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    Würzburg

    Wofür Maria Brendel ihrem Würzburger Publikum dankt

    Maria Brendel als Claire Zachanassian in "Besuch der alten Dame". Foto: Thomas Obermeier

    Auch wenn sie auf der Bühne eine Frau mit vielen Gesichtern ist, ihre eher dunkle, ein ganz klein wenig raue Stimme ist unverkennbar. Die Schauspielerin Maria Brendel war elf Jahre lang eines der markantesten Ensemblemitglieder am Mainfranken Theater. Nun kehrt sie in ihre Heimatstadt Leipzig zurück. Ein Gespräch über Veränderung und Aufbruch und über die Spannung zwischen Ich und Bühnen-Ich.

    Grob vereinfacht, könnte man Ihre letzten drei Rollen im Großen Haus böse nennen. Was macht mehr Spaß auf der Bühne: Gut oder böse?

    Maria Brendel: Ich überlege gerade – Stelzfuß in "Black Rider", Claire in "Besuch der alten Dame" ... Was wäre dann die dritte „böse“ Rolle?

    Der grausame Doktor im "Woyzeck".

    Brendel: Ach ja. Das ist nicht so einfach zu beantworten. Die Claire sehe ich auch gar nicht als „böse“, sondern als eine sehr kluge Frau. Die versucht, sich zu wehren. Den Spieß umzudrehen und aus ihrer Opferrolle rauszukommen. Auf Grund ihrer Erfahrungen verfügt sie über eine sehr genaue Menschenkenntnis, die sie bei ihrer Rückkehr ins Städtchen einsetzt.

    Als sie den Tod des Mannes fordert, der sie einst geschwängert und sitzengelassen hatte.

    Brendel: Natürlich wird sie in dem Moment auch Täterin und von außen betrachtet auch „böse“. Spaß im Sinne von Spielfreude erlebe ich vor allem dann, wenn ich die Motive einer Figur nachvollziehen und sie auf der Bühne nachvollziehbar machen kann.

    Elf Jahre waren Sie am Mainfranken Theater – was war Ihre Lieblingsrolle?

    Brendel: Das kann ich gar nicht auf eine Rolle beschränken. Ich habe die Klytämnestra sehr gerne gespielt. Es war eine tolle Herausforderung, an einem Werk mit drei sehr unterschiedlichen Regisseuren zu arbeiten. Aber es gab in den letzten elf Jahren einige Rollen, die im Entstehungsprozess zu „Lieblingsrollen“ wurden.

    Gibt es eine Traumrolle, die Sie unbedingt noch spielen wollen?

    Brendel: Ich habe, als ich sehr jung war, die Hedda Gabler gespielt. Die würde ich gerne nochmal spielen.

    Maria Brendel im Gespräch. Foto: Thomas Obermeier

    Eine Frau, die aus Verzweiflung oder auch Langeweile das Leben eines Mannes und ihr eigenes zerstört. Das ist bestimmt eine Rolle, die man über die Jahrzehnte ganz anders sieht.

    Brendel: Ja, ganz genau. Überhaupt interessieren mich komplexe Frauenfiguren zu allen Zeiten in ihrem Ringen um ihre Selbstbestimmung im jeweiligen sozialen Kontext.

    Was war in Würzburg das Prägendste?

    Brendel: Die Kontinuität. Das fand ich wirklich toll. Dass ich elf Jahre hier so kontinuierlich arbeiten konnte. Und dass es hier Zuschauer gab, die in einer solchen Beständigkeit an meiner Arbeit Anteil genommen und mir das auch reflektiert haben. Das kriegt man ja erst allmählich mit. Und dafür möchte ich mich hier auch ganz besonders bedanken.

    Wie bekommt man das mit?

    Brendel: Ganz unterschiedlich. In der Anfangszeit habe ich Briefe bekommen, aber meistens wird man angesprochen, im Theater oder auf der Straße. Dieser Austausch war auch für meine künstlerische Arbeit wichtig.

    Was kommt jetzt?

    Brendel: Jetzt kommt erstmal eine freischaffende Phase in meiner Heimatstadt Leipzig. Ich bin gespannt auf neue Herausforderungen.

    Elf Jahre an einem Theater sind schon eine lange Zeit, oder?

    Brendel: Inzwischen ist das lange, früher war das gar nicht so selten. Heute wird in der Regel der Vertrag Jahr für Jahr verlängert.

    Leipzig hat sich in den letzten zehn Jahren ziemlich verändert. Im Westen nehmen wir vor allem Pegida und hohe Zahlen für die AfD wahr. Welche Stadt erwarten Sie?

