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    Würzburg

    Wie aus dem Ringsgwandl der Ringsgwandl wurde

    "Künstler, besonders die guten, sind Wahnsinnige": Ringsgwandl 2013 beim Würzburger Hafensommer Foto: Hans Will

    Früher ist er immer wieder gefragt worden, ob "Ringsgwandl" sein Bühnenname sei. Klingt ja auch wie erfunden. Ist aber tatsächlich sein Familienname. Was nur noch wenige wissen: Georg Ringsgwandl, Songschreiber, Sänger, Gitarrist, Bandleader, Bühnenautor, Dichter, Satiriker und schräger Vogel, Ex-Kardiologe, Moralist und berufsmäßig grantiger Oberbayer, hatte tatsächlich mal einen Bühnennamen: Dr. Muschnick, Gurkenkönig von Mittenwald.

    Das muss Ende der 70er Jahre gewesen sein. Hat sich aber nicht durchgesetzt - wie es überhaupt dauerte, bis das Phänomen Ringsgwandl sich durchgesetzt hat, aber davon später. Jedenfalls: Es gab damals einen FDP-Politiker namens Wolfgang Mischnick, der stand (freilich unwissentlich) Pate. Und mit "Gurke" war seine imposante Nase gemeint. Ringsgwandls, nicht Mischnicks. Wir (das heißt, meine Eltern, meine Geschwister und ich) haben ihn einfach Ringsgwandl genannt. Dass er auch einen ganz normalen Vornamen hatte, wäre mir nicht eingefallen.

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    Georg Ringsgwandl (Jahrgang 1948) gehört zu der Handvoll Menschen, die mich (Jahrgang 1964) schon mein ganzes Leben kennen. Er war Schüler meines Vaters am Karlsgymnasium Bad Reichenhall, und weil meine Eltern – progressiv, unangepasst und selbst noch ziemlich jung – ein offenes Haus führten, in dem ständig Freunde, Kollegen und eben Schüler verkehrten, ging auch der Ringsgwandl bei uns ein und aus. Wir drei kleinen Kinder wuselten zwischen den Jugendlichen und Erwachsenen herum und spekulierten darauf, dass man vergaß, uns ins Bett zu bringen.

    "Ich freue mich sehr, dass auch bei den allerersten Sachen, die ich geschrieben habe, viele dabei sind, die man heute noch spielen kann."
    Georg Ringsgwandl

    Ein paar der jungen Leute waren bei uns Babysitter, auch der Ringsgwandl ein paar Mal, und spielten im Winter Nikolaus und Krampus – besonders die Figur des Krampus war Anlass für gruseligen Mummenschanz. Ich weiß nicht mehr, ob der Ringsgwandl da dabei war, aber es würde passen, wenn man die schrillen Outfits bedenkt, in denen er bald danach auf die Bühne ging und bis heute geht.

    Nun ist er 70 und ich bin 55 – wenn er am 7. November im Würzburger Radlersaal mit Band sein Programm "Wuide unterwegs" spielt, schließt sich für uns beide ein Kreis. Nicht nur, weil wir uns inzwischen fast 20 Jahre nicht gesehen haben, sondern, weil er die Lieder spielen wird, mit denen ich aufgewachsen bin – "Radlmare", "Jedermann", "Der Wind schreit Scheiße" (ein wunderbares Hendrix-Cover), "Hühnerarsch, sei wachsam",  "Nix mitnehma" und natürlich "Gute Nacht, die Damen".

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    Es spielt diese Songs aus dem "alten Fundus" übrigens nicht, weil ihm nichts Neues mehr einfiele, sondern, weil er sie heute dank 40 Jahren Bühnenerfahrung und hochprofessioneller Mitspieler musikalisch auf dem Niveau präsentieren kann, das ihm immer schon vorschwebte, das er früher aber einfach nicht hingekriegt hat. "Ich freue mich sehr, dass auch bei den allerersten Sachen, die ich geschrieben habe, viele dabei sind, die man heute noch spielen kann, ohne, dass sie sich komisch anfühlen", sagt er. "Wenn wir ein Stück mit der Band so hinkriegen, dass wir sagen, besser können wir es nicht, dann macht das wirklich Spaß."

    Einige dieser Lieder sind erst nach meiner Kindheit entstanden, viele kenne ich aber aus der allerersten Zeit. Als der Ringsgwandl mit der Gitarre bei uns in der Küche saß und seine neuesten Songs für uns auf Kassette aufnahm. Die Kassette gibt es noch, und darauf ist eines meiner Lieblingslieder, eine schwärmerische Spinnerei voll Selbstironie: "Ich find' die nordischen Mädchen ja so gut, warum nur hab' ich kein nordisches Blut."

