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    FRANKFURT

    Thema Paulskirche: Wie weiter, Wiege deutscher Demokratie?

    Foto: Moritz Bernoully

    In einer Zeit, in welcher der demokratisch verfasste Staat durch die Umtriebe von Populisten unter Beschuss geraten ist, rücken die Symbole der Demokratie wieder stärker in den Blick. Dazu zählen nicht zuletzt architektonische Zeugen, und welch ein Bauwerk im Lande wäre auf vielfältigere Weise mit der Geschichte der deutschen Demokratie verknüpft als die Paulskirche in Frankfurt? Dass das mitten im Zentrum der Stadt stehende Oval aus rotem Mainsandstein Ort der Nationalversammlung von 1848/49 war, wird im Geschichtsunterricht gelehrt. Weniger bekannt, doch von vergleichbarer Bedeutung ist die Rolle der Paulskirche bei der Wiedererrichtung der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg. Konsequenterweise hat denn auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erst unlängst die Zukunft der Paulskirche als Aufgabe von nationaler Bedeutung bezeichnet.

    In Frankfurt erinnert das Deutsche Architekturmuseum derzeit in einer aufschlussreichen Ausstellung an die enge Verflechtung der ursprünglichen Sakralarchitektur mit der deutschen Demokratiegeschichte. Die Planungen für das Gebäude reichen zurück in das Jahr 1786, als sich die protestantische Gemeinde in Frankfurt zum Bau einer neuen Kirche entschloss.

    Ein monumentaler, hoch aufragender Raum sollte entstehen, der von einem Spitzdach gekrönt war und an dessen Wand eine auf Säulen ruhende Empore umlief, die Platz für 2000 Menschen bot. Es dauerte jedoch fast ein halbes Jahrhundert, bis die Kirche 1833 ihrer Bestimmung zugeführt werden konnte. Wenige Jahre später, 1848, wurde sie dann vor allem ihrer Größe wegen als Versammlungsort für das erste demokratische Parlament in Deutschland ausgerufen.

    Nach der erzwungenen Auflösung der Nationalversammlung schon ein Jahr später ließ die politische Restauration die Paulskirche unbeachtet. Erst in der Weimarer Republik erinnerte man sich an sie als eines Symbols der Demokratie. Als im März 1944 die Frankfurter Altstadt zum Ziel alliierter Bomber wurde, brannte die Paulskirche bis auf die Außenmauern ab.

    Bereits kurz nach Kriegsende nahmen die Frankfurter die 1948 anstehende Hundertjahrfeier der Nationalversammlung in den Blick. Zur Absicht, die Paulskirche möglichst rasch wieder in Funktion zu setzen, kam ein Weiteres hinzu. Frankfurt machte sich damals Hoffnungen, die neue deutsche Hauptstadt zu werden. Würde die Paulskirche künftig als Sitzungsstätte für das Parlament genutzt, so lauteten Überlegungen, hätte dies signalhafte Wirkung für den Willen auf eine demokratische Zukunft.

    Eine Planungsgemeinschaft wurde gebildet, die von dem Kirchenbauspezialisten Rudolf Schwarz und dem Architekten Gottlob Schaupp angeführt wurde. Um in der Kürze der Zeit bis zum Nationalversammlungs-Jubiläum das Vorhaben realisieren zu können, wurde der Wiederaufbau als gesamtdeutsches Projekt ausgeflaggt, mit ungeahntem Erfolg - selbst die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) beteiligte sich mit einer Spende in Höhe von 10 000 Mark.