    Brendel: Leipzig ist eine so vielseitige, weltoffene Universitätsstadt, in der die Musik, die Malerei, die Architektur und nicht zuletzt die Literatur zu Hause sind. Die Probleme mit extrem rechtem Gedankengut sind sicher im Osten verschärfter wahrzunehmen und da gilt es wachsam zu sein, aber in Leipzig erwarte ich grundsätzlich einen aufgeschlossenen Geist.

    Maria Brendel (mit Hannes Berg) als grausamer Doktor im "Woyzeck". Foto: Thomas Obermeier

    Wie sehr sind Sie als Künstlerin gefragt, politisch relevant zu arbeiten?

    Brendel: Ich konzentriere mich immer sehr auf die künstlerische Arbeit. Aber eine Rolle steht ja in einem konkreten Kontext und erfährt durch die Beschäftigung mit dem Stoff den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bezug. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist ja, zu untersuchen, welche Prozesse innerbetrieblich und gruppendynamisch ablaufen. Da entsteht ja in der Zusammenarbeit mit Regie, Dramaturgie und den anderen Schauspielkollegen immer auch eine politische Diskussion. Und in diesem Kunstraum Theater können wir da sehr differenziert ansetzen, verschiedene Perspektiven einnehmen und hinterfragen. Natürlich kann man immer schnell artikulieren, man ist für oder gegen etwas. Aber was heißt das im einzelnen? Ich würde mir wünschen, dass über diese konträren Ansichten mehr Diskussion miteinander stattfindet. Vielleicht sind sie am Ende gar nicht so konträr. Miteinander reden und nicht nur per Like den Daumen hoch oder runter.

    Was hat sich in Würzburg in diesen elf Jahren verändert?

    Brendel: Die Stadt ist voller geworden. Sie hat sich auch verändert. Ich mag die urigen fränkischen Kneipen sehr und hoffe , dass sie nicht aussterben. Aber natürlich ist es toll, dass jetzt auch beispielsweise urbanere Cafés Einzug halten. Würzburg ist einfach eine lebenswerte und lebendige Stadt.

    Ich habe Sie gerade auf der Straße sofort erkannt – obwohl Sie auf der Bühne oft ganz anders aussehen. Wie erleben Sie sich selbst in diesem Spannungsfeld zwischen Ich und Maske beziehungsweise Kostüm?

    Brendel: Ich glaube, dass ich die Dinge immer mit mir selbst abgleiche. Es geht immer stark um die Situation, in der eine Figur ist. Aber wenn dann in den Endproben Kostüm und Maske dazu kommen, dann beeinflusst mich das durchaus auch noch. Und dann versuche ich immer damit zu verschmelzen, dass sich die Figur am Ende mit mir verzahnt und eins wird. Ohne diese innerbetriebliche Andockung geht es nicht.

    Klappt das immer?

    Brendel: Bei manchen Rollen kann es ein paar Vorstellungen dauern. Zum Beispiel beim Stelzfuß im "Black Rider". Da habe ich eigentlich keine Szenen im klassischen Sinne zu spielen. In dieser Rolle singe ich überwiegend Songs. Am Anfang habe ich mich wie amputiert gefühlt, so gerne ich auch singe. Inzwischen habe ich einen inneren Faden gefunden. Wenn mir das gelingt, in diesem komplexen Gebilde, das ja jedes Theaterstück ist, dann ist das ein tolles Gefühl.

    Was werden Sie aus Würzburg mitnehmen?

    Brendel: Ich mag diese Lebensart hier, die ist schon sehr „südlich“. Das werde ich vermissen. Es hat mich ganz am Anfang fasziniert, dass hier die Leute mittags auf der Straße stehen und ein Glas Wein genießen. Vermissen werde ich auch die sehr warmherzigen Menschen, die mich in diese Stadt, ihre Lebensart und ihr Leben aufgenommen haben. Ich habe hier in verschiedenster Hinsicht viel gelernt und das wird mich auf meinem weiteren Weg immer begleiten.

    Maria Brendel
    Die gebürtige Leipzigerin hat 1990 ihr Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin abgeschlossen. Nach Engagements in Magdeburg und Berlin war sie elf Jahre lang Ensemblemitglied am Mainfranken Theater, das sie nun in Richtung Leipzig verlässt. 2018 erhielt sie den Theaterpreis des Theater- und Orchesterfördervereins Würzburg.
    Letzte Vorstellungen: Maria Brendel ist noch zweimal in Würzburg zu erleben, als Stelzfuß in "Black Rider", am 17. und 21. Juli in der Behr-Halle des Rathauses (ehemals Efeuhof). Restkarten an der Abendkasse.

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