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    WÜRZBURG

    Waren die Lügensteine gar keine Lügensteine?

    Es gibt eine neue Sichtweise auf die berühmten „Würzburger Lügensteine“. Sie sind derzeit Teil der Ausstellung „GartenKunst“ im Museum für Franken auf der Festung Marienberg in Würzburg. Die stellvertretende Direktorin Claudia Lichte geht mit kunsthistorischem Blick an die angeblichen Fossilien-Fälschungen heran, die als der erste Wissenschaftsbetrug gelten.

    Für Lichte sind die mit Pflanzen, Tieren und Zeichen verzierten Steine, die um 1725 in einem Eibelstadter Weinberg aufgetaucht sind, Teil eines intellektuellen Spiels zum Thema Kunst und Natur. Damit passen sie laut Lichte bestens zur Geschichte der Gartenkunst.

    Drei Hauptdarsteller und mehrere Erzählvarianten

    Es sind mehrere Erzählvarianten über die „Lügensteine“ in Umlauf. Eine der gängigsten lautet – in aller Kürze – so: Hauptdarsteller sind drei Wissenschaftler der Würzburger Universität. Der Medizinprofessor und Naturforscher Johannes Bartholomäus Adam Beringer (1670-1738), Leibarzt mehrerer Fürstbischöfe und oberster Arzt des Juliusspitals, soll ein hochnäsiger Mann gewesen sein. Der Bibliothekar Johann Georg von Eckart und der Ex-Jesuit und Mathematikprofessor Jean Ignace Roderique wollten ihm deshalb einen Streich spielen.

    Sie wussten von Beringers Leidenschaft für Fossilien. Roderique und Eckart beauftragten zwei Eibelstädter Knaben, Versteinerungen herzustellen. Diese wurden Beringer zugespielt, der daraufhin in Eibelstadt eine Grabung veranlasste. Angeblich 2000 Versteinerungen hat er dort gefunden und eine Auswahl 1726 in der Doktorarbeit seines Studenten Georg Ludwig Hueber veröffentlicht: in den ebenfalls berühmt gewordenen „Lithographiae Wirceburgensis“.

    Die Lügensteine zwischen Dichtung und Wahrheit

    Der Schwindel flog auf. Beringer war blamiert, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Auch die Drahtzieher der Affäre gingen nicht als Sieger hervor. Des einen Karriere wurde auf Eis gelegt, der andere habe Würzburg verlassen müssen.

    Ganz so kann es nicht gewesen sein. Zu diesem Schluss kamen bereits die Paläontologen Birgit Niebuhr und Gerd Geyer im Jahr 2005 in ihren in Würzburg erschienenen Ausführungen über die „Corpora Delicti zwischen Dichtung und Wahrheit“ sowie 2010 Petra Hubmann in ihrer Doktorarbeit über den Naturforscher. Kann ein Wissenschaftler wie Beringer auf die offensichtlich von Menschenhand bearbeiteten Steine hereingefallen sein? Es gibt Ungereimtheiten – im Ablauf und bei die Folgen für die Beteiligten.

    Nicht Lügensteine, sondern Figurensteine

    „Ganz rekonstruieren lässt sich die Geschichte nicht“, sagt Claudia Lichte, die 2007 in der Festschrift für ihren Doktorvater Horst Bredekamp den Aufsatz "Curiosa Poliphili" zum Thema Lügensteine veröffentlicht hat. Die Kunsthistorikerin will mit ihrer Sicht zur Lösung beitragen. Die liege im Titelblatt der „Lithographiae Wirceburgensis“. Das Frontispiz ist für sie der anschauliche Beweis, dass Beringer wusste, dass es sich nicht um echte Fossilien gehandelt haben kann. Das deute sich auch im Langtitel des Buches an. Dort ist von „lapidum figuratorum“ die Rede, von Figurensteinen.

    Auf dem Stich des Frontispiz' liegen etliche dieser Objekte zu einem steilen Hügel aufgehäuft. Links unten im Bild sitzen Knaben und bearbeiten Steine. Claudia Lichte ist sich sicher: „Wenn diese Szene auftaucht, dann kann gar nicht sein, dass Beringer davon ausgegangen ist, dass die Steine nicht von Menschenhand gemacht worden sind.“

    Aufschlussreiche Bildelemente im Titelblatt

    Interessant findet sie weitere Bildelemente: die personifizierten vier Elemente. Der Erde werden Pflanzen zugeordnet, dem Wasser Tiere wie Skorpion oder Schnecke. Die Luft hält mit ihrer Hand einen lebenden Vogel, daneben befinden sich Steine mit Vogelmotiv. Das Feuer hat eine Festungsmauer auf dem Kopf. „Diesem Element ist zum Beispiel ein Feuersalamander zugeordnet.“ Zudem sitzen ihm die Knaben zu Füßen, davor liegen Werkzeuge. „Sie werden im Feuer geschmiedet“, so Lichte, „mit ihnen hat der Mensch die Technik, mit der er die Natur verarbeiten und selbst gestalten kann.“

