• aktualisiert:

    Lohr

    Von einem, der aus dem Krieg heimkehrte in die Fremde

    Der Soldat Gerhard Holländer, gezeichnet von einem Mitgefangenen, dem Zeichner Hanns Schubert, im Januar oder Februar 1920 im Kriegsgefangenenlager Châteauroux. Gerhard Holländer ist die Hauptfigur des Romans von G.H.H. mit dem Titel "Der eine Sohn". Foto: Zeichnung Hanns Schubert

    Eine der seltenen Künstlerpersönlichkeiten des Landes besucht Lohr am Main. Auf der Durchreise zur Buchmesse legt G. H. Holländer, der unter dem Kürzel G.H.H. veröffentlicht, Station im Kulturkeller Weinhaus Mehling ein und liest aus seinem Roman "Der eine Sohn": 15. Oktober, 19 Uhr. Er werde "saxofontaugliche" Texte raussuchen, erzählt er eine Woche vor dem Auftritt am Telefon – der Musiker Gerhard Kunkel bläst zur Performance. G.H.H. sei "ein wunderbares Exemplar der schon fast ausgestorbenen ‚Profession’ des Privatgelehrten", freut sich Richard Winter, Macher des StattKino im Weinhaus Mehling und Veranstalter des Kunst-Abends am nächsten Dienstag.

    In Berlin ist G.H.H. bekannt für Komplettlesungen seiner Geschichten an mehreren Abenden im Literaturhaus Lettrétage am Mehringdamm. Wobei es ihm nicht auf Rekorde ankommt, auch nicht darauf, "zu betonen, dass ich einen hochliterarischen Text gemacht habe – was ich durchaus habe".

    Um dies zuerst abzuhandeln: G.H.H. erzählt in "Der eine Sohn" auf 168 Seiten (Aphaia Verlag, 17 Euro) realistisch und sachlich, wobei überraschende sehr kleine Themenwechsel Brüche, Funken und damit Poesie in die Sprache bringen. Der Roman spielt 1920, mitunter wird ein Erzähler in der Gegenwart angedeutet, zudem spielt manches auf tiefe Vorgeschichten an. Einige Techniken des 58-Jährigen erinnern an den Eifel-Autor Norbert Scheuer, der wie G.H.H. ja auch Gedichte schrieb, zudem vom Krieg und vom Dorfleben.

    "Die Autoren haben vom Land nichts und verstehen das Land nicht."
    G.H.H. über Kollegen, die die Altmark aus dem SUV heraus erkunden

    "Die Inhalte erzeugen das Interesse", sagt G.H.H. über Geschichte aus der Altmark im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt. Keine reißerische Geschichte. Traumatisiert kehrt der Soldat Gerhard Holländer – Großvater des Autors – aus dem Ersten Weltkrieg in sein Heimatkaff zurück, von seinem Vater, dem Pfarrer, früh entfremdet, die Mutter jüngst gestorben, die Bewohner seelisch weit entfernt, aber in unterschiedlichem Grad neugierig. Eine junge Verkäuferin wagt sich weit vor. Dass der Soldat nach ein paar Tagen weiterzieht, ist vorab beschlossen...  Der wortgewandte G.H.H. fasst sein Werk beherzt in drei Wörtern zusammen: "Region, Militär, Kirche".

    Die Altmark hat er genau erkundet. Nicht nur, dass sein Urgroßvater hier Pfarrer war. Er selbst zog nach kunsthistorischen Forschungs- und Lehrauftrags-Jahren in Venedig und Wien an den Rand der Region, nach Wittenberge auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. In der Hauptstadt wohnt seine 85-jährige Mutter, um die er sich oft kümmert; was die ausgiebigen Lese-Sessions in Kreuzberg erklärt. In seinem Erhebungsgebiet kandidierte er vor drei Jahren als Verbandsgemeindebürgermeister in Seehausen: "Zum Glück erfolglos, aber das war sehr gut, weil ich viele Gespräche führen musste, rund 200. Das war ein wesentlicher Teil meiner Recherche und mir wurde klar, dass viele heutige Phänomene tiefere Wurzeln haben."

    Eben das macht den Autor selbst gespannt auf Lohr. Der promovierte Kunsthistoriker liest gerade aus seinem jüngsten Werk gern vor Leuten, die die Altmark nicht kennen. So erkenne man "grundlegende Strukturen auf dem Land". Das habe er sich schon vor der laufenden literarischen "Sohn"-Kampagne gedacht: "Aber ich war doch überrascht, wie gut das aufgegangen ist." So könne einen "das kleinste Wort, das man einmal gesagt hat, noch jahrelang verfolgen. Gemütlich ist das Land nicht".

    Wobei er seine Ermittlungen von der "Uckermark-Literatur" abgrenzt. Die Berliner, die von ihren renovierten Brandenburger Höfen aus in die Metropole pendeln, betrachteten die Altansässigen als "seltsame Ureinwohner mit exotischen Bräuchen". Die Texte, die aus dieser Haltung heraus entstünden, seien nur mit einer Lebensführung auf SUV-Rädern möglich. "Die Autoren haben vom Land nichts und verstehen das Land nicht." Dass "Der eine Sohn" hingegen etwas Besonderes ist, erkannte auch der Deutsche Literaturfonds. Er unterstützte die Arbeit daran mit einem Stipendium.

    Kulturkeller Weinhaus Mehling: G.H.H. liest aus seinem Roman "Der eine Sohn", 15. Oktober, 19 Uhr.

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!