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    Wladimir Kaminers lustige und traurige Geschichten über die Liebe

    Wladimir Kaminer: "Die Liebe ist eine Triebkraft, die den Lebenslauf jedes Menschen lenkt. Aber gleichzeitig ist sie eine große Illusion." Foto: Katja Hentschel

    Wladimir Kaminer, 52, erzählt Geschichten mit ganz eigenem Sound. Der in Berlin und Brandenburg lebende Bestsellerautor russisch-jüdischer Herkunft schrieb Bücher über seine Zeit in der Sowjetunion und sein neues Leben in der Bundesrepublik. Und jetzt widmet er sich dem größten Thema der Welt. Über die Liebe ist in den letzten 2000 Jahren eigentlich von allen alles gesagt worden, aber Kaminer gelingen in seinen "Liebeserklärungen" überraschende Perspektiven – in skurrilen, komischen und tragischen Geschichten.

    Herr Kaminer, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel "Liebeserklärungen". Möchten Sie damit etwas gänzlich Neues zum Thema Liebe beitragen?

    Wladimir Kaminer: Ich habe mich lange geweigert, über zwischenmenschliche Beziehungen zu schreiben. Aber ich habe mich immer gefragt, was ausgerechnet unterschiedliche Leute zusammen oder wieder auseinander bringt. Die Liebe ist eine Triebkraft, die den Lebenslauf jedes Menschen lenkt. Aber gleichzeitig ist sie eine große Illusion.

    Ging es Ihnen darum, die Liebe zu erforschen?

    Kaminer: Wissen Sie, ich habe eine tragische Lebenswahrnehmung. Das Leben ist eine Tragödie. Nichts ist von Bestand. Wir sterben alle und wissen nicht mal, wann. Allerdings habe ich versucht, über die Tragödie des Lebens lachen zu lernen. Wenn man nicht darüber lachen kann, wird es zu einer Sackgasse. Die Tragikomik ist die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns das Leben vorstellen und wie es wirklich ist. Bei der Liebe ist die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis immer sehr groß. Mein Buch sollte zuerst "Die Theorie und Praxis der Liebe" heißen. Es enthält wahre Lebensgeschichten von meinen Freunden, Verwandten und Bekannten.

    In einer Ihrer Geschichten verliert eine Frau ihren Partner an die AfD. Ist Politik heute stärker als Liebe?

    Kaminer: Die Politik kommt heute näher zu den Menschen als früher. Früher haben viele – ich zum Beispiel auch – jenseits des Politischen gelebt. Politik fand im Bundestag oder im Kreml statt, aber nicht bei mir in der Küche. Inzwischen ist sie aber zu einem Teil des Intimlebens geworden und macht in jedem Schlafzimmer Station. Die Geschichte ist übrigens wahr.

    Sie schreiben auch über die erste Liebe Ihrer Mutter. Der Mann war 30 Jahre älter als Ihre Mutter und verheiratet. Hat sie Ihnen das alles erzählt?

    Kaminer: Das ist aus meiner Sicht eine viel tragischere Geschichte. Sie ist sehr anrührend. Wir leben in einer rationalen Welt, in der es immer nur um Leistung geht. Sie wird als Maß für alle menschlichen Anstrengungen hervorgehoben. Die Leidenschaft des Lebens geht dabei verloren. Die erste Liebe meiner Mutter ist eine sehr leidenschaftliche Geschichte.

    Wladimir Kaminer 2017 bei einer Lesung in Karlstadt. Foto: Moritz Baumann
    Warum gibt es in Russland heute ein Gesetz, das Propaganda für Homosexualität verbietet?

    Kaminer: Ich glaube nicht, dass sich das Land rückwärts entwickelt. Das ist ein kleiner Zwischenhalt auf dem Wege der Evolution. Wahrscheinlich waren die Russen zu schnell im vorigen Jahrhundert. In bestimmten Sachen sind sie zu weit gesprungen, so dass sie sich selbst erschrocken haben und machen jetzt eine Rauchpause. Dieses Land hat 70 Jahre lang von einer Ideologie gelebt. Diese war eine Ausrede für alle möglichen Schwierigkeiten im Leben. Ohne Ideologie lassen sich diese Schwierigkeiten heute nicht mehr erklären. Deswegen haben auch viele intelligente Menschen Sehnsucht nach den alten Zeiten. Vor kurzem gab es eine Diskussion über die sowjetische Weltraumforschung. Viele haben infrage gestellt, ob es wirklich notwendig war, so viel Geld im Weltall zu verpulvern.