    Die am 18. Mai 1948 wiedereröffnete Kirche zeigte sich stark verändert. Nicht nur, dass sie nun statt ihres charakteristischen Spitzdachs eine flache kupferne Kuppel trug. Im Innern war die umlaufende Empore nicht wieder errichtet worden, der Raum bewahrte durch seine Leere den Ruinencharakter. Am Boden gab es nun ein Zwischengeschoß, das in Dämmerlicht getaucht war und von wo aus Treppen in den Saal hinaufführten – ein bewusst inszenierter Gang aus der Dunkelheit ins Licht, ein, wie die Architekten es nannten, „Bild des schweren Weges, den unser Volk in dieser seiner bittersten Stunde zu gehen hat“. Auch den völlig schmucklos gehaltenen Saal wollten die Planer symbolisch überhöht verstanden wissen, als ein Plenum von „solch nüchterner Strenge, dass darin kein unwahres Wort möglich sein sollte“. Diese Umwandlung gefiel schon zur Eröffnung nicht allen, der damalige Direktor des Frankfurter Historischen Museums etwa raunzte: „Unten Radrennbahn, oben Gasometer, mehr läßt sich nicht verderben.“

    Aus Frankfurts Hauptstadt-Ambitionen ist bekanntlich nichts geworden, Bonn machte das Rennen. Schlagartig ließ damit in der Stadt am Main auch das Interesse an der Paulskirche nach. Immerhin fand sich eine Eignung als Festsaal für Veranstaltungen von bundesweiter Bedeutung – vorneweg und seit 1951 als Ort der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Seither ist die „Wiege der deutschen Demokratie“ – John F. Kennedy prägte diesen Begriff in seiner Paulskirchen-Rede 1963 – verknüpft mit einer ganzen Reihe von gesellschaftspolitischen Debatten, die hier ihren Ausgang nahmen. Man denke nur an die Kontroverse um die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel oder an den Meinungsstreit um die Friedenspreisrede von Martin Walser. Darüber hinaus suchen immer wieder Protestbewegungen die Nähe zu diesem symbolgeladenen Ort, vor wenigen Wochen erst die jungen Aktivisten von Fridays for Future.

    In den 70 Jahren seit der Neueröffnung ist freilich der Ruf nach einer Rekonstruktion des Vorkriegszustandes nie verstummt. Er ist auch jetzt wieder zu vernehmen, wo das Gebäude vor einer umfangreichen Sanierung seiner Haustechnik steht. Der Wunsch, die Paulskirche solle nicht nur demütig an den Neubeginn nach 1945 erinnern, sondern stolz auch an den Demokratie-Anlauf von 1848, kommt dabei keineswegs nur aus konservativen oder gar rechten Milieus. Auch eine liberale Stimme wie die „Zeit“ brach im vergangenen Jahr über die Nachkriegs-Architektur als einer „Mischung aus Woolworth und Walhall“ den Stab und forderte wahlweise eine Rekonstruktion des Kircheninneren oder eine ästhetisch ansprechende moderne Form.

    Fraglos weist die Paulskirche in ihrer gegenwärtigen Erscheinung ein Defizit auf – darin, wie an diesem Denkmal die Geschichte der deutschen Demokratie für Nachgeborene erfahrbar werden kann. Das hat auch die Politik erkannt, nicht nur im Magistrat vor Ort, sondern sogar auf Bundesebene. Bundespräsident Steinmeier macht sich stark für ein „Demokratiezentrum“ Paulskirche, die Stadtpolitik diskutiert aktuell die Einrichtung eines entsprechenden „Erlebnisorts“, der in der Kirche selbst, in einem Nachbargebäude oder eventuell auch als Neubau entstehen könnte. Was immer solche Pläne für die Paulskirche selbst bedeuten, wird sich zeigen. Im Idealfall müssten beide wichtige Momente der deutschen Demokratiegeschichte erfahrbar werden – der Anfang 1848 ebenso wie der Neubeginn nach der Katastrophe.

    Paulskirche. Ein Denkmal unter Druck Bis 16. Februar 2020 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt. Di. bis So. von 10 bis 18, Mi. bis 20 Uhr. Der Katalog kostet im Museum 29 Euro.

    JOHN F. KENNEDY, REDE IN DER PAULSKIRCHE ANLÄSSLICH SEINES DEUTSCHLANDBESUCHS, 25. JUNI 1963 Foto: Associated Press, Institut für Stadtgeschichte

    Von Stefan Dosch

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