• aktualisiert:

    Sommerhausen

    Abstand gewahrt: Das Torturmtheater zieht vom Saal ins Foyer

    Die kleine Bühne bespielt coronabedingt bis in den Winter das Foyer, wo 27 Gäste Platz finden werden. Drei Stücke sind geplant – spannend, komisch und skurril.
    Angelika Relin auf der vier Quadratmeter großen Bühne im Foyer des Torturmtheaters, das künftig als Spielstätte mit 27 Plätzen dient.
    Angelika Relin auf der vier Quadratmeter großen Bühne im Foyer des Torturmtheaters, das künftig als Spielstätte mit 27 Plätzen dient. Foto: Thomas Obermeier

    Es ist kein Not-Spielplan geworden, darauf legt Angelika Relin Wert: "Was wir jetzt anbieten, das wird unseren Ansprüchen gerecht", sagt die Chefin des Torturmtheaters in Sommerhausen (Lkr. Würzburg). Wie die Spielpläne der 806 weiteren Spielstätten der Republik, hat Corona auch ihren zunichte gemacht. Lange war nicht klar, wann und wie wieder gespielt werden könnte. Nach einer Art Vorspiel Ende Juni, bei dem dreimal der Film "OK  – oder die Rache der Bilder" zu sehen war, geht nun am 9. Juli der echte Theaterbetrieb wieder los – mit zwei Monologen und einem Zwei-Personen-Stück.

    Szenenbild aus 'OK - oder die Rache der Bilder', Aufzeichnung eines Theaterstücks mit Veit Relin, 1988. 
    Szenenbild aus "OK - oder die Rache der Bilder", Aufzeichnung eines Theaterstücks mit Veit Relin, 1988.  Foto: Angelika Relin

    Die Vorführungen der ZDF-Aufzeichnung des Stücks, in dem Veit Relin (1926-2013) einen frustrierten Museumsaufseher spielt, der sich dank seines Namens Oskar Kokoschka (nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem weltberühmten Künstler) zu Höherem berufen fühlt, waren auch eine Art Test für die neue Spielstätte: Gespielt wird nicht im viel zu engen Theater selbst, das muss Angelika Relin dieser Tage immer wieder besorgten Interessenten erklärten. Gespielt wird im Foyer. Hier bringt das Theater unter Einhaltung aller Regeln immerhin 27 Gäste unter, knapp die Hälfte der Plätze im Saal unter Normalbedingungen. Und: Ab sofort dürfen Gäste die Maske abnehmen, sobald sie ihren Platz erreicht haben.

    Es war sehr schnell klar, dass die Planungen der Saison nicht umsetzbar sein würden

    Das vergangene Vierteljahr empfindet Angelika Relin im Rückblick als "surreal": "Wir sind in eine andere Welt gefallen." Nach einer ersten Phase, die auch sie gebraucht habe, um zu begreifen, was da eigentlich geschah, sei der Gedanke aufgetaucht: "Wie bewältigst du das Ganze?" Die erste Produktion war bereit zur Premiere, als der Lockdown kam. An eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach dem 19. April – vorläufiges und sehr bald hinfälliges Enddatum des ersten Moratoriums – habe sie ohnehin nie geglaubt, sagt die Theaterchefin. Deshalb habe sie sehr bald auch die zweite Produktion abgesagt.

    In engem Austausch mit Schauspielern und Regisseuren zeigte sich schnell, dass es wenig Sinn haben würde zu versuchen, die Planungen dieser Saison doch noch irgendwie umzusetzen: "Da gab es wenig Möglichkeiten zu puzzeln." Also hat sie das 2020/21 vorgesehene Repertoire um ein Jahr verschoben – freilich ohne Gewähr – und ein Alternativprogramm auf die Beine gestellt. Wenig hilfreich sei gewesen, dass viele Wochen in den Pressekonferenzen die Theater nicht einmal erwähnt wurden – auch nicht, als die ersten Lockerungen kamen. "Diese Situation war die allerschlimmste, eine Hängepartie. Ich hatte es satt, ohnmächtig auf eine Nichtansage zu reagieren. Da habe ich gesagt, ich muss was machen, sonst werde ich wahnsinnig."