    Haben Sie dazu ein Beispiel parat?

    Kaminer: Als Juri Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall geflogen war, gab es in der Sowjetunion fast keine Butter. Heute sagen die einen, dass es damals doch vernünftiger gewesen wäre, das Geld in die Butterproduktion zu stecken. Dann wäre halt ein Amerikaner oder Chinese als Erster ins All geflogen. Die Befürworter der Weltraumforschung hingegen behaupten, dass es die Butter in der Planwirtschaft sowieso nicht gegeben hätte – ob mit oder ohne Gagarin. Man hatte quasi nur die Wahl: entweder mit Gagarin ohne Butter oder ohne Gagarin und ohne Butter. Aus dieser Sicht war das ein richtiger Schritt.

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    Bei einem Auftritt in Moskau haben sich zwei Musiker von der Band Rammstein auf der Bühne demonstrativ geküsst. Wie wurde das in Russland aufgenommen?

    Kaminer: Solche Gesten sind sehr wichtig. In meinen Augen ist das eine Geste der Befreiung, weil diese ganzen Vorurteile von oben nach unten auf die Köpfe der Menschen geworfen werden. Wenn die Politik sich so doof stellt, müssen die Bürger quasi die Sache in die Hand nehmen. Mit bekannten Musikern kann das gut klappen. Bei den Massenprotesten haben die größten Rapper und die beste Punkband Russlands die Menschen auf die Straße gerufen. Die haben ein Millionenpublikum. So kam es kürzlich zu der größten Demonstration seit 1991.

    Zuletzt war die Polizei mit Gewalt gegen die Demonstranten in Moskau vorgegangen.

    Kaminer: Das war für mich das Erschreckende an diesen Protesten, die sich ja gegen Gewalt richten. Ich bin mir aber nicht sicher, dass Putin das angeordnet hat. Er war zu der Zeit gar nicht in der Hauptstadt des Landes, das er regiert, sondern saß unpassenderweise irgendwo im Wasser. Die politische Elite Russlands hat noch immer nicht begriffen, dass wir eine Krise haben. Auf den Straßen laufen keine Hooligans herum, sondern das Volk.

    Warum spielt die Kirche heute in Russland eine solch große Rolle?

    Kaminer: Die russische-orthodoxe Kirche wird fast schon zu einer zweiten Regierung hochgehoben. Sie betrachtet Homosexuelle als großartige Spione des Westens und behauptet, dass mit homosexueller Propaganda die Wehrhaftigkeit der Heimat zersetzt werden soll, um das Land zu verweiblichen. Ich glaube, die meisten Russen lachen darüber.

    Gab es auch homosexuelle Generalsekretäre in der UdSSR?

    Kaminer: So viele Generalsekretäre hatten wir gar nicht. So weit ich weiß, waren die Generalsekretäre alle Heteros oder sie haben sich gut versteckt. Im heutigen Russland sind viele Homosexuelle im Staatsapparat, Beamte der A-Klasse. Zum Beispiel der Chef des russischen Parlaments. Das ist kein Geheimnis. Die beliebtesten Sänger der Russen sind homosexuell. Auch das wissen alle. Eine schizophrene Haltung: Einerseits geht die öffentliche Meinung dahin, zu bestreiten, dass es solche Menschen gibt. Andererseits gibt es sie überall mit allem, was dazugehört. Und die Menschen nehmen es wie selbstverständlich hin.

    Der Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker wurde 1989 sogar zum Sinnbild des politischen Aufbruchs.

    Kaminer: Das Bild von diesem Bruderkuss hat ein guter alter Freund von mir gemalt, der jetzt auch in Berlin wohnt: Dmitri Vrubel. Er ist zum Sklaven seines eigenen Bildes geworden. Er hat seitdem viele großartige Sachen gemacht, aber er wird trotzdem noch immer als der Maler des Bruderkusses an der Berliner Mauer wahrgenommen. Breschnew mochte es übrigens, fremde Menschen auf die Lippen zu küssen.

    Wie erklären Sie sich das?

