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    Würzburg

    Wie Ferdinand von Schirach hellen Menschen das Dunkle erklärt

    Ferdinand von Schirach stand im Vorfeld nicht für ein Interview zur Verfügung, während der Veranstaltung war Fotografieren unerwünscht. Deshalb hier eine Aufnahme, die während des Literaturfestivals Lit. Cologne entstand und die dem optischen Eindruck in Würzburg sehr nahe kommt. Foto: Henning Kaiser, dpa

    So richtig kommen die beiden an diesem Abend nicht zusammen. Ferdinand von Schirach, Schriftsteller, und Markus Trabusch, Intendant. Von Schirach ist, nach knapp einen Jahr, wieder ins vollbesetzte Mainfranken Theater gekommen, um aus seinem neuen Buch "Kaffee und Zigaretten" zu lesen, Trabusch, eigentlich der Gastgeber, soll den Abend moderieren und ein Gespräch führen. Zum Schluss wird es von Schirach sein, der das Gespräch beendet und sozusagen Trabusch entlässt.  

    Die beiden hatten schon einen Fehlstart erwischt. Trabusch hatte gefragt "Müssen wir uns Sorgen um Sie machen?" und damit die vielen dunklen Passagen im Buch gemeint, etwa die Geschichte eines gescheiterten Selbstmordversuchs. Von Schirach hatte auf Trabuschs vorbereiteten Fragenkatalog geblickt und geantwortet: "Ich mache mir gerade ein bisschen Sorgen – wenn das alles Ihre Fragen sind. . . Stellen Sie mir andere Fragen!" 

    Ferdinand von Schirach ist nicht gewillt, mehr über seine Geschichten zu sagen, als drinsteht

    Natürlich ist auch diese Antwort aufschlussreich. Ferdinand von Schirach, der die Bühne immer leicht gebeugt und in kleinen Schritten betritt, den man sich unmöglich mit lauter Stimme oder gar großer Geste vorstellen kann, der Sätze schreibt wie "Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment", dieser stille, scharfsinnige Mann mit der beinahe kindlich unvoreingenommen Beobachtungsgabe und dem frappierenden Sinn für die hintergründige Pointe, ist weder gewillt, eine Liste abzuarbeiten, noch mehr über seine Geschichten zu sagen, als eben in diesen Geschichten drinsteht.  So kann sich freilich nur einer benehmen, der weiß, dass es ihm in seinen Texten gelingt, alles zu sagen, was er sagen will, und es so zu sagen, dass dem nichts mehr hinzuzufügen ist.

    Worüber also reden, auf dieser Bühne, die an diesem Abend nur einem gehört? Über Fernsehserien zum Beispiel. Von Schirach liest – entgegen der per Frage formulierten Annahme, es fehle ihm dazu möglicherweise die Zeit – sehr viel ("Wenn ich nicht schreibe, lese ich"). Und er schaut Serien – die neuen Serien wohlgemerkt, wie sie etwa auf Netflix oder Apple TV laufen: "Ich bin ein Fan von dieser neuen Art zu erzählen", sagt er, "da gibt es unglaublich kluge Charaktere."

    Die Geschichten zeichnen das Bild eines Menschen, der immer anders war als andere

    Und dann blitzt, ganz unverhofft, eine ganz neue, irgendwie draufgängerische, vielleicht sogar ein wenig frivole Seite an ihm auf, wenn er, mit einem rückblickenden Lachen im Hals, die Eröffnungsszene einer seiner Lieblingsserien ("Killing Eve") beschreibt, nämlich wie die Heldin, eine sehr attraktive, soziopathische Auftragsmörderin, im Vorbeigehen einem Kind seinen Eisbecher ins Gesicht schubst. 

    "Kaffee und Zigaretten" enthält viele autobiografische Geschichten. Sie zeichnen – ähnlich einem im Ganzen stimmigen Mosaik aus höchst unterschiedlichen Steinchen – das Bild eines Menschen, der immer anders war als andere. Er schreibe, weil er hoffe, dass der Leser sich in seinen Geschichten wiederfinde, sagt er: "Das Schlimme, wenn man einsam ist, ist, dass man glaubt, dass man der einzige ist." Weil es da eben auch diese Schwierigkeit gibt, anderen zu erklären, warum er ist, wie er ist: "Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen", heißt es in der ersten Geschichte.

    Ein brillanter Rundflug zum Thema westliche Werte und Aufklärung

    Dieses Dunkle ist ihm unerschöpfliche Quelle für Poesie. Und für Komik. Keine allzu überraschende Erkenntnis: "Wenn man ganz in dieser Welt ruht und alles für einen in Ordnung ist, wird man kein Schriftsteller." Von Schirach beherrscht die Disziplinen Poesie und Komik so scheinbar mühelos und virtuos, dass er den Leser (oder den Theaterbesucher) von der ersten Zeile (oder vom ersten Moment an) in seinen Bann schlägt. 

    Etwa wenn er die Bühne betritt und als erstes erwähnt, dass direkt neben dem Bühneneingang ein Schild "Absturzgefahr" hängt. "Genau das, was ich eigentlich vermeiden will", kommentiert er. Oder wenn er im Text "Warum ich schreibe" eine Cocktailparty zur Startrampe für einen brillanten Rundflug zum Thema Aufklärung und westliche Werte macht – mit Stationen wie 146 Yoghurt-Sorten in Supermarkt-Regalen, rotzende Politiker, Investiturstreit und Gang nach Canossa, Montesquieu, Locke, amerikanische Unabhängigkeitserklärung, Erklärung der Menschenrechte. Und der Feststellung, dass diese Erklärungen Zukunftsprogramme waren für eine Welt, die es noch nicht gab. 

    "Tatsächlich können wir nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist"

    Das täte uns heute auch gut, meint von Schirach, wenn wir Entscheidungen treffen würden nicht für die Gesellschaft, wie sie ist, sondern, wie wir sie uns vorstellen: "Wir glauben an Gott, Allah, Buddha, an das fliegende Spaghettimonster oder nur an uns selbst. Tatsächlich können wir nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist, absolute Urteile über die Welt gibt es nicht. Aber, meine verehrten Damen und Herren, könnte nicht genau das es sein, was uns als europäische, als westliche Gesellschaft heute ausmacht: nicht der Konsens, sondern, dass wir den friedlichen Dissens aushalten?" 

    "Der schreibt um sein Leben", sagt eine Besucherin hinterher, "das ist wie in Tausendundeine Nacht." Kein schlechtes Bild. Nur dass Ferdinand von Schirach beide Personen ist: Scheherazade, die dem König jede Nacht eine Geschichte mit Cliffhanger erzählt. Und der König, der so gespannt auf die Fortsetzung ist, dass er Scheherazade am Leben lässt. 

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