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    Würzburg

    Warum Bach alles andere als ein kühler Konstrukteur ist

    Markus Bellheim Foto: Birgit Bellheim

    Johann Sebastian Bach war von der Erfindung der Wohltemperierten Stimmung so begeistert, dass er sich in einem großen Zyklus – dem "Wohltemperierten Klavier" – gleich zweimal durch alle 24 Dur- und Moll-Tonarten komponierte. Die neue Stimmung machte es erstmals möglich, Stücke quer durch alle zwölf Töne zu spielen. In der zuvor üblichen mitteltönigen Stimmung klangen nur Werke mit möglichst wenigen Vorzeichen sauber. Die beiden Bände mit je 24 Präludien und Fugen gehören zu den wichtigsten Meilensteinen der Musikgeschichte. Am Sonntag, 7. April, spielt der Pianist Markus Bellheim in der Reihe "Klaviermusik in Gethsemane" den zweiten Band des "Wohltemperierten Klaviers" auf dem Würzburger Heuchelhof. Bellheim, Jahrgang 1973, hat unter anderem in Würzburg studiert und unterrichtet. Seit 2011 ist er Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Theater München.

    Frage: Herr Bellheim, was fasziniert Sie besonders an diesem Zyklus?

    Markus Bellheim: Ganz grundsätzlich fasziniert mich die Musik von Bach seit ich denken kann, und das "Wohltemperierte Klavier" ist natürlich innerhalb des Schaffens von Bach ein besonders prominenter Zyklus. Hans von Bülow hat ihn ja das Alte Testament der Musik genannt.

    Und die Beethoven-Klaviersonaten das Neue Testament...

    Bellheim: Ich finde das sehr treffend, weil Bach die Möglichkeiten des Klaviers in diesem Zyklus ausgelotet und damit eine Markierung gesetzt hat, an der kein Komponist nach ihm mehr vorbeikonnte – auch Beethoven nicht. Vor allem Beethovens späte Klaviersonaten sind Ausdruck einer intensiven Beschäftigung mit Bachs "Wohltemperiertem Klavier". Für mich ist das "Wohltemperierte Klavier" daneben auch so etwas wie ein heiliger Ort, der mir oft Halt und Richtung gegeben hat, wenn ich über Musik oder mein Leben nachgedacht habe. Nach Jahrzehnten der intensiven Beschäftigung spiele ich das Werk endlich auch im Konzert.  

    Der erste Band hat ja auch die Romantiker fasziniert, etwa mit Gounods "Ave Maria" über das erste Präludium. Der zweite ist heute schon fast Insider-Wissen. Wenn Sie die beiden Bände vergleichen: Wie würden Sie sie charakterisieren?

    Bellheim: Ich finde Band zwei noch kunstvoller komponiert, noch poetischer, noch intensiver, noch geschlossener. Ich habe in den letzten beiden Jahren in München zu Bachs Geburtstag am 21. März beide Bände gespielt – 2018 den ersten, 2019 den zweiten. Die Musik hat auf das Publikum eine ganz besondere Wirkung. Viele Besucher sagten mir nachher, es sei wie ein rituelles Erlebnis. Man wird gleichsam neu geboren, wenn man diesen Zyklus durchlebt. Das geht mir auf der Bühne genauso: Man hat diesen riesigen Berg an Noten vor sich und arbeitet sich langsam vor. Nach der letzten Fuge ist man irgendwie verändert, gereinigt. Offener und sensibler für die Umgebung, frei im Kopf.

    Markus Bellheim Foto: Birgit Bellheim
    Ganz praktische Frage: So ein Zyklus ist eine gewaltige Kraft- und Konzentrationsleistung. Spielen Sie dabei von Noten?

