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    Würzburg / Karlsruhe

    art Karlsruhe: Bemerkenswertes im Basar der Gegenwartskunst

    "Atmen": Angelika Summa in ihrem Stand auf der art Karlsruhe Foto: Mathias Wiedemann

    Für den Künstler aus der französischen Schweiz hat der Tag nicht besonders gut begonnen. Im Zug musste er die beiden Bilder verzollen, die er für seinen Galeristen dabei hatte. Über 200 Euro haben ihm die Zöllner abgeknöpft, obwohl es Bilder sind, die er selbst gemalt hat und obwohl er keineswegs sicher sein kann, dass er sie verkaufen wird. Aber so ist nun mal das Gesetz. "Das ist andererseits auch gut an den Deutschen", findet der Künstler im Shuttle von Bahnhof zur Messe, "wenn sie sagen, sie tun was, dann tun sie es auch."

    50000 Besucher erwartet die auf Moderne und Zeitgenössisches spezialisierte Kunstmesse art Karlsruhe bis Sonntag. Auf einer Fläche von 35000 Quadratmetern zeigen 208 Galerien aus 16 Ländern alles von der kleinen Zeichnung bis zur riesigen Stahlskulptur. Die großen Namen von Picasso über Mirò, Chagall, Polke, Baselitz, Immendorff, Richter bis hin zu Warhol sind ebenso vertreten (meist in Form von Druckgrafik) wie jede Menge junger und nicht mehr ganz so junger Talente, Wilde, Beschauliche, Könner, Epigonen, Außenseiter. Bewegendes, Verstörendes, Witziges ebenso wie belanglos Dekoratives. Erste, zweite, dritte und vierte Liga, in den vier Hallen, scheinbar wild durcheinander gewürfelt.

    Der Kulturspeicher präsentiert sich hier auf der großen Bühne

    Bis dahin hat der Schweizer, wie alle anderen, mehrere Kilometer auf dem makellosen anthrazitfarbenen Teppichboden zurückgelegt, der den Geräuschpegel in den teils eng zugestellten Hallen angenehm niedrig hält. Auf der art Karlsruhe herrscht gelassene Effizienz, und wer sich in den Stellwand-Labyrinthen verliert (was leicht passieren kann), kommt immer irgendwo raus, wo es auch Interessantes zu sehen gibt.

    Das Foto des Sammlerehepaars Rosemarie und Peter C. Ruppert flankiert den Eingang zur Sonderschau auf der art Karlsruhe. Es entstand erst im November. Am 11. Februar ist Peter C. Ruppert gestorben.  Foto: Mathias Wiedemann

    Gut zu finden ist die Sonderschau in Halle eins: Sie wird heuer vom Würzburger Kulturspeicher bestritten, der Highlights aus der Sammlung für Konkrete Kunst Peter C. Ruppert zeigt. Eine seltene Chance, das offenbar noch immer nicht weithin bekannte Museum auf der großen Bühne zu präsentieren. Im Vorjahr stellte hier das Museum Frieder Burda aus Baden-Baden aus, wo derzeit, dies nur am Rande, das halbzerstörte  Banksy-Bild zu sehen ist, das vor ein paar Wochen Furore machte. "Es ist eine große Ehre, in dieser Liga aufzutreten", sagt etwa Brigitte Greving, die mit einigen anderen Mitgliedern des Freundeskreises Kulturspeicher hier ehrenamtlich für Aufsicht und Auskunft zuständig ist.

    Die 380 Würzburger Quadratmeter sind eine Insel der Ruhe am Rande eines bunten, wuseligen Basars. Nicht, weil sie schlecht besucht wären, sondern weil sie nicht nach marktschreierischen, sondern nach künstlerischen Kriterien gestaltet sind. Die Bilder und Skulpturen, in deren Zentrum zwei Arbeiten von Richard Paul Lohse und Max Bill stehen, können atmen und wirken. 

    Die Kunstfreunde erreichen, die noch einen kleinen Schubs brauchen

    Kulturspeicher-Leiterin Marlene Lauter verbringt im Gegensatz dazu den ersten Messetag quasi im Dauerlauf. Vom Messetalk zur Jury-Sitzung, dazwischen jede Menge anderer Gespräche. Auch und gerade mit Besuchern. Oft muss sie erklären, wo Würzburg liegt. Und was Konkrete Kunst überhaupt ist. "Ich hoffe, dass wir die Kunstfreunde erreichen, die noch den kleinen Schubs brauchen, um uns in Würzburg zu besuchen", sagt Lauter.

