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    WÜRZBURG

    Würzburger Quittung gibt die Antwort: Wann starb Gutenberg?

    Gutenberg Bible
    Das erste und vielleicht schönste gedruckte Buch der Welt: die Gutenberg-Bibel. Hier ein Exemplar, das in der New York Public Library verwahrt wird. Foto: mizoula

    Die Welt war noch eine Scheibe, Amerika unentdeckt und in Europa herrschte die Kirche mit dem Papst an der Spitze über das Seelenheil und Denken der Menschen. Das Mittelalter zog sich, auch wenn sich in Italien erste Umbrüche andeuteten. Künstler und Gelehrte begannen dort mit neuartiger Malerei, Architektur, Literatur und Philosophie das Denken zu verändern. Der Mensch, gefangen im irdischen Jammertal, sollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, die Welt gestalten und nach Wissen streben.

    Fixe Idee: Ein gedrucktes Buch so schön wie handgeschrieben

    Mitte des 15. Jahrhunderts, noch ist es ist eine dunkle Zeit. Und in Mainz tüftelt ein Mann verbissen an einer Erfindung. Jahrelang hat er experimentiert, sich immer wieder Geld geliehen – und festgehalten an der fixen Idee, ein Buch herzustellen, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Gedruckt auf einer selbst gebauten Presse, mit selbst entwickelten beweglichen Typenlettern aus Gießmetall und selbst angerührter Farbe.

    Aus Paris hat sich Johannes Gutenberg eine Bibel als Vorlage besorgt, aus Oberitalien holte er das Papier. Jetzt, 1455, ist er fast schon mit dem Druck seiner Bibel fertig, da hat sein Mäzen und Geldgeber Johannes Fust keine Geduld mehr. Gutenberg, entscheidet das Gericht, soll zwei Mal 800 Gulden samt Zinsen zurückzahlen.

    Ein verkanntes Genie, das mit seinen Experimenten auf dem Weg ist, eine der größten Errungenschaften der Weltgeschichte zu schaffen. Nach Gutenbergs Erfindung ist in Europa nichts mehr wie zuvor. Und er selbst? Wird später als „Mann des Jahrtausends“ gefeiert werden. 550 Jahre nach seinem Tod kennt jedermann Johannes Gutenberg – obwohl von seinem Leben kaum etwas bekannt, obwohl historisch wenig verbürgt ist.

    Verkanntes Genie, unsichere Biografie

    Dafür umgeben den Erfinder des modernen Buchdrucks ungezählte Legenden. Zum Beispiel über das Sterbedatum: 3. Februar 1468. Doch die Historiker sind vorsichtig. In der Totenliste der Begräbnisbruderschaft St. Viktor in Mainz-Weisenau ist dem Eintrag „Hengin Gudenberg Civis Mag“ nämlich kein Datum hinzugefügt. Umso bedeutsamer für die Gutenberg-Forscher ist jenes Dokument vom 26. Februar anno 1468, das vor zwei Jahren im Staatsarchiv Würzburg wiederentdeckt wurde . . .

    Geboren um 1400 in eine Mainzer Patrizierfamilie, hatte Johannes Gensfleisch, der sich nach dem Anwesen der Kaufmannsfamilie später Gutenberg nannte, den Beruf des Münz- und Goldschmieds gewählt. Und er hatte begonnen, sich intensiv mit Metallen und Drucktechnik zu befassen. In Straßburg, wo er zehn Jahre lang lebte, kam ihm um 1440 die große Idee: Texte zu drucken mit beweglichen, beliebig variierbaren Lettern. Damit würde sich Schriftgut in Serie herstellen lassen, einfach und in kurzer Zeit.

