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    Würzburg / Nürnberg

    Warum das Spielzeugmuseum Nürnberg auch in Würzburg entstand

    Lydia Bayer junior sorgte dafür, dass die Sammlung ihrer Mutter zum Grundstein des Nürnberger Spielzeugmuseums wurde. Foto: Mit Genehmigung aus dem Buch "Spielräume"

    "Ich glaube, je länger man sich in dieser nüchternen Welt seinen kindlichen Sinn bewahrt, desto schöner ist's." Frisch verheiratet schrieb Lydia Bayer ihren Eltern im Jahr 1921 diesen Satz. Gerade hatte sie von ihrem Mann einen Kaufmannsladen zu Weihnachten geschenkt bekommen. Damit wurde ein Wunsch aus Kindheitstagen Wirklichkeit, den ihr ihre Eltern nie erfüllt hatten – um sie zur Genügsamkeit zu erziehen. Dieser Kaufmannsladen war der Beginn einer Sammlung, die 50 Jahre später den Grundstock des Nürnberger Spielzeugmuseums stellen sollte.

    Den langen Weg von diesem ersten geliebten Kaufmannsladen bis zum international bekannten Museum erzählen der ehemalige Leiter des Nürnberger Museums Helmut Schwarz und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Marion Faber auf rund 400 Seiten im Buch "Spielräume".

    Die Leidenschaft zum Sammeln begann früh

    1897 kam Lydia in Ingolstadt als Tochter des Lehrers Friedrich Bauer und seiner Frau Marie zur Welt. Als kleines Mädchen besaß sie nur wenig Spielzeug. Ein Baby aus Porzellan, ein Püppchen mit hölzernem Kopf, ein Meggendorfer Bilderbuch und ein Puppenwagen mit Blechrädern – das war alles, was das kleine Mädchen aus gutem Hause zum Spielen hatte.

    Mit 24 Jahren heiratete sie ihre Jugendliebe Paul, der in München Elektrotechnik studierte. Er gab ihr nicht nur mit dem geschenkten Kaufmannsladen den Anstoß zum Sammeln von allerlei Spielzeug. Er unterstützte sie auch ihr Leben lang dabei, ihren Traum zu verwirklichen. Zwei Jahre nach der Hochzeit zog das Paar nach Würzburg, wo Paul die Leitung des städtischen Elektrizitätswerks übernahm. 1926 kam Sohn Paul junior auf die Welt, drei Jahre später Tochter Lydia junior.

    Das Sammeln bekam System

    Das Ehepaar Bayer mit Tochter Lydia 1950 im Urlaub. Foto: Mit Genehmigung aus dem Buch "Spielräume"

    Nachdem die Familie die ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in winzigen Wohnungen gelebt hatte, stiegen mit Pauls Gehalt allmählich auch Quadratmeterzahl und Budget, die Lydia für schöne Dinge zur Verfügung standen. Von ihrer Mutter, die zeitweise in einem Antiquariat arbeitete, bekam sie schon früh ein Gespür für schöne und alte Dinge, schreiben die Autoren in "Spielräume". Nach und nach richtete sie ihre Wohnung mit vielen Antiquitäten ein, bevorzugt im Biedermeierstil. Sie sammelte Porzellan, Möbel und Gemälde.

    Spielzeug zählte nicht von Beginn zu Lydias liebsten Sammelobjekten, doch mit den heranwachsenden Kindern rückte es immer mehr in den Fokus. Kinderbücher, Zinn- und Holzfiguren, Blechspielzeug und Sticktücher häuften sich im Hause Bayer. Eine besondere Leidenschaft hegte Lydia für Puppen und Puppenstuben. So wie sie mit Begeisterung die eigene Wohnung einrichtete, studierte sie auch die Einrichtungsstile früherer Epochen, die dort in Miniatur abgebildet waren. Sie eignete sich ihr Wissen über Antiquitäten selbst an, studierte bestehende Sammlungen und den Kunstmarkt intensiv.

    Spielzeug als Wertanlage

    Lydia Bayer schuf ihre Sammlung in einer Zeit, in der Spielzeug noch nicht als etwas Wertvolles betrachtet wurde. Sie war Vorreiterin und betrachtete ihre Stücke schon früh auch als Wertanlage, neben dem künstlerischen Wert. Ein Umzug nach Nürnberg war der Anstoß, die Sammlung auszubauen: Eine Werkswohnung mit üppigen 328 Quadratmetern bot reichlich Platz für ihre Schätze. Noch dazu gab es rund um den Trödelmarkt viele alteingesessene Läden, die zum Stöbern einluden.