    Normalerweise führt die Treppe von Foyer hoch zum Saal des Torturmtheaters. In diesen Tagen dient sie eher als Empore. 
    Normalerweise führt die Treppe von Foyer hoch zum Saal des Torturmtheaters. In diesen Tagen dient sie eher als Empore.  Foto: Thomas Obermeier

    Dann kam endlich die Ansage, dass ab 15. Juni wieder gespielt werden durfte. "Sehr kurzfristig war das. Theater braucht Vorlauf", so die Theaterchefin. Während der Zwangspause hatte sie unzählige Stücke gelesen, andere lagen ohnehin auf Halde. Monologe zum Beispiel, weil das Torturmtheater sonst nur einen pro Saison im Programm hat. Nun aber, auf der gerade mal zwei mal zwei Meter großen Bühne ohne Bühnenbild im Foyer, drängen sich Ein-Personen-Stücke geradezu auf.

    Und so beginnt die Corona-Spielzeit des Torturmtheaters mit einem Soloprogramm: Amelie Heiler spielt "Die schönste Frau der Welt" (Regie: Ercan Karacayli). In dem Mix aus Kabarett und Theater stellt sich die Single-Frau, immer auf der Suche nach der Liebe und dem großen Glück, den wichtigen Fragen zwischen Tinder, Sex und dem wahren Leben zwischen Feminismus, Politik und Klimaaktivismus. Amelie Heiler, Jahrgang 1994, legt mit "Die schönste Frau der Welt" ihren ersten eigenen Text vor – eine Uraufführung also (9. Juli bis 1. August).

    Eine höchst ungewöhnliche Form der Paar(-Selbst)-Therapie

    Mit Holger Böhmes "Die meisten Afrikaner können nicht schwimmen" läuft von 6. August bis 26. September ein Zwei-Personen-Stück (Regie Oliver Zimmer). Das ist möglich, weil Katharina Friedl und Armin Hägele, die ein Paar spielen, auch im echten Leben eines sind. Die Handlung: Anja und Michael nehmen an einen Theaterprojekt teil. Menschen aus dem Publikum dürfen auf der Bühne von einem einschneidenden Erlebnis erzählen. Anja und Michael haben auf einem Segeltörn drei Afrikaner aus dem Mittelmeer gerettet, dann ihre Yacht aber vorsätzlich auf ein Riff gesetzt, weil ihnen die Situation unheimlich wurde. Das Paar konnte sich retten, die Afrikaner höchstwahrscheinlich nicht.

    Nun sitzen Anja und Michael auf dem Podium und erhoffen sich vom Publikum die Absolution für ihre Entscheidung. Die aber kommt nicht, denn nach einer Stunde ist ihre Zeit auf der Bühne schlicht abgelaufen. Stattdessen kommen allerhand Heimlichkeiten ans Licht. Unausgesprochenes, Unbewältigtes, Verdrängtes wird plötzlich in ungewohnter Offenheit thematisiert. Eine ungewöhnliche Form der Paar(-Selbst)-Therapie, die ebenso spannend wie komisch ist, verspricht Angelika Relin.

    Das Torturmtheater Sommerhausen.
    Das Torturmtheater Sommerhausen. Foto: Claudia Schuhmann

    Das schräge Ein-Personen-Stück "NippleJesus" von Nick Hornby ("About a Boy") steht vom 1. Oktober bis 19. Dezember auf dem Spielplan. Es geht um Dave, einen Ex-Türsteher, der sich als Aufseher im Museum ein ungefährlicheres Leben erhofft. Nun soll er ausgerechnet das Kunstwerk "NippleJesus" bewachen, eine Darstellung Christi, die ob ihrer Machart (siehe Titel) einerseits Anstoß bei religiösen Eiferern, andererseits wiederum Fetischisten erregt. Dave erfindet die verrücktesten Regeln, um beide Zielgruppen im Zaum zu halten, kann aber doch nicht verhindern, dass das Bild zerstört wird. Es kommt noch verwirrender: Genau dies hatte die Künstlerin erhofft und das Geschehen von Anfang an heimlich gefilmt – inklusive Dave, der somit unfreiwillig Teil einer Performance wird und fürderhin nur noch langweilige Blumengemälde bewachen darf...

    In den letzten Wochen vor Weihnachten wird "NippleJesus" möglicherweise mit den anderen beiden Produktionen alternieren – "um nochmal ein wenig Abwechslung reinzubringen", sagt Theaterleiterin Angelika Relin. Das hänge auch davon ab, ob heuer der Weihnachtsmarkt stattfinde. "Ansonsten sind die Monate November und Dezember hier auf dem Land, anders als in der Stadt, eher keine so guten Theatermonate."

    Gespielt wird Dienstag bis Freitag, 20 Uhr, Samstag 16.30 Uhr und 19 Uhr. Info und Karten unter Tel. (09333) 268 oder kartenbestellung@torturmtheater.de

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!