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    Nürnberg

    Wie Jesus Christus zum Helden wurde

    Ob Herakles oder Superman – Erzählungen über Helden folgen einem bestimmten Schema. Das passt auch auf Geschichten über das Leben Jesu. Was bringt diese Erkenntnis?
    Zeichen der (vermeintlichen) Niederlage: "Christus als Schmerzensmann" (Nürnberger Meister 1483/84) im Germanischen Nationalmuseum. Foto: Germanisches Nationalmuseum

    Menschen lieben Heldengeschichten. Schon immer. Die alten Griechen erzählten Wundersames von Herakles. In den 1930er Jahren startete Superman seine Comic-Karriere. Heute stürmen ganze Superhelden-Vereine à la X-Men und Avengers die Kino-Hitparaden.

    Heldengeschichten behaupten, dass Unbesiegbare bereitstehen, um Ungerechtigkeiten zu bestrafen. Das tröstet über Defizite der Realität hinweg – jedenfalls solange man im Kino sitzt oder  im Comic blättert. „Sie verkörpern die gesellschaftlichen Werte“, heißt es im Katalog zur Ausstellung „Helden, Märtyrer, Heilige“. Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg stellt anhand von Werken aus dem Mittelalter die Geschichte Jesu sozusagen in eine Reihe mit anderen Heldengeschichten.

    Wendepunkt der Heldengeschichte: Christus auf dem Palmesel (Schüler des Veit Stoß, 1505) in der Nürnberger Ausstellung Foto: STUDIO DIRK MESSBERGER

    Jesus Christus als Held? Er, der wirklich gelebt hat, in einer Reihe mit Fantasiegestalten wie Herakles und Superman? „Ob es sich um eine historische oder eine erfunden Person handelt“, sei unerheblich, argumentiert der Pressetext. Es geht um die Geschichten, die erzählt werden. Und die haben nicht zwangsläufig etwas mit der Wirklichkeit zu tun.

    Die biblischen Evangelien, entstanden Jahrzehnte nach Jesu Tod, stehen dem Mann aus Nazaret zeitlich am nächsten und enthalten authentisches Material. Aber auch Legenden. Matthäus fügte etwa die Geschichte von den Magiern ein, die später zu den „Heiligen Drei Königen“ wurden.

    Biografische Lücken wurden gefüllt

    An biografischen Details hatten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes kaum Interesse. Nachfolgende Generationen fanden das unbefriedigend. Schließlich möchte man möglichst viel wissen über den verehrten Menschen. Also wurden biografische Lücken gefüllt. Weitere Evangelien wurden verfasst. Legenden wucherten und vermischten sich im kollektiven Bewusstsein mit biblischen Evangelien und Fakten. Das zeigen auch die Bilder und Skulpturen der Ausstellung – ob Maria mit dem Jesusknaben, das Fragment einer Anbetung der Heiligen Drei Könige von Riemenschneider oder Kreuzigungsdarstellungen.

    Was in den Evangelien angelegt ist, wurde immer weiter ausgebaut und ausgeschmückt. In Jesu Lebensgeschichte schlichen sich – bekannten und beliebten Erzähltraditionen folgend – immer mehr Elemente der sogenannten Heldenreise: „Für die Erzählung großer Heldentaten hat sich ein Grundmuster herausgebildet, das von antiken Texten bis zum Hollywoodfilm auf einer vergleichbaren Dramaturgie beruht“, heißt es in der Nürnberger Ausstellung.

