro HENN Architekten aus München. Der Baukörper mit fünfeckigem Grundriss besteht aus zwei ineinander geschobenen Kuben und eröffnet Sichtachsen auf die Weikersheimer Altstadt jenseits der Tauber. Es gibt zwei Säle mit maximal 612 beziehungsweise 200 Plätzen, der kleine ist mehrfach unterteilbar. Die extrem leise Lüftungs- und Heizungsanlage wird mit Erdwärme betrieben. Der Große Saal ist mehrschichtig umhüllt: Außenhülle Stahlbeton, dann eine Haut aus Blech, eine Schicht Fasergipsbeton, auf die 246 Eichenholzplatten verleimt sind.
    Die Finanzierung: Von den 14,1 Millionen Euro Gesamtkosten hat der Bund 4 übernommen, 4,1 die Stadt, der Rest kommt von Land, Landkreis und Sponsoren. 
    Der Betreiber: Die Tauberphilharmonie ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts, zu 100 Prozent in Händen der Stadt Weikersheim. Geplant wird mit einem jährlichen Zuschuss von 300 000 Euro inklusive Betriebs- und Personalkosten für vier Mitarbeiter.
    Der Intendant: Johannes Mnich, 34, geboren in Würzburg, aufgewachsen bei Bremen, hat Klavier in Hannover und London studiert, dann beim BASF-Kulturmanagement in Ludwigshafen gearbeitet. Er war zuletzt Projektleiter für das Internationale Musikfestival „Heidelberger Frühling“.
    Das Programm: Neben Klassikkonzerten etwa mit dem Bundesjugendorchester (14. September) oder dem Trio Catch (18. September) gibt es Genreübergreifendes wie die Band Spark (12. Oktober), Kabarett mit Erwin Pelzig (10. Oktober) oder Rolf Miller (17. Januar) und Pop mit Götz Alsmann (30. September) oder Ulrich Tukur (12. Dezember). Das Haus ist außerdem Stadthalle, die Vereinen, Firmen und privaten Mietern zur Verfügung steht. An 100 bis 120 Tagen im Jahr nutzen die Jeunesses musicales als Ankermieter die Philharmonie. (maw)

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