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    WÜRZBURG

    Theater: Im Gewölbe des Max Stern

    Uraufführung von „Magnolienzeit“ im Max-Stern-Keller unter der Neubaukirche. Foto: Thomas Obermeier

    Vielleicht liegt es auch am Raum, dass dieser Abend ein stimmiger wird. Vielleicht gerade am Raum. Ein steinernes Gewölbe, direkt unter der Alten Universität. Der Würzburger Weingroßhändler Max Stern hatte die ausgedehnten Keller zur Pacht angeboten bekommen. Und so lagerten unter der Neubaukirche einst 500 Fässer mit einer Million Liter Wein. Bis die antisemitischen Anfeindungen immer heftiger, bedrängender wurden und sich Max Stern 1938 gezwungen sah, den gesamten Besitz zu verkaufen und mit seiner Familie in die USA zu fliehen.

    Ein Stück am passenden Ort

    Es geht nicht um den jüdischen Kommerzienrat an diesem Abend. Es geht nicht um Wein. Aber dass das Mainfranken Theater 73 Jahre nach der Zerstörung der Stadt seine „Magnolienzeit“

    nicht im eigenen Keller, in seiner Kammer uraufführt, tut vieles zur Sache. Wo passte ein Stück zu jenem Datum, dass sich so in das Gedächtnis der Stadt eingebrannt hat, besser als in einem Raum, der im Geschehen stand? Am Abend des 16. März 1945 hatten im Keller der Neubaukirche, in Max Sterns altem Weinkeller, viele Menschen Schutz gesucht – und den Tod gefunden.

    „Vorsicht Stufe. Kommen Sie ruhig näher, näher.“ Regisseur Tjark Bernau und Dramaturgin Antonia Tretter lassen ihre Theaterarbeit, die den Spuren der Zerstörung folgen und die Auswirkungen des 16. März auf die Identitätsbildung Würzburgs hinterfragen will, mit einer Stadtführung beginnen. Da sind die Fakten: Ein sonniger Frühlingstag, abends Fliegeralarm, 17 Minuten Luftangriff, britische Bomber werfen mehr als 900 Tonnen Sprengstoff auf die Stadt. „2000 Grad Celsius um Mitternacht“, erzählt die Stadtführerin in nüchterner Sachlichkeit, die Hitze lässt die Glocken des Doms schmelzen. „Es gab nur rund 5000 Tote bei einer 100 000-Einwohner-Stadt“.

    Waren es nicht nur 3500, fragt einer die Stadtführerin. Und was ist mit Nürnberg, wirft eine Touristin ein, von Scheinangriff auf Nürnberg könne ja keine Rede sein . . .

    Und schon wird geschöppelt, getanzt, gefeiert im Max-Stern-Keller, der am Donnerstagabend zur intimen Bühne für eine besondere Theaterarbeit geworden ist. „Wir hatten keine Angst! Würzburg war eine fröhliche Stadt.“ Ganz nah sitzen die Zuschauer an den fünf Schauspielern, die nicht mehr als ein paar Holzkästen brauchen, um historische Quellen szenisch mit Leben zu füllen und Erinnerungen wachzurufen.

    Zeitzeugen sprechen - und historische Quellen

    Bernau und Tretter haben Zeitzeugen der Bombennacht getroffen, haben Historiker befragt, mit Fachleuten gesprochen, Akten, Zeitungsartikel und Briefe gelesen – und aus der riesigen Menge an Tradiertem, Gewusstem, Aufgearbeitetem, Gehörtem eine Szenencollage gemacht. Vielstimmig und dicht, intensiv und eindringlich. Gerade weil sie Originalquellen eins zu eins vortragen, die Zeugen zu Wort kommen lassen – und nicht deuten, sondern veranschaulichen.

    „Der Hitler war auch hier gewesen“, sagt einer, mit gebrochenem Stolz in der Stimme. „Im Volk, im Volk, da war ein Zusammenhalt gewesen, wie er nach dem Krieg nicht mehr entstanden ist.“ Und dann wird dort, wo einst ein jüdischer Geschäftsmann und Philantrop so erfolgreich fränkischen Wein vertrieb und jetzt die Jurastudenten ihre Cafeteria haben, freudvoll ein Nachlass versteigert. „Heute im Angebot, Wohnungseinrichtung der Jüdin Sarah Homberger.“ Eine kleine Suppenschüssel, ein braunes Kännchen mit Deckel, drei Tassen mit Untertassen, sieben Senflöffel. „Und sechs gehäkelte Unterdeckelchen, da greift man doch zu.“ Irgendwann stürzen sich die fünf in der Kellermitte voller Gier auf das Mobiliar und reißen ungehemmt die Kleider aus dem Schrank. Dabei galt es nur, das Versteigerungsprotokoll der Gestapo vom 21. Dezember 1943 zu verlesen.

