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    Schweinfurt

    Werner Pokorny oder Die Kunst des Einfachen

    Werner Pokorny in der großen Ausstellungshalle der Kunsthalle Schweinfurt. Foto: Anand Anders

    Die große Ausstellungshalle der Kunsthalle Schweinfurt ist ein grandioser Ort. Weit, hell und sehr hoch. Und ein schwieriger Ort. Natürlich geeignet für große bis sehr große Formate. Aber eben auch ein Ort mit eigener Ausstrahlung. Man kann dagegen ankämpfen oder sich ihr ergeben. Die zweite Möglichkeit wird für die wenigsten Künstler eine Option sein. Doch wie gegen diesen Ort ankämpfen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was man eigentlich will, nämlich die eigene Kunst zeigen, besser noch: in Szene setzen?

    Interessanterweise haben Künstler und Kuratoren immer wieder neue Ansätze entwickelt, diesen Ort zu bespielen. Haben offensiv die Höhe erobert. Oder den Raum geteilt. Haben Wege angelegt, Binnenorte geschaffen, Weite gegliedert. Der Bildhauer Werner Pokorny hat eine weitere Lösung gefunden: Er begreift die Halle als Fläche und lässt deshalb die Wände weitgehend frei. Bis 8. September zeigt die Kunsthalle, die soeben ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat, seine Arbeiten unter dem schlichten Titel "Pokorny".

    Ob Baumscheibe oder Relief: Die Form des Hauses taucht immer wieder auf. Foto: Anand Anders

    "Ich habe lange nachgedacht, was in diesem riesigen, schwierigen Raum zu tun wäre", sagt Werner Pokorny. Seine Arbeiten wirken erhaben und archaisch. Er selbst sagt lieber "einfach". Sie tragen, wenn überhaupt, lakonische Titel wie "Haus/Welle" oder "hin und her", "Turm" oder "Spiel". In Schweinfurt sind neben einigen Skulpturen aus Stahl, die mit der perspektivischen Wahrnehmung spielen, vor allem welche aus Holz zu sehen. Pokorny verwendet afrikanische Hölzer, wie weitaus härter und schwerer sind als etwa Eiche. Er bearbeitet sie mit der Kettensäge, er braucht das schnelle, spontane Arbeiten, sagt er.

    Rätselhafte Stelen, vorgeschichtlich anmutende Gefäße: Arbeiten von Werner Pokorny in der Schweinfurter Kunsthalle. Foto: Anand Anders

    Das Ergebnis wirkt freilich nicht wie ein Zufallsprodukt. Pokornys Zeichnungen zeigen, dass er vorher genau plant, wie sich Form und Proportion ergänzen sollen. Am deutlichsten wird das in dem mannshohen Reliefs, die an der Wand lehnen. Hier fügen sich,  entfernt an islamische Ornamentik erinnernd, runde und eckige Verläufe über mehrere rechteckige Rahmen hinweg zu eigentümlich stimmigen Mustern.

    "Ich habe nichts zu behaupten, nur zu suchen."
    Werner Pokorny, Bildhauer

    Zentrales (Leit-)Motiv ist die bauklotzartig reduzierte Form des Hauses – als Umriss, als Aussparung, als Objekt. Sie krönt Stelen, taucht verdreht, verzerrt, gestaucht, gestreckt, gestürzt und gespiegelt an den verschiedensten Stellen auf, kristallisiert sich etwa beim zweiten Hinsehen aus wuchtigen Baumscheiben heraus. Das Haus ist Symbol für Schutz und Geborgenheit, für Selbstverwirklichung, aber auch das Streben nach Macht, sagt Pokorny. 

    „Spiel IV (Turm zu Babel)“, heißt die Arbeit im Vordergrund. Foto: Anand Anders

    So entsehen immer wieder seltsame Spannungen: Die Stelen etwa, wie viele der Arbeiten geschwärzt im Feuer, wirken wie kultische Wegmarken. Wie Zeugen machtvoller, längst vergessener Beschwörungen. Die nüchterne Form des Hauses auf ihrer Spitze durchbricht dennoch diese Anmutung, versachlicht sie irgendwie. Dies allerdings erst, wie gesagt, auf den zweiten oder dritten Blick. So führt das Herumwandern auf dieser weiten Fläche und das Betrachten dieser so starken Formen unweigerlich zu einer Art Selbstbefragung. Warum haben diese schlichten Gegenstände so viel Aura? Warum wirken sie wie die Mahner an eine verschüttete Wahrheit?

    Zwei Häuser, eingebettet in Unendlichkeit. Foto: Anand Anders

    Von Werner Pokorny sind dazu keine Antworten zu erwarten. Zumindest keine in Worten. "Ich habe nichts zu behaupten", sagt er, "nur zu suchen". Ihn interessiere das Wesentliche, das Grundsätzliche. Vielleicht ist es das: Wenn Pokornys Suche zu einem – vorläufigen – Ziel gelangt, sich also in einem oder mehreren Objekten niederschlägt, dann sind diese so aufgeladen mit komprimierter Energie, mit der Essenz des gestalterischen Prozesses, dass ihre Wirkung unausweichlich ist. Anders gesagt: Je einfacher die Form, desto machtvoller ihre Ausstrahlung.

    Zur Person: Werner Pokorny
    1949 geboren in Mosbach
    1971-1976 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei den Professoren Baschang, Kalinowski und Neusel
    1974-1976 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Karlsruhe und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
    1988 Villa Romana, Gastaufenthalt
    1989 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
    1989-1990 Gastprofessur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
    1998-2013 Professor für allgemeine künstlerische Ausbildung, Schwerpunkt Bildhauerei, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
    2006 Teilnahme am Busan Sculpture Project, Biennale Busan, Südkorea
    2013 Hans-Thoma-Preis, Staatspreis des Landes Baden-Württemberg für bildende Kunst?
    2007-2018  Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg
    Die Ausstellung, eine Kooperation mit der Städtischen Galerie Rosenheim, läuft bis 8. September, es erscheint ein Katalog.
    Öffnungszeiten: Di.-So. 10-17 Uhr, Do. bis 21 Uhr.

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