    In den Schreibwerkstätten der Klöster sind über Jahrhunderte Bücher in mühseliger Handschrift entstanden. Nur Klerus und Oberschicht können sich die teuren Schriften überhaupt leisten und, falls des Lesens überhaupt mächtig, auch lesen. Gutenbergs Idee ist einfach. Und genial. Doch sie erfordert jahrelange Tüftelei. Der Mainzer Schmied baut eine hölzerne Druckerpresse und entwickelt ein Handgießinstrument, mit dem sich aus einer rasch erkaltenden Legierung aus Zinn, Blei, Antimon und Wismut schnell lateinische Buchstaben und Satzzeichen herstellen lassen. Dazu mischt er Lampenruß, Firnis und Eiweiß und rührt eine haltbare Druckerschwärze an. Das Elixier der „schwarzen Kunst“, wie das Drucken bald genannt werden würde.

    Drei Millionen Lettern für die Bibel

    Die Buchstabenformen zu schneiden, das kostet Zeit. Seine Drucke, so Gutenbergs Anspruch, sollen der Ästhetik der kunstvollen Handschriften in nichts nachstehen. Sie sollten nicht aussehen wie schön gedruckt, sondern eben wie geschrieben von Mönchshand. Im Jahr 1450 kann er mit seinem ehrgeizigen Vorhaben dann beginnen: Innerhalb von zwei Jahren druckt Gutenberg in seiner Mainzer Werkstatt mit 20 Angestellten 180 Exemplare der lateinischen Bibel. 3700 Buchstaben pro Seite, rund drei Millionen Lettern insgesamt. In perfektem Blocksatz und verziert mit aufwendigen Malereien, teils auf Pergament, die meisten jedoch auf günstigerem Papier.

    Er ist fast fertig, da wird Gutenberg vom Richter auferlegt, die mühsam aufgebaute Werkstatt an Leihgeber Johannes Fust zu übereignen – samt der gedruckten Bibelexemplare. Als gebrochener Mann – so die Legende – zieht sich der Erfinder der Buchdruckkunst ins Mainzer Victorienstift zurück. Dort lebt er, dank Almosen und von Landesherr Adolf von Nassau mit Kleidung und Wein versorgt, bis zu seinem Tod.

    Unsicheres Sterbedatum: Wirklich der St. Blasiustag?

    Bis zum 3. Februar des Jahres 1468, dem St. Blasiustag? „Der Hinweis geht auf den Historiker Ferdinand Wilhelm Emil Roth in der Darmstädter Zeitung aus dem Jahr 1913 zurück“, sagt Professor Stephan Füssel, Inhaber des Gutenberg-Lehrstuhls der Universität Mainz. Heimathistoriker Roth wiederum verweise auf einen handschriftlichen Vermerk in einem Frühdruck in Rheingauer Privatbesitz. „Merkwürdigerweise ist das Buch seit diesem Eintrag verschollen, niemand anderes hat es je gesehen, und der Lokalhistoriker ist als kreativer Fälscher auch in anderen Fällen entlarvt worden“, sagt Füssel.

    Starb Johannes Gutenberg also wirklich am 3. Februar? Wissenschaftlich nicht haltbar, sagt Füssel: „Man sollte vorsichtig mit diesem konkreten Datum umgehen.“

    Zufallsfund im Staatsarchiv

    Was es dagegen verlässlich gibt: eine Urkunde aus den Mainzer Stadtakten, die im Staatsarchiv Würzburg verwahrt sind. Dr. Werner Wagenhöfer, der damalige Leiter des Staatsarchivs, hatte sie im Januar 2016 bei Verzeichnungs- und Registrierungsarbeiten wiederentdeckt. Es ist eine eigenhändige Quittung des Mainzer Humanisten und Juristen Dr. Konrad Humerys, mit aufgedrücktem Papiersiegel vom 26. Februar 1468.

    Humery bestätigt darin, dass er von Erzbischof Adolf II. aus dem Nachlass Gutenbergs seine geliehenen Druckutensilien zurückerhalten habe: „etliche Formen, Buchstaben, Instrument und anderes Gerät, das zum Druckerhandwerk gehört“. Auf der Rückseite der Urkunde steht ein Vermerk der erzbischöflichen Kanzlei: „Erkentenis doctor humery des truckens und instrument halb dazugehorend“.