    Ein Antiquitätengeschäft in Miniatur, das Lydia Bayer in den 30er Jahren zusammengestellt hatte. Foto: Mit Genehmigung aus dem Buch "Spielräume"

    Bereits damals war ihre Sammlung auch über die Region hinaus bekannt. "Ein jeder möchte halt zu uns nach Nürnberg kommen", sagte sie und lud Gäste in ihr Haus ein, die ihre Stücke bestaunten. Geschickt baute sie Kontakte auf und erhielt das ein oder andere Geschenk für ihre Sammlung. Beim Kauf neuer Stücke hatte sie ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt und achtete immer auf einen angemessenen Preis.

    Ausgelagert in den Keller oder aufs Land überstand der Großteil der Sammlung die Zerstörungen des zweiten Weltkriegs unbeschadet. Doch Lydia und Paul verloren ihren Sohn, der als Flakhelfer im Krieg starb. "Es ist doch merkwürdig und zugleich eine Gnade, dass man nach all dem Schweren, was man erlebte, doch noch solch Freude am Sammeln hat", schrieb sie einer Freundin in einem Brief.

    Plötzlicher Tod unterbricht die Planungen

    In dieser Zeit wurde der Wunsch, die private Sammlung an die Öffentlichkeit zu tragen, immer größer. Inzwischen wohnte die Familie Bayer wieder in Würzburg. Erstmals einem größeren Publikum zugänglich wurde die Sammlung durch Leihgaben. In einem Stuttgarter Museum wurde zum Beispiel ein Teil von Lydias Puppenstuben-Sammlung gezeigt. Die gute Resonanz gab schließlich den Ausschlag, ein eigenes Museum zu planen. In der Würzburger Neubaustraße kaufte die Familie ein Grundstück, auf dem die Bauarbeiten für einen Neubau begannen. Tatkräftig in der Organisation unterstützt wurde Lydia von ihrer Tochter, die inzwischen Kunstgeschichte studierte.

    Unerwartet wurden die Familie jedoch aus den Arbeiten gerissen: Lydia Bayer starb im September 1961 an den Folgen einer Operation. Dennoch, so heißt es im Buch, stand für ihren Mann und ihre Tochter fest: Das Werk muss fortgeführt werden. So trat Lydia Bayer junior, die gerade mitten in ihrer kunstgeschichtlichen Promotion zum Thema "Das europäische Puppenhaus" steckte, in die Fußstapfen ihrer Mutter. Im Dezember 1962 wurde in Würzburg das "Museum Lydia Bayer" eröffnet – in Gedenken an ihre Mutter und Ehefrau.

    Im Erdgeschoss des vorstehenden Gebäudeteils wurde das Museum Lydia Bayer eingerichtet – hier geht der Blick von der Stephansstraße aus. Foto: Mit Genehmigung aus dem Buch "Spielräume"

    "Eine große kulturgeschichtliche Tat"

    Die erste Ausstellung "Das Puppenreich" widmete sich den einstigen Lieblingen von Lydia: 50 Puppenstuben waren zu sehen, die rund 300 Jahre verschiedener Wohnstile darstellten. Zwar kam das Museum bei Besuchern und der Presse sehr gut an, doch von Beginn an fehlte das Geld.

    Wie eine Rettung kam da eine Anfrage aus Nürnberg. Lydia Bayer junior ging 1966 nach Nürnberg, um dort ein Museum aufzubauen – zunächst spielte die Sammlung ihrer Mutter dabei noch keine eine Rolle. Doch liefen all ihre Empfehlungen darauf hinaus, dass die Sammlung der ideale Grundstock für das Nürnberger Museum sei. Auch auf Seiten der Stadt stieß ihr Konzept auf Begeisterung: Von einer "großen kulturgeschichtlichen Tat" sprach der damalige Kulturreferent Hermann Glaser.

    Fünf Jahre später war es soweit: Das Nürnberger Spielzeugmuseum eröffnete im Februar 1971 in der Karlstraße, mit Lydia Bayer junior als Gründungsdirektorin für die folgenden 23 Jahre. Es war das Erste in Deutschland, das sich der Geschichte des Spielzeugs im Allgemeinen widmete. Bis heute haben das Museum, das inzwischen 80 000 Stücke beherbergt, rund 5,5 Millionen Menschen besucht.

    Das Buch "Spielräume: Von der Sammlung Bayer zum Spielzeugmuseum Nürnberg" von Helmut Schwarz und Marion Faber ist Band 18 der Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg (Michael Imhof Verlag). Es kostet 49,95 Euro. Erhältlich ist es im Buchhandel, im Spielzeugmuseum Nürnberg sowie im Online-Shop des Verlags.

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