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    Würzburg

    Wie eine Sammlung klingt: Elektronische Musik in der Residenz

    Kurator Oliver Wiener mit einem Tafelklavier um 1860. Foto: Thomas Obermeier

    Die Würzburger Residenz öffnet am Dienstag kommender Woche eine fast unbekannte Abteilung: Die Studiensammlung Musikinstrumente und Medien, sonst nur für die Forschung zugänglich und Teil der Universität, ist eine Woche lang nicht nur zu sehen und zu begehen, sondern sie ertönt obendrein. Der Kurator Oliver Wiener und der Musiker Stefan Hetzel haben einen Teil der rund 550 Museumsstücke in Betrieb gesetzt, zumindest kurz angespielt, die Klänge aufgezeichnet und aus den kurzen Aufnahmen eine Klanginstallation montiert. Jeder der beiden Komponisten beschallt nun einen eigenen der zwei Räume in Dreifach-Stereofonie. Und jeder hatte die Freiheit, die digitalen Sound-Beispiele zu verfremden – wobei Hetzel und Wiener ihre persönlichen Vorlieben haben, mit Elektronik umzugehen.

    Aus der Urzeit der Elektronik: Synthesizer aus den 50er Jahren Foto: Thomas Obermeier

    Dann und wann können nun sogar Laienohren einzelne akustische Eindrücke einem Instrument in seiner Vitrine zuordnen. Eine solche Demonstration einzelner Schallerzeuger ist für die zwei Künstler jedoch nicht Zweck ihres Werks mit dem Titel "Fluctinalsobjekt". Die Sound-Collage ist nicht pädagogisch ausgerichtet. Der Besucher sollte eher den Raum und seinen vielfältigen Inhalt im Allgemeinen wahrnehmen: "Unsere Installation ist der Versuch, der stummen Sammlung einen Klang anzutragen", formuliert es Wiener. Eine anregende Stimmung schaffen die Sequenzen mit ihren langen schweigenden Zwischenphasen allemal.

    Besonderheiten all dieser Antiquitäten erschließen sich nur dem Fachmann

    Dass sich manches Instrument mit dem Ohr nicht identifizieren lässt, passt überraschend gut dazu, wie es dem Auge zwischen all diesen Hinterlassenschaften seit der Mitte des 18. Jahrhunderts (ein Querspinett von Johann Heinrich Silbermann) ergeht. Zwar erkennt auch der Normalreisende eine südamerikanische Flöte – Tarkas heißen die 40 bolivianischen Exponate in der Residenz –, aber die Besonderheiten all dieser Antiquitäten erschließen sich nur dem Fachmann. Anders dagegen, wenn man den Betreuer der Studiensammlung zum Reden bringt. Oliver Wiener hat Abertausende biografische und musikgeschichtliche Details im Kopf, von denen er höchst lebendig zu berichten weiß, auch und gerade mit unvermuteten Hintergründen.

    Kegel-Oboen in der Studiensammlung Musikinstrumente der Universität. Foto: Thomas Obermeier

    So enthält ein Regal etliche verschiedene Modelle von Klaviermechaniken eines deutschen Instrumentenbauers aus dem 19. Jahrhundert. Eins davon nennt Wiener "ein Fake". Tatsächlich sei diese Konstruktion nie realisiert, sondern nur in einer theoretischen französischen Abhandlung beschrieben worden. Das Modell dieser seinerzeitigen angeblichen Neuheit funktioniert aber nicht. Und das war schon die Absicht des Konstrukteurs: "Da wollte der deutsche Klavierbauer zeigen, dass es die Franzosen eben doch nicht draufhaben."

    Schon die langen Wände mit Regalen voller Langspielplatten lohnen den Besuch

    Tasteninstrumente sind der Grundstock der Sammlung, der in Erlangen stand und 2010 durch die neuen Schwerpunkt-Ausrichtungen der fränkischen Hochschulen nach Würzburg kam. Hier arbeitete der promovierte Musikgeschichtler Oliver Wiener schon an der Uni und wurde als Betreuer der Sammlung fest angestellt. Naheliegenderweise unterrichtet er Instrumentenkunde, die besonders Ethnomusikologen interessiert, aber auch Aufnahmetechnik. Ein bisschen bedauert er, dass es den meisten Studierenden darum geht, die Technik für Feldforschung zu lernen. Ihm kommt es genau so "auf das Hörspiel, die akustische Kunst an". Was an den zweiten Teil des Sammlungsnamens erinnert: die Medien. Sichtlich zeugen davon in erster Linie die langen Wände mit Regalen voller Langspielplatten. Schon allein dieser beeindruckende Anblick lohnt einen Besuch.

    Kurator Oliver Wiener führt vor, wie eine der Mundorgeln aus Asien gespielt wird. Foto: Thomas Obermeier

    Und auch die jüngeren Exponate sollte man würdigen. Etwa den deutschen Ur-Synthesizer aus den 1950ern, das Melochord von Harald Bode. Imposant muss das Gerät aussehen, wenn es mit Röhren bestückt wird. Es soll aber erst einmal von Studierenden dokumentiert werden. Eine der jüngsten Zustiftungen ist die Tonanlage eines fränkischen Alleinunterhalters. Der hatte auf sein Akkordeon Steuerelemente für eine große Midi-Anlage mit einprogrammierten Rhythmen und anderen Begleitelementen montiert. Das war zu Lebzeiten des Stimmungsmachers Spitzentechnik: "Das alles für ewigen Viervierteltakt", schüttelt der Kurator amüsiert den Kopf. Und weiß sich doch verpflichtet: "Kein Orgelbaumuseum der Welt dokumentiert Alleinunterhalter!"

    Termine: Di., 22. Oktober, 20 Uhr Vernissage. Mi. bis Mo. 17 bis 19 Uhr geöffnet. Di., 29. Oktober, 20 Uhr Finissage mit Live-Improvisation der Klanginstallateure Oliver Wiener und Stefan Hetzel. Führungen für Schulklassen: oliver.wiener@uni-wuerzburg.de

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