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    Würzburg

    Warum das Würzburger Musiktheater derzeit einen Lauf hat

    In der Oper ist das Verderben immer unabwendbar. Hier beweint Rigoletto (Federico Longhi) seine Tochter Gilda (Akiho Tsujii). Daneben der Geist von Gildas Mutter (Hiroe Ito) Foto: THOMAS OBERMEIER

    Keine Frage, das Musiktheater am Würzburger Mainfranken Theater hat derzeit einen Lauf. Nach der weithin beachteten "Götterdämmerung" in der vergangenen Spielzeit kommt nun ein "Rigoletto" auf höchstem Niveau. Mit schlüssig und packend erzählter Geschichte, mit großartigen Solisten und mit einem Orchester, das hörbar gewachsen ist an der Mammutaufgabe Wagner. So sehr, dass Generalmusikdirektor Enrico Calesso jetzt ein Instrument zur Verfügung hat, mit dem er Verdis komplexe Partitur bis in die kleinsten Sarkasmen ausformulieren kann, von den knackig-rasanten Geigenfiguren bis hin zum strahlenden Fortissimo, das sich einen Dreck um die trockene Akustik des Hauses schert.

    Denn die Partitur ist komplex, man muss es halt zeigen. Was banal klingen könnte (und an anderen Häusern oft auch banal klingt), vermeintlich munterer Dreivierteltakt im Graben, während oben auf der Bühne die Verzweiflung regiert, das ist in Wahrheit die frappierend treffende Darstellung einer verlogenen, vollkommen mitleidlosen Welt, in der nur der überlebt – seelisch wie körperlich –, dem es gelingt, ein richtiges Leben im falschen zu führen. Und das ist bei Verdi und auch sonst in der Oper eher die Ausnahme (im richtigen Lebens sowieso).

    Intendant und Regisseur Markus Trabusch erzählt eine persönliche, private Geschichte ganz nah an den Figuren. Susanne Hiller, verantwortlich für Bühne und Kostüme, liefert dazu klare, sachliche, zeitlose Bilder. Anstelle des Prunks tritt Design, der Herzogspalast wirkt mit seinen Milchglas-Schiebetüren eher wie ein Zweckbau, in gewissem Sinne ist er das auch, schließlich feiert hier ein Hofschranzen-System Dauerparty, das sich längst verselbständigt hat. Rigoletto hält seine Tochter Gilda nicht in einem Verlies verborgen, sondern in einem gar nicht mal ungemütlich wirkenden Loft mit Sichtbeton und antikem Tischchen. 

    Es ist derzeit Mode, stumme Rollen zum Libretto hinzu zu erfinden, und auch hier gibt es eine: Eine scheue Frau, die gleich zu Beginn Rigoletto zur Arbeit begleitet und den Hut aufhebt, den er von sich wirft, bevor er in die Rolle des gemeinen, skrupellosen, zynischen Handlangers seines sexsüchtigen Chefs schlüpft. Später wird sich herausstellen, es ist der Geist von Gildas Mutter (Hiroe Ito), und der Zuschauer begreift: Auch Rigoletto hat einmal geliebt, auch Rigoletto hat einmal alles verloren. 

    Der Herzog ist ein Haifisch, der mit seinem Haifischsein hadert

    Von Haifischen heiß es, sie müssten immer in Bewegung bleiben, sonst stürben sie. In diesem Sinne ist der Herzog als Dauerverführer ein Haifisch. Bei Trabusch aber ist er ein Haifisch, der mit seinem Haifischsein hadert. Roberto Ortiz bekommt diese Spannung zwischen tenoraler Bravour und Überdruss, zwischen Lässigkeit, Lust und einem offenbar doch echten Bedürfnis nach echter Liebe großartig hin. Seine Stimme ist in den vergangenen Jahren zu natürlicher Fülle gereift, sicher und frei in der Höhe, unverwechselbar im Timbre.

    Verführer mangels besserer Ideen: Der Herzog (Roberto Ortiz) lässt sich von Maddalena (Katharina von Bülow) umgarnen. Foto: THOMAS OBERMEIER

    Dass Akiho Tsujiis Gilda diesen extrem charmanten Kerl trotz allem liebt, ist nachvollziehbar. Wie überhaupt alles nachvollziehbar ist, was mit dieser Gilda zusammenhängt. Akiho Tsujii gibt ihr echte Persönlichkeit, darstellerisch wie sängerisch. Dies ist kein weggesperrtes Hascherl, sondern eine junge Frau mit eisernem Willen. Und einer Stimme, die nicht nur die vollkommen mühelosen Spitzentöne, sondern auch lyrische Passagen und Ensembles zum Ereignis macht.

    Gleich wird sie entführt: Der Männerchor lauert Gilda (Akiho Tsujii) auf. Foto: THOMAS OBERMEIER

    Und dann ist da noch Federico Longhi als Rigoletto. Unglaublich nuancenreich, unglaublich authentisch. Gruselig in seiner schwarz/weißen Schminke, beängstigend in seiner gefährlichen Gebrochenheit. Und unendlich anrührend in seiner Trauer, die er zur despotischen und dennoch zärtlichen Helikopter-Liebe zu seiner Tochter umgewandelt hat. Das alles mit einem in jeder Lage präsenten Bariton von berückender Schönheit. Ein Glücksfall, ein Genuss, ein Ereignis.

    Gute Geschichten um ihrer selbst willen erzählt

    Dieses Spitzentrio umgibt ein Ensemble auf der Höhe der Ereignisse: Kosma Ranuer (der sich mit Longhi den Rigoletto teilen wird) als entfesselter Monterone, Katharina von Bülow als Maddalena mit eher sachlicher Sexyness, Igor Tsarkov als unbeteiligt-professioneller Killer Sparafucile, Barbara Schöller als arglos-nutzlose Bewacherin Giovanna, Daniel Fiolka und Mathew Habib (Marullo und Borsa Matteo) als rücksichtslose Rädelsführer und ein wie immer makelloser (Männer-)Chor, der ihnen mit blinder Präzision folgt (Einstudierung Anton Tremmel).

    Gute Geschichten, um ihrer selbst willen erzählt. Wenn dies – siehe "Kabale und Liebe" – die angestrebte Richtung am Mainfranken Theater ist – sie funktioniert. Stehende Ovationen.

    Die weiteren Vorstellungen: 20., 22. Oktober, 2., 10., 22. November, 6., 11., 18., 25. Dezember (19.30 Uhr); 27. Oktober, 22. Dezember (15 Uhr). Karten: Tel. (09 31) 39 08-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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