• aktualisiert:

    Würzburg

    Wolfgang Bosbach: Der Politiker und der liebe Gott

    Mit Wolfgang Bosbach über Gott zu sprechen ist nicht so einfach. Über die Welt hingegen spricht er ausgesprochen gerne. Zum Beispiel mit Benediktiner Nikodemus Schnabel.
    Wolfgang Bosbach: "Bei mir wussten die Leute immer, wo sie dran sind." Foto: Thomas Obermeier

    Über Gott haben sie gar nicht so viel geredet. Umso mehr über die Welt. Von der Wolfgang Bosbach nach eigenem Bekunden noch nicht allzu viel gesehen hatte, bevor er im Herbst 2017 als Abgeordneter aus dem Deutschen Bundestag ausschied. Das mit der Welt holt er seither nach, wie er beim "Nikodemusgespräch" im Würzburger Burkardushaus erzählt. "Gestern war ich noch auf der anderen Seite", sagt er und deutet gestisch die Umrundung des Globus an.

    Angekündigt war ein Talk über Gott und die Welt – zwischen dem christlichen Politiker, auch gut zwei Jahre nach seinem Abtritt von der Bundesbühne  einer der profiliertesten Köpfe der Republik, und dem Benediktinermönch Pater Nikodemus Schnabel (42), medial präsent im ZDF und im Netz, dauerhaft ansässig in der Abtei Dormitio auf dem Berg Zion mitten in Jerusalem, im vergangenen  Jahr aber wohnhaft in Berlin als Berater für Religion und Politik im Auswärtigen Amt.

    Bosbach ist kein Mann für metaphysische Exkurse

    Mit dem CDU-Politiker und praktizierenden Katholiken Wolfgang Bosbach (67), über Gott zu reden, ist aber gar nicht so einfach, wie sich herausstellt. Bosbach ist kein Mann für metaphysische Exkurse, sondern der Fakten und der Vernunft. Immerhin, als das Gespräch auf seine beiden schweren Erkrankungen kommt – Herzschwäche und Krebs –, gibt er zu, "gemischte Gefühle" gehabt zu haben: "Da hatte ich schon meine Probleme mit dem lieben Gott – womit habe ich das verdient?" Dennoch habe er schließlich Kraft und Trost im Glauben gefunden, sagt er dann, und umschreibt auch diesen Prozess auf seine pragmatische Art: "Du hast in deinem Leben so viel Glück gehabt,  jetzt hast du halt zweimal Pech gehabt."

    Pater Nikodemus an Wolfgang Bosbach: "Sie sind die berühmte rühmliche Ausnahme in Zeiten der Politikerverdrossenheit." Foto: Thomas Obermeier

    Versuche von Pater Nikodemus, das Gespräch auf kulturell oder spirituell grundsätzlichere Ebenen zu bringen, ändern nicht viel an Bosbachs dezidiert konkreter beziehungsweise bodenständiger Weltsicht. Ob er denn die Politik als Berufung erlebt habe, will der Mönch vom Politiker wissen und zeichnet eine Parallele zwischen den extremen Daseinsformen im Kloster und im Parlament.

    Berufung? Bosbach schildert sein Elternhaus, in dem immer zwei Themen aktuell waren: Politik und Religion. Die Politik, weil der Vater mit 27 traumatisiert aus einem Krieg zurückgekehrt war, in den er anfangs voller Überzeugung gezogen war, und nun fortan alles beitragen wollte, dass derlei sich nie wiederholen würde. Die Religion, weil der Vater katholisch, die Mutter evangelisch war, was der Familie einiges an logistischer und auch spiritueller Flexibilität abverlangte. Aber Berufung? Nein, ein Schlüsselerlebnis hat es wohl nie gegeben.

    "70 Prozent der Bevölkerung stehen Politikern skeptisch gegenüber, 90 Prozent freuen sich, wenn sie einen sehen."
    Statistik à la Wolfgang Bosbach

    "Sie sind ja die berühmte rühmliche Ausnahme in Zeiten der Politikerverdrossenheit", sagt Pater Nikodemus und meint damit Bosbachs Beliebtheitswerte und seine Authentizität. "Was machen die anderen falsch?" Wolfgang Bosbach lässt Zahlen sprechen: "70 Prozent der Bevölkerung stehen Politikern skeptisch gegenüber, 90 Prozent freuen sich, wenn sie einen sehen."

    Was er meint: Es gibt immer mehrere Realitäten nebeneinander. In 48 Jahren Politik hat er gelernt, mit Uneindeutigkeiten und Uneinheitlichkeiten zu leben. Sich zu verstellen, das hat er allerdings nie gelernt. Und ist deshalb immer geradeaus gegangen, wie er sagt: "Bei mir wussten die Leute immer, wo sie dran sind. Wer den Leuten nach dem Mund redet, der wird scheitern. Irgendjemand müssen Sie immer enttäuschen."

    Video

    Ob es in diesem Land an einer Anerkennungskultur für Politiker fehle, will der Pater wissen. Wolfgang Bosbach schnaubt: "Wer auf Anerkennung und Schulterklopfen angewiesen ist, der hat in der Politik nichts verloren." Wer Politik mache, müsse das als Aufgabe verstehen und annehmen und sich darauf gefasst machen, dass es immer mehr Ärger als Freude geben werde. Anerkennung stehe den Menschen zu, die ehrenamtlich arbeiten, denen gebühre weitaus mehr Würdigung.

    Wenn geflüchtete Syrer in Deutschland auf ihre IS-Verfolger treffen

    Was an diesem Abend wohltuend ist: Keiner der beiden Talker strebt einen Rundumschlag aktueller Themen an. Trump und Klima kommen erst zum Schluss und auch nur kurz zur Sprache, das Thema Migration mit denkbar persönlichem Hintergrund. Wolfgang Bosbachs Frau Sabine arbeitet seit 2015 ehrenamtlich mit Geflüchteten. Da kam es nun zu einem beängstigenden Zufall: Auf dem Gang des Amtes für Migration traf die von ihr betreute syrische Familie auf eben jene IS-Terroristen, vor denen sie geflohen war. Inzwischen läuft ein Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf, bei dem die Geflüchteten gegen ihre ehemaligen Verfolger aussagen.

    Dass letztere überhaupt in die Lage kommen, hier Asyl zu beantragen, und dass die Verfolgten die nächsten Jahre in Angst und Schrecken leben werden, das ist auch für einen Politprofi wie Bosbach schwer zu ertragen: "Wie können die hier ein Aufenthaltsrecht bekommen?"

    Dass er nie Minister wurde, obwohl er nach dem Scheitern von Rot-Grün ein Wochenende lang sehr nah dran war, hat er inzwischen verwunden, sagt er.  Dass er den Bundestag verlassen hat, hat er keine Minute bereut: "Politik frisst einen auf, wenn man sie ernst nimmt. Und es ist ein unfassbar großer Aufwand für relativ bescheidene Ergebnisse."

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!