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    Schweinfurt

    Wie die Kunst nach dem Grauen der NS-Zeit um neue Wege rang

    Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle Schweinfurt, vor einer Arbeit von Karl Otto Götz. Was aussieht, wie wild hingeworfen, hat der Künstler genau durchdacht und mit 20 Malschichten übereinander ausgeführt. Foto: Anand Anders

    Es ist eine schwierige Kunst. Eine, die sich dem Betrachter nicht auf Anhieb erschließt. Wenig Vertrautes, wenig Erkennbares. Man muss sich einlassen auf diese Bilder und Skulpturen, die da im Westflügel der Kunsthalle Schweinfurt hängen beziehungsweise stehen. Muss versuchen, auf neue Art zu schauen. Oder: Man darf auf neue Art schauen. Voraussetzungslos und möglichst offen. Farbe, Formen, Strukturen, Bewegung, Material, Oberflächen wahrnehmen und sich selbst dabei beobachten. Wie wirkt das auf mich? Was fällt mir dazu ein?

    Eine Zeit der Neuorientierung und des Wiederaufbaus

    Die Kunsthalle Schweinfurt will die wesentlichen Entwicklungsstränge der deutschen Kunst nach 1945 zeigen. Die Neuhängung der Sammlung zum zehnjährigen Bestehen des Hauses macht diese Stränge noch stärker nachvollziehbar – chronologisch wie künstlerisch. Deshalb sind zwei Flügel im Erdgeschoss der Kunst der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg gewidmet – einer uneinheitlichen, zerrissenen Zeit der Neuorientierung, des Wiederaufbaus und des Bruchs mit überkommenen Regeln.

    Deshalb führt der Rundgang nach dem ersten Raum, der mit gegenständlicher Kunst der Zwischenkriegsjahre die Verbindung zum Museum Georg Schäfer herstellt, direkt ins Informel. Also  abstrakte, genauer gesagt: nichtgegenständliche Bilder. Die Kunsthistoriker nennen das "gegenstandsentbundene Ausdrucksform". Die Bewegung des Informel entstand im Frankreich der 1940er und 1950er Jahre. Namensgeber war der Kunstkritiker Michel Tapié, der den Namen "art informel" für eine Pariser Ausstellung 1951 mit dem Titel "Signifiants de l'informel" prägte. Den Titel könnte man sehr frei mit "Zeichen in einem System, in dem Zeichen nicht formal definiert sind" übersetzen.

    Die kleine Plastik "Flügelform" von Karl Hartung (1958 / 60) gibt nicht einen Gegenstand wieder, sondern reine Bewegung. Foto: Anand Anders

    Genau das strebten auch deutsche Künstler wie Willi Baumeister, Max Ackermann, Fritz Winter, Ernst Wilhelm Nay, Theodor Werner, Gerhard Fietz, Rolf Cavael oder Rupprecht Geiger an, die sich in der Nachkriegszeit der Bewegung oder eher dem Gedankengut anschlossen und zu Gruppen wie ZEN49 oder Quadriga zusammenfanden: Es ging darum, neue Zeichen zu (er-)finden.

    Nach den Gräueln der NS-Zeit war es vielen unmöglich, figurativ zu malen

    Die Kunsthalle dokumentiert diese Suche mit nahezu allen wichtigen Vertretern des deutschen Informel – mit Werken aus der eigenen Sammlung und bedeutenden Leihgaben aus der Sammlung zeitgenössische Kunst der Bundesrepublik. Eines der wichtigsten und größten Werke ist praktischerweise gleich nebenan, jenseits des Parks zu besichtigen: die Rückwand des Zuschauerraums im 1966 eröffneten Theater der Stadt, die Fläche also, die die Foyers überragt, verwandelte Karl Fred Dahmen (1917-1981) in ein riesiges Gemälde in Braun- und Ockertönen.

    Georg Meistermanns "Gefüge III" ist von einem Altartuch inspiriert. Interessanter jedoch sind die vielen Ebenen, die sich dem Betrachter nach und nach erschließen. Foto: Anand Anders

    Unter dem Terror des NS-Staats hatte die offizielle deutsche Kunst einerseits international den Anschluss verloren, andererseits erschien es vielen Künstlern unmöglich, weiterhin figurativ zu malen. In gewisser Weise lagen sie da mit dem Philosophen Theodor W. Adorno auf einer Linie, der 1949 postuliert hatte: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch."

