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    MEININGEN

    Wider die Fanatisierung der zu kurz Gekommenen

    Die zentralen Figuren: Meret Engelhardt als Lämmchen und Björn Boretsch als Pinneberg. Foto: Sebastian Stolz

    Erster Gedanke nach Tankred Dorsts und Peter Zadeks Revuestück nach Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ auf der Bühne des Meininger Theaters: „Wo sind sie denn, die ,Lämmchen' dieser Welt, die Ehefrauen und Geliebten, die ihre Männer selbst in Gefahr und größter Not sozialen Abstiegs immer wieder zärtlich und mutig den Rücken stärken, Auge in Auge mit dem Untergang? „Es wird schon werden.“

    Damals, in der Zeit um 1932, in die Fallada den kleinen Angestellten Johannes Pinneberg und seine Emma, genannt „Lämmchen“ setzt, damals gab es wahrlich nicht genügend Frauen wie Emma, die die Fanatisierung der ausgebeuteten Proletarier und zu kurz gekommenen Kleinbürger zu verhindern trachteten und ihr Abdriften in die krude „Volksgemeinschaft“ des NS-Staates.

    Naheliegende Parallelen

    Und heute? Der Rezensent hütet sich davor, naheliegende Parallelen zur Radikalisierung bestimmter Teile der Bevölkerung zu ziehen. Er freut sich, dass die junge Regisseurin Yvonne Groneberg und ihr Team um Bühnen- und Kostümbildnerin Kerstin Jacobssen, Kompositeur Jörg Hauschild und der musikalischen Leiterin Virginia Breitenstein-Krejèík, er freut sich, dass die Regisseurin die zeitgemäßen Schlussfolgerungen aus dem sozialen Abstieg der Pinnebergs den Köpfen und Herzen der Zuschauer überlässt. Alles weitere kann man im Programmheft nachlesen.

    Die Geschichte spielt in der Originalzeit. Nur das Bühnenbild in Form abstrakter Wand- und Deckenelemente, die auf der Drehbühne immer wieder neue Perspektiven auf kärgliche Andeutungen von Inventar freigeben, schleudert die Handlung durch die Zeiten.

    Doch das eigentlich Faszinierende ist, dass diese Inszenierung etwas vermag, was der Rezensent vor nahezu 25 Jahren noch für unmöglich gehalten hatte. Damals schrieb er über die „Kleiner Mann“-Interpretation Manfred Wekwerths am Meininger Theater: „Im Grunde steckt der Mangel bereits in Dorsts Entscheidung für die werktreue Bühnenbearbeitung einer Geschichte, die sich nicht auf die Bühne zwingen lässt, ohne ihr Leben zu verlieren.“ Mitnichten. Sie verliert keineswegs ihr Leben, wenn sie auf die Bühne gesetzt wird wie jetzt im Großen Haus: Dramaturgisch ausbalanciert zwischen natürlichen Spielszenen, Gesangsnummern und erzählenden und kommentierenden Passagen durch den immer wieder als Conférencier aus seiner Ursprungsrolle tretenden Renatus Scheibe – eine Paradeaufgabe für ihn.

    Die Geschichte ist dramaturgisch ausbalanciert, und sie wird vom Schauspielensemble in einer Weise zum Leben erweckt, wie sie so berührend und eindringlich schon lange nicht mehr auf dieser Bühne zu sehen war: im rhythmischen Wechsel herausragender Einzel-, Gruppen- und Chorszenen.

    Die vom Herrenquartett Matthias Herold, Steffen Köllner, Renatus Scheibe und Sven Zinkan (am Klavier: Virginia Breitenstein-Krejèík) interpretierten Lieder der Comedian Harmonists allein sind schon ein Sahnehäubchen und dringen ohne Umschweife ins Gemüt – eine fantasievolle Variante, ohne technischen Aufwand Atmosphäre zu kreieren.

    So könnte es gewesen sein

    Und dann die Darsteller. Man muss nur den durch und durch zwischen Angst, Selbstzweifel und kurzzeitigen Glücksmomenten schwankenden Habitus von Björn Boresch als Pinneberg in Augenschein nehmen oder die mit dem Mut der Verzweiflung um jeden Augenblick kämpfende Meret Engelhardt als „Lämmchen“, und man ahnt: „So könnte es gewesen sein.“

    Auch Sven Zinkan mimt den verlässlichen, freundlichen Arbeitskollegen und Freigeist Heilbutt hervorragend. Oder Hans-Joachim Rodewald den schleimig-fiesen Ersten Verkäufer, Renatus Scheibe Jachmann, den zwielichtigen Liebhaber von Pinnebergs ebenso obskurer Mutter, der Ulrike Walther ein glaubwürdiges Profil verleiht. Und und und.

    Zweieinhalb Stunden Zeitgeschichte aus dem Mikrokosmos zweier junger Menschen, die es so oder ähnlich Anfang der 1930er Jahre gegeben haben könnte. Manch eine Emma Pinneberg im Publikum wird sich danach noch einmal Jutta Hoffmann als „Lämmchen“ in der zu Herzen gehenden DDR-Verfilmung aus dem Jahre 1970 ansehen.

    Manch ein Johannes Pinneberg mag sich nach der Vorstellung klammheimlich nach einem „Lämmchen“ sehnen, das ihn angesichts des seltsamen Gebarens mancher deutschen Zeitgenossen des Jahres 2017 mit den Worten tröstet „Es wird schon werden.“ Oder neudeutsch: „Wir schaffen das.“

     

    Nächste Vorstellungen: 1.10., 19:30 Uhr; 15.10., 15 Uhr; 22.10., 19 Uhr; 27.10.; 19:30 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93) 45 12 22. www.das-meininger-theater.de

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