    "Das ist ein guter Song, der hat was. Das habe ich damals nicht erkannt."
    Ringsgwandl über "Nordische Mädchen"

    Er hat es geschrieben, als er in Kiel Medizin studierte. Dann sei es mit einigen anderen Versuchen in der Schublade verschwunden, erzählt Ringsgwandl. Als er Mitte/Ende der Siebziger anfing, "die Sache etwas nachhaltiger zu betreiben", habe er Willy Michl einen Stapel Songs weitergegeben, und der habe diesen dann auf Platte aufgenommen. "Das ist ein guter Song, der hat was. Das habe ich damals nicht erkannt. Ich wusste allerdings auch noch nicht, wie man so ein Stück auf der Bühne richtig hinlegt."

    Ein bisschen Akrobatik mit auch mit über 60 noch sein: Ringsgwandl 2013 beim Würzburger Hafensommer Foto: Hans Will

    Das hat er dann geübt. Von der Pike auf, wie man so sagt. Am lebenden Objekt. Auch wenn dieses lebende Objekt, das Publikum, sich anfangs etwas rar gemacht hat. Ich kam nach dem Abitur 1983 zum Zivildienst nach München. Der Georg (inzwischen wusste auch ich, dass er einen Vornamen hat) hat mir eine Wohnung vermittelt und mir auch sonst weitergeholfen. Und ich habe ihn gelegentlich zu Auftritten gefahren, beim Aufbau geholfen, seine Gitarren gestimmt.

    Das waren meist strapaziöse Abende. Wir hatten beide einen Kliniktag in den Knochen – ich als Zivi, er als Kardiologe. Einmal sind wir durch Regen und Sturm nach Landshut gefahren, in einen dieser Kulturkeller. Da ist er dann vor vielleicht acht Leuten aufgetreten. Danach abbauen, heimfahren und am nächsten Tag wieder in die Klinik.

    Ein anderes Mal, bei einer Art Kleinkunstfestival im Circus-Krone-Bau in München, waren ein paar Leute mehr da. Es gab keinen Backstage-Bereich, es war laut, und ich hatte Mühe, Georgs Gitarre zu stimmen. Beziehungsweise: Es misslang. Als er auf der Bühne die ersten Akkorde anschlug, musste er abbrechen und nachstimmen. Und sagte trocken: "Entschuldigung. Die hat ein Zivildienstleistender gestimmt." Ein riesen Lacher – die Vorstellung, dass dieser Kauz mit den grellen Klamotten und den giftrot geschminkten Lippen einen eigenen Zivi haben sollte, war ja auch saukomisch.

    "Ich wollte es härter, rauer, mehr der Zeit angemessen, nicht so reminiszenzenhaft."
    Ringsgwandl über sein schrilles Showkonzept

    So schrill er über die Bühne hampelte, so gnadenlos er seine Zwischentexte bis hin zur Publikumsbeschimpfung improvisierte (einmal haben sie ihm deshalb sogar eine Kanne Bratensoße über den Kopf geschüttet),  so ernsthaft arbeitete er an seinen Songs. Wie Georg Ringsgwandl abseits der Bühne kein bisschen schrill ist, sondern bedächtig und gemessen, wenn auch mit einem Sinn für staubtrockenen Humor, der wie eine Art Unterströmung immer mitzulaufen scheint.

    Im Interview spricht er druckreif und grundsätzlich in seinem lupenreinen Staufenbrücker Dialekt. Staufenbrück – oder "Staffabruck", Titel seines vierten Albums – ist übrigens nicht, wie vielfach im Zusammenhang mit Ringsgwandl-Interviews behauptet, ein Vorort von Bad Reichenhall (wo wir beide geboren sind), sondern ein Ortsteil von Piding, wo auch ich mit meiner Familie damals wohnte.