    Außergewöhnliche Umstände der Geburt: Jesus und seine jungfräuliche Mutter (Maria mit Krone, um 1470/80, Ausschnitt) Foto: GNM

    Das Erzählgerüst, an dem sich ein klassisches Heldenleben aufrichtet, sieht stichwortartig so aus: Außergewöhnliche Umstände der Geburt – Berufung – Phase der Bewährung – Gefährdung – Entscheidung – Niederlage – Triumph. Auf Jesus Christus bezogen sähe das so aus:

    • Außergewöhnliche Umstände der Geburt: Jesus wurde, laut Apostolischem Glaubensbekenntnis, „empfangen vom Heiligen Geist“ und „geboren von der Jungfrau Maria“. Er wird als Gottes Sohn dargestellt.
    • Berufung: Der künftige Held wird von einem Mentor unterwiesen. „Diesen Part in der Vita Christi füllt laut Neuem Testament der Bußprediger Johannes aus, zu dessen Anhängerschaft Jesus vermutlich einige Jahre gehörte“, so Ausstellungskurator Markus Prummer im Katalog. Nach der Hinrichtung des Täufers habe Jesus selbst Anhänger um sich versammelt. Der Held breche damit „ins Abenteuer“ und „in unvertraute Gefilde auf“, so Kunsthistoriker Prummer.
    • Bewährung: Der Held erlebt die ersten, gefährlichen Prüfungen, die ihn reifen lassen. Jesus fastet in der Wüste und widersteht den Versuchungen des Satans.
    • Gefährdung: Sie markiert den Wendepunkt in der Helden-Vita. Jesus erreicht ihn mit dem triumphalen Einzug in Jerusalem. Er predigt, diskutiert, handelt, provoziert: Er vertreibt Händler aus dem Tempel. Und in der Stadt lauern Feinde.
    • Entscheidung: Der Held muss sich zwischen Leben und Tod entscheiden und seine Angst überwinden. Jesus betet im Garten Gethsemane. Er entscheidet sich für die letzte, große Prüfung.
    • Niederlage: Der Held ist am Tiefpunkt seiner Reise angelangt. Jesus wird gefoltert und stirbt am Kreuz.
    • Triumph: Diese „Etappe der Heldenreise kontrastiert die vermeintliche Niederlage mit dem Triumph des Helden und erzeugt damit beim Publikum höchste Erleichterung“, kommentiert der Ausstellungskatalog. Jesus steht von den Toten auf und fährt als unsterblicher Gottessohn gen Himmel.

    Das Muster passt für Herakles wie für Superman

    Das „Heldenreise“-Muster lässt sich beispielsweise auch über die Herakles-Sagen stülpen – von der außergewöhnlichen Geburt des Helden (er ist ein Sohn von Göttervater Zeus) über die Berufung (Herakles am Scheideweg) bis zu Niederlage und Tod (er wird vom Scheiterhaufen in den Olymp entrückt); oder über Superman-Comics, angefangen bei der Helden-Geburt auf dem fernen Planeten Krypton ...

    Und was hat man nun davon, dass das Muster auch auf von Jesus erzählte Geschichten passt? Es kann  Erkenntnisse bringen über einen der geheimnisvollsten und einflussreichsten Menschen der Geschichte, denn: Wer Legenden, Erzähltraditionen und -muster wie die „Heldenreise“ erkennt, kann sie aus den Erzählungen quasi herausfiltern. So lässt sich, vielleicht, ein Stück des wahren Bildes hinter den legendären, märchenhaften und mythischen Übermalungen finden.

    Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum
    Rund 50 Werke aus dem 13. bis 15. Jahrhundert zeigen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg die spätmittelalterliche Vorstellung vom Weg ins Paradies. Sie stammen aus dem eigenen Bestand. „Helden, Märtyrer, Heilige“ ist somit auch ein kleiner Ersatz für die wegen Sanierung zum Teil geschlossene Mittelalter-Abteilung des Museums.
    In mehreren Stationen geht es um die Heldenreise Christi, um Märtyrer und Heilige als Vorbilder für den Gläubigen und ihre Verankerung in der damaligen Wirklichkeit.
    Im letzten Raum – weiß und strahlend hell – hört der Besucher Paradiesvorstellungen von Kindern und Erwachsenen, von Gläubigen verschiedener Religionen und von Nichtgläubigen.
    Öffnungszeiten: Dienstag. Donnerstag bis Sonntag 10–18, Mittwoch 10–21 Uhr. Bis 4. Oktober 2020. Der Katalog kostet im Museum 18,50, im Buchhandel 24,80 Euro

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