    Mit der wiedergefundenen Quittung, sagt Buchwissenschaftler Stephan Füssel, „ist sicher, dass Gutenberg vor dem 26. Februar 1468 verstorben ist, dass er mit einem der führenden Humanisten bekannt und offensichtlich auch mit ihm eine Geschäftspartnerschaft eingegangen war.“ Und, was vor allem bedeutend ist: „Dass Gutenberg bis in die letzten Lebensjahre eine Druckerei zur Verfügung stand und er bis zu seinem Tod gedruckt hat.“

    „Ein ausgesprochen wichtiges Dokument“

    Auch für die Einordnung der damals in Mainz entstandenen Bücher, die noch nicht wie heute alle einen Druckvermerk enthielten, sei das „ein ausgesprochen wichtiges Dokument“. Entgegen der Legende sei Gutenberg „auf keinen Fall verarmt und vergessen gestorben, sondern hochgeehrt“, fügt Füssel. So sei der Drucker 1465 zum Hofmann ernannt und damit von Steuern und Lasten befreit worden. Zudem habe er Natural-Leistungen: zwei Fuder Wein, also etwa 24 Eimer, und 20 Malter (20 mal 109 Liter) Getreide im Jahr.

    Der Druck der Bibel sei kommerziell durchaus erfolgreich gewesen, sagt Füssel und verweist auf die Beobachtung des Diplomaten und späteren Papstes Enea Silvio de Piccolomini von der Frankfurter Messe im Oktober 1454, wonach die gesamte Auflage vergriffen sei. Auch der in vielen Gutenberg-Biografien vermerkte Rechtsstreit mit Geschäftsmann Fust müsse nach modernen rechtshistorischen Untersuchungen neu betrachtet werden, sagt der Mainzer Buchwissenschaftler. Der Erfinder sei damals keineswegs zahlungsunfähig gewesen.

    Mit dem Buchdruck die Welt verändert

    Wie auch immer. Gutenberg wurde zum Vater der Massenkommunikation bis hinein ins digitale Zeitalter. Und die Gutenberg-Bibel ist nicht nur das erste, vielleicht auch das schönste Buch, das je gedruckt wurde. Mit ihr beginnt der freie Austausch der Ideen, die Alphabetisierung des Volkes, die Technisierung der Arbeitswelt, die Demokratisierung des Wissens. Die Kirche verliert ihr Wissensmonopol – und bald auch ihre Deutungshoheit über die Religion.

    Die Technik Gutenbergs verbreitet sich wie ein Lauffeuer über Europa. Um 1500 produzieren Druckereien an 255 Orten nicht nur gelehrte Werke, sondern auch antirömische Flugblätter und Schmähschriften gegen Ablasshandel und den Prunk der römischen Kurie. 100 Jahre später erscheint die erste Zeitung. Ohne den Buchdruck wäre es wohl kaum zur Reformation gekommen. Die Reaktion auf die neue geistige Freiheit lässt nicht lange auf sich warten. Weltliche und kirchliche Herrscher gehen mit Zensur dagegen vor. Ab 1559 setzt Rom missliebige Werke auf den berüchtigten Index, der über 400 Jahre existiert.

    Ob noch mehr Gutenberg-Quellen im Staatsarchiv liegen?

    Der Mainzer Historiker Dr. Franz Stephan Pelgen hat übrigens die Hoffnung, dass im Staatsarchiv Würzburg, das einen Großteil der Archivalien von Kurmainz verwahrt, noch anderes zutage gefördert wird: „Weitere, vielleicht gänzlich unbekannte neue Quellenfunde zu Gutenberg selbst“.

    Old typography letters
    Buchstaben in Blei: Zur revolutionären Erfindung von Johannes Gutenberg, der 1468 starb, gehören die beweglichen Lettern. Foto: THINKSTOCK
    Es gibt kein zeitgenössisches Porträt des Erfinders, jede Epoche machte sich ein eigenes Bild: Johannes Gutenberg in einem Fantasiebildnis aus dem 16. Jahrhundert. Foto: Disharmonie

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