    Gerhard Fietz (1910-1997) erinnert sich 1986: "Erst nach dem Ende des Krieges konnte ich mich wieder künstlerisch entfalten. Ich musste in einen neuen Bereich kommen. Einfach aus dem Dreck heraus, um den Krieg loszuwerden. Es war unmöglich, illustrativ den Krieg darzustellen. Man musste da neue Formen finden. Neu anfangen."

    Das Rot von "Geist und Materie I" von Rupprecht Geiger (links) ist so intensiv, dass es mehrere Säle weit leuchtet. Für den nahe stehenden Betrachter fängt das Bild an zu irisieren. Foto: Anand Anders

    Rupprecht Geiger (1908-2009), ebenfalls zitiert im Katalog der Kunsthalle, spricht es noch deutlicher aus: "Die Welt schreit nach Erneuerung oder Untergang. Die Abkehr vom Gegenständlichen, der Ekel vor den Dingen, die auf den Menschen bezogen sind, hat seinen tiefen Grund. Diese Menschheit hat sich zutiefst verdächtig gemacht. Der herrlichste Frauenkörper hat nun den Makel auf dem Leib, die Frucht dieser bösen Sippe zu tragen."

    Freilich waren die Nichtgegenständlichen nicht die einzigen, die eine Neuorientierung für sich in Anspruch nahmen. Die meisten Bildhauer hielten deutlich engeren Kontakt zum Figürlichen als die Maler. Bei den Darmstädter Gesprächen, einer Reihe von Symposien zwischen 1950 und 1975 wurde heftig um ein neues Menschenbild gerungen. Prominente Teilnehmer waren Adorno, Martin Heidegger, Max Horkheimer, Alexander Mitscherlich oder eben Künstler wie Willi Baumeister und Conrad Westpfahl. 

    Adorno sah in der abstrakten Kunst "Verflachung und Bedeutungslosigkeit"

    Adorno sah im Informel "Verflachung und Bedeutungslosigkeit". Günter Grass spottete 1957: "Die Maler entdecken die Fläche (als hätte Rafael Löcher in die Leinwand gebohrt)." Der Künstler Karl Otto Götz (1914-2017) ließ sich davon nicht beeindrucken und prägte den ebenso einfachen wie unbeirrbaren Satz "abstrakt ist schöner".

    Die Kunsthalle Schweinfurt im ehemaligen Ernst-Sachs-Bad Foto: Oliver Schikora

    Unter dem Eindruck der Neuen Wilden (die freilich so neu nicht waren) und der Renaissance der figurativen Malerei ab den 1960er Jahren, befeuert von Stars wie Gerhard Richter, Georg Baselitz oder in jüngerer Zeit Neo Rauch, galt das Informel lange als verstaubt, seit etwa zehn Jahren allerdings erzielen die Bilder wieder hohe Preise auf Auktionen. Heute ist "der Siegeszug des Informel ... unbestritten und findet seit den 1980er Jahren bis heute ein ausdrucksstarkes Nachwirken in der zeitgenössischen Kunst", schreibt Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle, im Katalog.

    Auf Bewegung achten

    Wie also nähert man sich einem Kunstwerk des Informel? Andrea Brandl empfiehlt zum Beispiel, auf Bewegung zu achten. Etwa in der großen Arbeit von Karl Otto Götz (siehe Bild oben) mit ihren wilden schwarzen Kurven, die aussehen wie spontan hingeworfen. Tatsächlich ist, was hier wie im Affekt gemalt wirkt, genau durchdacht. Götz hat 20 Malschichten übereinander gelegt, bis er genau diesen Effekt erzielte. Man kann sich darin verlieren und immer wieder neue Bezüge zwischen Hell und Dunkel, neue räumliche Tiefen, neue, scheinbar zielgerichtete Kräfte entdecken.

    Oder auf die Farbe. Etwa in "Geist und Materie I" von Rupprecht Geiger, eine extrem intensiv magentarote Scheibe, die anfängt zu irisieren, wenn man sie auch nur länger als eine Sekunde betrachtet. Ein hypnotischer Effekt, der ganz schön anstrengend wirken kann. 

    Oder auf das Material. Etwa bei der kleinen Plastik "Flügelform" von Karl Hartung, die nichts weiter darstellen will als Bewegung und dies mit Flächen, die einander zu umspielen scheinen, und einer Oberfläche, die geriffelt ist, als sei sie starkem Wind ausgesetzt. Interessanterweise wirkt die Arbeit nicht besonders filigran. Die Anmutung entsteht auf andere Weise. Informell eben.

    Kunsthalle Schweinfurt: geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr

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