    Insel der Ruhe: die Sonderschau Konkrete Kunst auf der art Karlsruhe Foto: Mathias Wiedemann

    Peter C. Ruppert, der am 11. Februar gestorben ist, war bis zuletzt in die aufwendigen Vorbereitungen eingebunden, erzählt Marlene Lauter. "Es ist unglaublich schade, dass er nicht mehr sieht, was daraus wurde." Das riesige Foto des Ehepaars Ruppert, das den Eingang flankiert, war erst im vergangenen November entstanden. An diesem Samstag bringt Lauter noch eine Neuerwerbung des Sammlers nach Karlsruhe, eine kleine Fotoarbeit. "Er hat bis zum  letzten Atemzug gesammelt. Die Bilder sind sein Leben."

    Umgeben von Mini-Einsteins: Ottmar Hörl auf der art Karlsruhe Foto: Mathias Wiedemann

    Künstlerinnen und Künstler aus Unterfranken oder solche, die hier ausgestellt sind oder wurden, sind übrigens gefühlt an jeder Ecke anzutreffen. Hiroyuki Masuyama, dessen Sphäre noch bis April im Kulturspeicher zu sehen ist, herman de vries, Jürgen Brodwolf, Herbert Mehler, Sonja Edle von Hoeßle, Klaus HackNguyen Xuan Huy, Christopher Lehmpfuhl und bestimmt noch einige weitere.Ottmar Hörl, der hier umgeben von hüfthohen, blaugrauen Kunststoff-Einsteins residiert, wird im Sommer in der Kunsthalle Schweinfurt (die sich mit dem  Kulturspeicher eine Infokoje teilt) eine große Kunstaktion veranstalten. Titel: "Jeder gegen jeden". Es wird wieder Figuren geben, welche, das verrät Hörl noch nicht. Nur so viel: "Es wird eine sehr politische Arbeit. Ich will damit zeigen, wie sehr die Welt außer Rand und Band geraten ist und wie sehr die Menschen den Sinn für Kompromisse verloren haben", sagt er. 

    Angelika Summas Drahtobjekte bezaubern die Besucher

    Der Würzburgerin Angelika Summa ist am Stand der Dettelbacher Galerie Dr. Markus Döbele eine der 196 "One Artist Shows" gewidmet. Summa gelingt mit ihren Metallkugeln, vor allem aber den berückend filigranen "Skulptonen" aus Draht, was längst nicht für alle Stände gilt: Die Menschen bleiben stehen, vertiefen sich, stellen Fragen oder geben einfach nur spontaner Begeisterung Ausdruck: "Oh, das ist total schön!" - "Ich habe heute schon sehr viel Lob bekommen", strahlt die Künstlerin.

    Eine Wand mit kleinen Arbeiten von Angelika Summa Foto: Mathias Wiedemann

    Tatsächlich bieten die Objekte unendlich viele Anknüpfungsmöglichkeiten. Sie haben ihre ganz eigene, zwingende Systematik und scheinen doch der Natur entlehnt. Sie erinnern an Zellen, vielleicht Nervensysteme, obwohl sie in keiner Weise nach der Natur gearbeitet sind. Eine Besucherin fühlt sich an Spitzenklöppelei erinnert, eine andere, Biologin, an Kugelalgen. "Die muss ich mal nachschlagen", sagt Summa. 

    Die Schweinfurter Psychiaterin und Künstlerin Linde Unrein schaut vorbei und sinniert mit Angelika Summa, was denn diesen Wiedererkennungseffekt bewirken könnte. Unrein: "Das könnte unbewusstes, evolutionäres Wissen in uns sein, das hier angesprochen wird."

    Am Ende des Tages wird der Künstler aus der Schweiz, der seinen Galeristen besucht, sich vor allem aber angesehen hat, was die Kollegen so machen, ebenso erschöpft sein wie all die anderen, die im badischen Abendrot auf das Shuttle zurück zum Bahnhof warten. "Ich habe vielleicht vier, fünf Maler gesehen, die ich interessant finde", wird er erzählen und mit den Schultern zucken. 

    Die art Karlsruhe ist noch bis Sonntag, 24. März, 11 bis 19 Uhr geöffnet. Vom Hauptbahnhof fährt ein kostenloses Shuttle direkt zum Messegelände. Die Tageskarte kostet 23 Euro (ermäßigt 19), die Zwei-Tageskarte 31 (27) Euro.

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