    Auch die lateinische Inschrift auf der Steinbrüstung belege, dass Beringer wusste, dass es künstlich bearbeitete Steine sind. Es ist ein Zitat aus Ovids Metamorphosen. Die Übersetzung lautet: „Von den Gestalten zu künden, die sich einst verwandelt, in neue Körper, so treibt mich der Geist.“

    Geistreiche Diskussion über Kunst und Natur

    Claudia Lichte zweifelt nicht, worum es dem Mediziner Beringer ging: „Er diskutierte die Theorien der damaligen Zeit über die Entstehung der Fossilien“. Etwa die Frage, ob sie einen religiösen Hintergrund haben, Menschenwerk sind oder ein Überbleibsel der Sintflut, so Lichte. „Es war eine geistreiche Diskussion über Kunst und Natur, an der hochkarätige Wissenschaftler beteiligt waren.“ Beringer habe die Grenzen zwischen „natura naturata“ und „natura naturans“ angesiedelt, zwischen von Menschenhand gestaltete und erschaffende Natur. Die Diskussion sei so lange bespielt worden, bis niemand mehr die Auseinandersetzung verstanden habe. Aus den Steinen wurden die Lügensteine. „Damit war das Spiel zu Ende.“

    Beringer war in ein Netzwerk von Gelehrten eingebunden und hat mit vielen fortschrittlichen Kollegen korrespondiert, schreibt Petra Hubmann in ihrer Doktorarbeit. Sie betrachtet sein „Denken und Tun“ und die Zeit, in der er lebte und fragt: Sollte er aufgrund seiner modern-revolutionären Absicht, naturwissenschaftliche Forschungen zu betreiben, in die Irre geführt werden?

    Die Natur als wahre Künstlerin

    Ein Aspekt für das von Claudia Lichte formulierte „intellektuelle Spiel“ könnte zudem sein, dass für Mediziner damals eine Doktorarbeit in Philosophie Voraussetzung war, um auch in ihrem Fach promovieren zu können. Denn für sie steht bei ihrer Betrachtung der „Lügensteine“ das durchaus philosophische Thema „Kunst und Natur“ im Vordergrund. „Die Natur als wahre Künstlerin – das sind ja auch die Grundfragen seit der Renaissance.“

    Sie sind eng mit dem Thema Garten verbunden und reichen vom gestalteten geometrischen Garten bis hin zum Landschaftgarten, der ebenso gestaltet ist und nur vorgibt, Natur zu sein.

    Deshalb zeigt die Museumsleiterin in der Ausstellung nicht nur die künstlichen Fossilien. Sondern auch Musiv-Gemälde von Heinrich Zang aus dem Jahr 1807, die mit natürlichen Materialien wie Rinde oder Moos gestaltet wurden. Oder die mit Muscheln, Perlen und Korallen geschmückte Grotte des Heiligen Bruno. Intention war, so Lichte, dass der Mensch in der Kunst der Natur als ebenbürtiger Schöpfer erscheinen möchte.

    Die Kunst im Garten – Der Garten in der Kunst

    Das Museum für Franken in Würzburg zeigt bis 4. November die Ausstellung „GartenKunst – Die Kunst im Garten. Der Garten in der Kunst“. Anlässlich der Landesgartenschau widmen sich sieben in den Museumsrundgang integrierte „Pavillons“ Themen wie „Götter im Garten“, „Entdeckung der Landschaft“, „Paradies-Garten“ oder „Der Garten als romantischer Ort“.

    Die „Lügensteine“ werden im Bereich „Kunst und Natur“ präsentiert. Insgesamt haben sich rund 500 Steine erhalten; zur Sammlung des Museums gehören 178 Exemplare.

    Das Museumsfest findet am 2. September von 10 bis 18 Uhr statt. Das Motto lautet „GartenZauber“. Es gibt Märchen, Barocktanz und einen Zauberer.

    Die Sonderschau „Gärten in Unterfranken – Mensch & Natur im Porträt“ ist bis 21. Oktober zu sehen, ebenfalls im Museum für Franken. Konzipiert wurde die Wanderausstellung vom Bezirk Unterfranken.

    Öffnungszeiten: Täglich, außer montags, 10 bis 17, ab 1. November bis 16 Uhr. Information im Internet: www.museum-franken.de cj

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