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    So akribisch er als Arzt war (ein satirisch singender Mediziner war damals grundsätzlich suspekt), so hartnäckig entwickelte er sein Bühnenprogramm. "Nicht in einem handwerklich, technisch, virtuosen Sinne, wie man es in der Klassik lernt, sondern in Sinne des Ausdrucks", sagt er. "Ich  wollte es härter, rauer, mehr der Zeit angemessen, nicht so reminiszenzenhaft, wie das Bänkelsänger seit Jahrhunderten gemacht hatten." Schräg sei das schon gewesen – vor allem für damalige Maßstäbe. "Aber im internationalen Vergleich war das überhaupt nicht schräg. "

    Dennoch habe er auf der Bühne vieles spontan und manchmal auch verzweifelt "irgendwie hingepfeffert", erzählt er. "Aber im Laufe der Jahre hat sich dann etwas entwickelt." Eine der ersten Nummern, die richtig abgingen, war "Papst Gsehng", das sich mit der Sehnsuchtsballade "Radlmare" oder der moralischen Mahnung "Jedermann" auf dem ersten Album findet, das – typisch Ringsgwandl – "Das Letzte" heißt. Erschienen ist es 1986, zwei Jahre später schrieb Helmut Schödel in der "Zeit": "Die Figuren, in die er sich bei seinen Auftritten zerlegt – vergleichbar den Einzelteilen der zersägten Frau im Varieté – sind aus verletzter Menschlichkeit mephistoid."

    "Papst Gsehng" verbindet alles, was ein guter Ringsgwandl-Song hat: ein sauberes musikalisches Konzept, in diesem Fall ein extra cooler Groove, und einen listigen Text. Ein Auszug: "Böse Zungen song, der Papst Woytila, liest ganz heimlich an Henry Miller. Und unser Nachbar, der wo ein Ketzer ist, der Protestant Janowski,der grinst so schmierig und erzählt, der Pabst, der liest Bukowski." Nicht zu vergessen, eine Pointe. Denn der bigotte Ich-Erzähler wechselt zum Schluss die Perspektive: Nicht er hat den Papst gesehen, sondern der Papst ihn.

    "Die Künstler sind die letzten, die man zu politischen Dingen befragen sollte."
    Georg Ringsgwandl über Sendungsbewusstsein

    1993 hat sich der Ringsgwandl aus seinem bürgerlichen Beruf verabschiedet und eine aussichtsreiche Oberarzt-Stelle aufgegeben. Das haben nicht alle verstanden: "Der normale Mensch ist glücklich, wenn er endlich in seinem Leben so eine schöne Stelle ergattert hat. Dann bleibt er dabei, bis seine Knochen ausgeblichen sind." Er aber hatte das Gefühl, er sei in der Klinik entbehrlich, erzählt er. "Das hört sich heute locker an, weil es ja geklappt hat, aber damals war das etwas heikler gewesen."

    Es folgte eine Karriere mit unzähligen Bühnenauftritten, einem guten Dutzend Alben, vier Bühnenstücken (darunter "Ludwig II. – Die volle Wahrheit"), Buchveröffentlichungen, Fernsehauftritten und jeder Menge Preise. Es muss ein Leben immer hart an der Überforderung (und wohl darüber hinaus) gewesen sein. Immer wieder hat er sich, geprägt von Härte und Mief der Nachkriegszeit, an alten Nazis und neuen Blendern abgearbeitet.

    Ein Bild aus schrilleren Tagen – entstanden 2006. Foto: Blanko Musik

    Und manchmal an Kollegen: "Das war teilweise nicht zum Aushalten mit mir. Weil ich früher unglaublich viel gleichzeitig gemacht habe und immer maximal überdreht war. Und wenn dann jemand nicht sofort kapiert hat, wie ich es haben will, bin ich regelmäßig ausgetickt." Das sei für viele Leute sehr unangenehm und verletzend gewesen. Da habe er viele Wunden geschlagen, die ihm später leid taten.

    Inzwischen ist er ruhiger geworden, milder vielleicht. Politische Statements lehnt er übrigens schon immer ab: "Die Künstler sind die letzten, die man zu politischen Dingen befragen sollte. Die Aufgabe des Künstlers liegt in seinem besonderen Blick auf die Welt." Aber viele Künstler, vor allem die guten, seien "manifeste Wahnsinnige"– nur beschränkt zurechnungsfähig. 

    Wie wahnsinnig also wird sein Auftritt im Heidingsfelder Radlersaal werden? Wie viele bunte Strumpfhosen, Mülltüten, Perücken wird er tragen, wie viel Akrobatik traut er sich noch zu? Ringsgwandl lacht sein nasales, tenorales Lachen: "Immer noch einiges." Nicht ganz so wahnsinnig wie 1988/89, aber immer noch genug, verspricht er. "Meine Plattenfirma findet, es ist zu viel, aber ein gewisser Level an Schabernack gehört dazu."

    Georg Ringsgwandl und Band: "Wuide unterwegs". Do., 7. November, 20 Uhr, Radlersaal Würzburg-Heidingsfeld. Karten: Tel. (0931) 6001 6000.

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