    Einladung, das Überkommene zu hinterfragen

    Gestapoakten, Ratsprotokolle, Zeitungsartikel, Wurfzettel. Mal stoisch, mal nebenbei, mal mit zitternder Stimme und packendem Spiel tragen Maria Brendel, Helene Blechinger, Hannes Berg, Bastian Beyer und Anton Koelbl das dokumentarische Material vor. Es verbindet sich in den Köpfen der Zuschauer – und unausgesprochen ist da der Auftrag, nein die Einladung, Gehörtes zu reflektieren, Überkommenes zu hinterfragen, der Vergangenheit nicht Neues hinzuzudichten.

    Für den Schrecken des 16. März reicht das Glockengeläut

    Dann ist er da, der 16. März. Es braucht keine Worte, nur das Glockenläuten aus dem Off. Bastian Bayer wirft schwarze Papierfetzen aus dem Blecheimer in die Luft. Für kurze Zeit geht im Bibliothekskeller das Licht aus. Und wieder ist da eine Zeitzeugenstimme: „Es war ja ein Wind, ein wahnsinniger Wind. Also, es war . . . es war grauenvoll.“

    In den dichtgewobenen 70 Minuten „Magnolienzeit“ geht es dann vor allem um das Danach. Um den Umgang mit dem 16. März, um Erinnerungskultur, um die Auseinandersetzung mit Opfermythos, Pathos, Totenriten, auch Überwindung. Es ist das Verdienst von Tretter und Bernau, bei aller Kürze und Begrenztheit von Raum und Zeit vielstimmig zu bleiben, alle Perspektiven einzubeziehen.

    Bäume auf Gräbern - ein Witz?

    Und was ist mit den Magnolien vor dem Bahnhof? Stehen sie wirklich auf jenem Trichter, der Massengrab war für all die, deren Identität nach der Bombennacht nicht geklärt werden konnte? „Das ist doch der größte Witz“, empört sich einer, „das erzählen sie keinem Würzburger.“ Und ja, es wird auch gelächelt und leise gelacht im steinernen Gewölbe. Wenn Gustav Pinkenburg, der erste Nachkriegsoberbürgermeister, mitten in einer Rede einen Brief erhält. Eine Reparaturfirma schreibt, der „Untergang“ seines Siemens-Staubsaugers am 16. März sei zu vermelden. Ob Pinkenburg Schadenersatz stellen wolle.

    Schreiend das Gedenken gestört

    „Also ich habe da keinen bleibenden Schaden davon gekriegt. Da müssten ja alle Kinder von damals verrückt sein“, sagt eine Zeitzeugin. „Psychologie war bei uns eins links, eins rechts hinter die Ohren, das war's dann mit Therapie.“ Und plötzlich ist da im Max-Stern-Keller die Stimme von Björn Höcke. Jenem Thüringer AfD-Chef, der sich in Dresden vor genau einem Jahr über den „Gemütszustand eines total besiegten Volkes“ ausließ und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad forderte. Es wird laut im kleinen Gewölberaum, den Karlotta Matthies treffend schlicht ausgestattet hat. Plötzlich zückt inmitten des stillen Gedenkens einer in der Mitte schreiend und wütend die Fahne des Dritten Wegs . . .

    Erinnerung wachhalten. Aber wie? Viel ist gesagt und geschrieben worden über den Würzburger Schicksalstag. An jedem 16. März läuten abends 17 Minuten lang alle Glocken. Auf die Frage, ob es 73 Jahre nach Kriegsende nun noch ein Schauspielprojekt braucht, hat das kleine Team vom Mainfranken Theater am Donnerstagabend bei der Premiere am richtigen Ort eine überzeugende Antwort gegeben. Wie sagt am Ende noch einmal eine alte Würzburgerin: „Wir sind doch gar nichts Reines. Deutschtümelei. So ein Käse. Wenn ich das schon hör . . .“

    Weitere Vorstellungen von „Magnolienzeit“ im Max-Stern-Keller unter der Würzburger Neubaukirche am 14., 22., 28. Februar, 14., 17. und 24. März, 20 Uhr. Karten: Tel. (0931) 39 08-124.

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