    Kaminer: (überlegt) Für mich hatte das immer etwas Vampirhaftes. Als wollte er diese ausländischen Kollegen mit einem Blutband an sich binden.

    Während Gorbatschows Perestroika wurde der deutsche Erotikfilm "Unterm Dirndl wird gejodelt" – mit dem jungen Konstantin Wecker – im sowjetischen Fernsehen gezeigt. Auch wieder eine wahre Geschichte?

    Kaminer: Ja. Bestimmte Teile von Archiven sind offen. Man kann dort nachlesen, wie im Politbüro damals wirklich jede Kleinigkeit besprochen wurde. Etwa welchen Erotikfilm die sowjetischen Bürger sehen durften. Es war wirklich wie im Kindergarten!

    Warum hat man diesen Erotikfilm unter dem neuen Titel "Geräusche aus dem Rock" im Staatsfernsehen gezeigt?

    Kaminer: Um die sowjetische Bevölkerung aufzulockern, wollten sie natürlich keinen knallharten amerikanischen Pornofilm zeigen, sondern haben sich für diese sanfte deutsche Variante entschieden. Als ich nach Deutschland kam, habe ich diesen Film im Nachtprogramm gesehen und dachte: "Das ist doch der Film!" Er wurde damals als Liebeserklärung an das russische Volk wahrgenommen – ausgerechnet ein deutscher Film mit einem unaussprechlichen Titel. Meine Landsleute sehnen sich noch immer nach einer solchen Produktion.

    Cover Wladimir Kaminer, "Liebeserklärungen" Foto: Verlag Wunderraum
    Wieso denn das?

    Kaminer: Weil der Film "Unterm Dirndl wird gejodelt" trotz der ganzen Erotik auch etwas Romantisches hatte. Diese Wiesen und Menschen in Trachten und Dirndln. Das war etwas sehr Eigenartiges und für Sowjetfilme nicht unbedingt üblich.

    Wie sehen russische Erotikfilme aus?

    Kaminer: Da könnte man ein ziemlich dickes Buch drüber schreiben. Russen wollen immer die ersten und besten sein, also haben sie heftigst experimentiert, was Pornofilme betrifft. Aber sie haben nie so etwas Romantisches wie "Unterm Dirndl wird gejodelt" geschafft. Dieser Film war der letzte große Seufzer der deutschen Romantik.

    Wie kann die Liebe wieder romantischer werden?

    Kaminer: Das ist total schwierig. Wenn ich heute den Gesprächen meiner Kinder lausche, dann merke ich, dass sich diese ganze #metoo-Debatte und der richtige und notwendige Kampf der Frauen für ihre Rechte auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgewirkt hat. Neulich hatte mein 20-jähriger Sohn ein Rendezvous mit einem Mädchen. Sie erzählte ihm die ganze Zeit, von wem sie schon sexuell belästigt wurde: Pizzaboten, Briefträgern und allen möglichen Menschen. Ohne Reizgas gehe sie nicht aus dem Haus. Da saß mein Sohn ganz brav in der Ecke und wollte sich so wenig wie möglich bewegen. Je mehr ihm seine große Schwester erklärt, wie man das eigentlich richtig macht, desto unsicherer wird er. Es ist komplizierter geworden.

    Wladimir Kaminer: Liebeserklärungen, Verlag Wunderraum, 256 Seiten, 20 Euro

    Zur Person
    Wladimir Kaminer wurde am 19. Juni 1967 in Moskau als Sohn einer Lehrerin und eines Betriebswirts geboren. Er ließ sich in der Sowjetunion zum Toningenieur für Theater und Rundfunk ausbilden und studierte anschließend Dramaturgie. Seit 1990 lebt er in Berlin und wurde zu einem der populärsten Schriftsteller Deutschlands. Bis heute hat Kaminer 27 Bücher geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Sein Bestseller "Russendisko" wurde 2012 mit Matthias Schweighöfer fürs Kino verfilmt. Zusammen mit dem DJ Yuriy Gurzhy veranstaltet er regelmäßig eine beliebte Partyreihe unter dem Namen "Russendisko".Wladimir Kaminer ist mit der Autorin Olga Kaminer verheiratet. Das Paar lebt in Berlin am Prenzlauer Berg und hat zwei erwachsene Kinder.

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