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    Würzburg

    Wie ein Holocaust-Überlebender mit Kunst den Hass besiegte

    Der Künstler Jehuda Bacon. Foto: Jens Oertel

    In den vergangenen Jahrzehnten hat Jehuda Bacon oft über sein Leben erzählt. Unermüdlich. Ruhig. Mit sanfter Stimme. Er hat mit Jugendlichen, Historikern, Juristen, Journalisten und Buchautoren über den Holocaust geredet, über das Grauen im Konzentrationslager, über die letzten Worte, die er mit seinem Vater gewechselt hat, bevor dieser ermordet wurde, aber auch über Zufälle, Glück und Versöhnung.

    Jehuda Bacon hat Auschwitz und den "Todesmarsch" nach Mauthausen und Gunskirchen überlebt. Er empfinde keinen Hass, sagte er in einem Gespräch mit dieser Redaktion. Das war vor gut elf Jahren. 2008 zeigte das Museum am Dom in Würzburg seine Werke unter dem Ausstellungstitel "... der mit dem Leben weiterwandert", eine Zeile aus einem Gedicht von Nelly Sachs. Und Jehuda Bacon beantwortete beim Pressetermin geduldig und mit einem feinen Lächeln im Gesicht die vielen Fragen. "Meine Bilder haben mich gerettet", sagte er damals.

    Aus dem Depot geholt: Bild von Jehuda Bacon im Museum am Dom; Mischtechnik auf Papier (Ausschnitt) Foto: Thomas Obermeier

    Nach dieser Erstpräsentation im Museum am Dom war für Jehuda Bacon bald klar, dass dort seine Werke gut aufgehoben sind. 2009 übergab er anlässlich seines  80. Geburtstags der diözesanen Kunstsammlung über 4000 Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher. Aus diesem Fundus sind in der Dauerausstellung nun zu seinem 90. Geburtstag, den er am 29. Juli feierte, vier noch nie gezeigte Bilder zu sehen.

    Jehuda Bacon wuchs als jüngstes Kind einer jüdisch-chassidischen Familie in Mährisch-Ostrau (heute Ostrava, Tschechien) auf. Sein Vater hatte dort eine Lederwarenfabrik. Am 18. September 1942 wurde er im Alter von 13 Jahren mit seinen Eltern und einer älteren Schwester nach Theresienstadt und später nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Vater und Sohn blieben im größten Vernichtungslager der Nazis, Mutter und Schwester wurden von dort aus ins KZ Stutthof transportiert. Er hat sie nie wieder gesehen. Sein Vater wurde wenige Monate später ermordet. Eine andere Schwester entkam den Nazi-Gräueln, weil sie bereits nach Palästina ausgewandert war.

    Jehuda Bacon 2008 bei seiner ersten Ausstellung im Museum am Dom. Foto: Christine Jeske

    Er selbst verdanke es nur "glücklichen Zufällen", dass er im Mai 1945 noch am Leben war. Und dass er weiterleben konnte, dazu hätten nach Kriegsende "viele wunderbare Menschen" beigetragen: Der US-Soldat, der dafür sorgte, dass der an Thyphus erkrankte und stark unterernährte 15-Jährige medizinische Hilfe bekam; der Pädagoge und Humanist Premsyl Pitter, der ihn und andere elternlose und traumatisierte Kinder in seinem Waisenhaus in Prag aufnahm; später der Religionsphilosoph Martin Buber, der ihm in Israel ein väterlicher Freund wurde. "Die Begegnung mit solchen Menschen bedeutet Hoffnung."

    "Letzten Endes wird der Mensch, der hasst, zerstört"
    Holocaust-Überlebender Jehuda Bacon

    Als seine größte Rettung sieht Jehuda Bacon neben seiner Kunst seine Fähigkeit an, den Hass zu überwinden, das Leben zu bejahen. "Mir wurde klar, wie zerstörend der Hass ist. Letzten Endes wird der Mensch, der hasst, zerstört." Bacon  engagierte sich früh in der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste". "Ich habe erkannt, dass es das absolut Böse nicht gibt, dass in jedem Menschen der Funken Gottes ist, auch in den Abtrünnigen."

    Aktuell im Museum am Dom zu sehen: Jehuda Bacons Zeichnung mit Feder und Pinsel in Tusche auf Papier. Foto: Thomas Obermeier

    Bereits im Kinderheim in Theresienstadt wurde sein Zeichentalent erkannt, erhielt er illegal Zeichenunterricht. Nach 1945 wurde er in Prag von einem deutschen Professor , "er war Antifaschist", der unter den Nazis nicht malen durfte, weiter ausgebildet. 1946 wanderte Bacon nach Palästina aus. Bis 1994 unterrichtete er selbst als Professor für Grafik und Zeichnen an der Kunstakademie in Jerusalem.

    1963 holte ihn der Holocaust wieder ein. Er reiste nach Frankfurt zum Auschwitz-Prozess. Sein gutes Gedächtnis machte ihn zum wichtigen Zeugen – wie schon zuvor 1961 im Eichmann-Prozess in Jerusalem. Ebenso seine Zeichnungen, in denen er ab 1945 den Holocaust dokumentierte.

    Todesstunde und Todestag des Vaters im Bild verewigt

    Seine Werke haben keine Titel, weil er dadurch die Möglichkeit der Interpretation offen lassen möchte. Nur einige seiner frühen Zeichnungen haben eine düstere Botschaft. Er signierte sie mit seiner von den Nazis eintätowierten Nummer 168194. Und einmal mit einem ganz bestimmten Datum: "22 h, 10. VII 44". Es sind Todesstunde und Todestag des Vaters. Das Bild hängt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Es zeigt den Vater, wie er über einem Schornstein schwebt. Der letzte Gespräch, der letzte Blick: Nie hat Jehuda Bacon diesen Moment vergessen, als er sich von seinem Vater verabschiedet hat, bevor er "ins Gas" musste.

    Als "Berufs-KZler" sieht er sich jedoch nicht. "Die Heilkraft und positive Eigenschaft der Kunst besteht darin, dass sie uns zum Guten leitet und uns auch menschlich hilft", so Bacon.

    Im Lauf der Jahre entdeckte der Künstler die Farbe.  Das Museum am Dom beschreibt seinen Stil in seiner aktuellen Mitteilung so: "Überlagerungen und Durchdringungen schaffen eine nun vermehrt räumliche Atmosphäre kaleidoskopartig verflochtener Farbbereiche und Bedeutungsebenen. Dem geduldigen Auge des Betrachters geben sich nach und nach aus mehrfach gebrochenen Blickwinkeln zahllose Gesichter oder Figuren zu erkennen." Das Farbgewebe des ersten Anblicks würde sich letztendlich als „unendlicher“ Mikrokosmos entpuppen, angefüllt mit Gesichtern, Erzählungen, Erinnerungen, Fantasien oder versteckten Hinweisen. 

    "Ich versuche das Geheimnis des Lebens abzubilden", sagt Bacon zu seiner Kunst.

    Literaturtipp: 2015 ist das aufwändig gestaltete Buch „Jehuda Bacon. Malerei und Grafik" erschienen. Herausgeber sind Michael Koller und Jürgen Lenssen. Der Bildband ist zum Preis von 34,80 Euro im Museum am Dom erhältlich.

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