    Bellheim: Ja, ich spiele von Noten. Ich habe es auch schon ohne versucht, aber da ist man dann zu sehr darauf konzentriert, in der Spur zu bleiben. Bei Bach ist jede kleine Abdrift unglaublich gefährlich. Wenn man nur kurz daneben fasst, ist man gleich ganz draußen. Wenn man es nicht als Sport sieht, auswendig zu spielen, sondern sich vielmehr darauf konzentrieren will, dem ganzen Werk einen Bogen zu geben, dann sind Noten sehr hilfreich.

    Mir fällt auf, dass Pianisten, die sich – wie Sie ja auch – intensiv mit zeitgenössischer Musik befassen, oft einen besonderen Hang zu Bach haben. Täuscht das?

    Bellheim: Das ist eine interessante Beobachtung, das ist mir bisher nicht aufgefallen. Das sind bei mir zwei verschiedene Pole, die einander kaum berühren.  

    Ich hatte gedacht, dass zumindest diese rationale Seite bei Bach, das kunstvoll Konstruierte, als Gegengewicht zur Dekonstruktion in der Neuen Musik wichtig ist.

    Bellheim: Das ist interessant, was Sie sagen. Das werde ich mal auf mich wirken lassen. Ich habe da bislang noch keinen Zusammenhang erkannt. Was mir aber ganz wichtig ist: Es wird so oft das Intellektuelle, das Konstruktivistische an Bachs Musik betont. Ich habe Bach von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Seine Musik ist von einer Stimmigkeit und Perfektion, die den Kopf nicht mehr braucht, sondern direkt das Gemüt anspricht. Über das der Musik innewohnende Geheimnis möchte man gar nicht zu viele Worte machen. Es soll aus sich heraus wirken. Ich finde, man macht die Musik kleiner, wenn man sie zu sehr in ihre Bestandteile zerlegt. Die Qualität und Güte der Musik jenseits von Konstruktion und Erklärbarkeit imponiert mir im zweiten Band fast noch mehr als im ersten. 

    Warum wird Bach dennoch so wenig im Konzert gespielt? Liegt es daran, dass immer noch viele Pianisten verunsichert sind, ob man ihn auf dem modernen Flügel spielen darf?

    Bellheim: Das ist mir auch ein Rätsel. Dass Bach den modernen Flügel genutzt hätte, hätte es ihn damals schon gegeben, steht für mich außer Frage. Und natürlich darf man Bach auf dem Flügel spielen. Aber es gibt eine gewisse Hemmung, manche Pianisten wissen nicht, ob sie ausreichend historisch informiert  sind. Man muss sich tatsächlich mit Bach intensiver beschäftigen als mit Stücken von Chopin oder Liszt, von denen man genau weiß, wie man an sie herangeht, und die gewissermaßen auch leichter zum Klingen zu bringen sind.

    Wenn man zwei Seiten konstruieren würde: die historisch informierten Spieler auf der einen, die am Flügel imitieren, wie Bach möglicherweise damals geklungen hätte, und auf der anderen diejenigen, die sagen, wenn Bach einen Flügel gehabt hätte, hätte er es richtig krachen lassen –wo sehen Sie sich stärker?

    Bellheim: Ich versuche, eine Art Synthese herzustellen. Man kann an den Erkenntnissen der Forschung nicht vorbei. Man kann heute nicht mehr sagen, das interessiert mich nicht. Aber man muss auch versuchen, dass man sich wieder befreit. Dass man nicht in ein Korsett gerät, in dem Inspiration keinen Platz mehr hat. Dogmen finde ich immer schlecht. Einen Regelkanon entwerfen und sich damit von Stück zu Stück hangeln, das funktioniert nicht. Eigentlich muss man immer wieder den Versuch machen, diese Musik auf sich wirken zu lassen, als wüsste man noch gar nichts über sie. Als erlebte man sie zum ersten Mal.

    Klaviermusik in Gethsemane: Markus Bellheim spielt den zweiten Band des "Wohltemperierten Klaviers" von Johann Sebastian Bach. Gethsemane-Kirche, Würzburg-Heuchelhof. Sonntag, 7. April, 17 Uhr. Karten an der Kasse zu 13, ermäßigt 10 Euro.

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