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    Würzburg

    Mozartfest im Live-Stream: Hinter den Kulissen im Kaisersaal

    Alles andere als ein Geisterkonzert: Die Lange Musiknacht des Festivals im Netz war für die Künstler eine Befreiung. Und für die wenigen Zaungäste höchst kurzweilig.
    Avi Avital, Mandoline, und Olga Pashchenko, Hammerflügel
    Avi Avital, Mandoline, und Olga Pashchenko, Hammerflügel Foto: Mathias Wiedemann

    Julian Prégardien gibt zu, dass er nervös ist. Wie die meisten Künstler an diesem Abend hat auch der Tenor fast drei Monate ohne Konzertpraxis hinter sich. Und jetzt der Neustart gleich mit einem Live-Stream aus dem Kaisersaal der Würzburger Residenz. Dass seine drei Kinder bis kurz vor der letzten Anspielprobe auf ihm herumklettern, bevor die Oma sie wieder mitnimmt, scheint zu helfen, jedenfalls ist später, beim Auftritt, nichts von Nervosität zu spüren.

    Ein wenig nervös sind sie wohl alle, zumindest zu Beginn dieser Langen Musiknacht unter dem Titel "Gestatten, Beethoven!" Das Mozartfest 2020 ist für sein coronabedingt verspätetes und publikumsloses Eröffnungskonzert ins Internet und ins Radio ausgewichen, der Bayerische Rundfunk mit einem stattlichen Team angerückt. Vier Kameras und ein Handvoll Mikrofone zeichnen "trimedial" auf, wie man heute sagt: fürs Netz, fürs Fernsehen, für den Hörfunk.

    Hinten letzte Konzertvorbereitungen, vorne Interview: Mozartfest-Intendantin Evelyn Meining.
    Hinten letzte Konzertvorbereitungen, vorne Interview: Mozartfest-Intendantin Evelyn Meining. Foto: Mathias Wiedemann

    Genau genommen besteht das Eröffnungskonzert aus vier jeweils einstündigen Konzerten, drei im Kaisersaal, eines in Frankreich: Der Pianist Kit Armstrong, häufiger Gast des Mozartfests und Artiste étoile im Jahr 2016, ist in der Kirche Sainte Thérèse in Hirson im Nordosten des Landes zugeschaltet. Die Kirche, ein Art-Déco-Stahlbetonbau der Zwischenkriegszeit, hat er in seinen Wohnsitz mit angeschlossenem Kulturzentrum umgewandelt.

    "Glücklicherweise waren wenigstens ein paar Leute da, so konnte ich mir immer jemand suchen, für den ich musiziert habe."
    Avi Avital, Mandoline

    Den Anfang in Würzburg machen Avi Avital, Mandoline, und Olga Pashchenko, Hammerklavier.  Interessanterweise wirkt der Kaisersaal ohne Bestuhlung eher kleiner. Fast intim. Die Werke von Bach, Mozart und Beethoven, gespielt auf den typischen Saloninstrumenten des 18. Jahrhunderts, passen perfekt hier hinein. Dass die beiden bis kurz vor der Sendung permanent von Technikern umschwärmt sind, dass ihnen während des Auftritts die Kameras auf die Pelle rücken, stört sie nicht weiter. "Man gewöhnt sich dran", sagt Avi Avital. "Glücklicherweise waren wenigstens ein paar Leute da, so konnte ich mir immer jemand suchen, für den ich musiziert habe."

    Hannelore Hoger kurz ihrem Live-Stream-Auftritt im Kaisersaal der Würzburger Residenz.
    Hannelore Hoger kurz ihrem Live-Stream-Auftritt im Kaisersaal der Würzburger Residenz. Foto: Mathias Wiedemann

    Avital ist einer der ganz wenigen Solisten seines Instruments mit großem Plattenlabel und internationaler Prominenz. Er hat in den Monaten des Moratoriums jede Menge Live-Streams gespielt, von der iPhone-Übertragung aus dem Wohnzimmer bis zum regulären Konzertsaal. "Dieser hier ist sicher der prachtvollste", sagt Avital und lässt den Blick über Spiegel, Stuck und Marmor schweifen. Die Zwangspause sei für ihn wie ein Geschenk gekommen. Als Pause, von der er erst merkte, wie sehr er sich brauchte, als sie da war. "Ich konnte ganz anders üben, viel langsamer, tiefer. Ohne Deadline. Ich hoffe, dass ich das in die Zeit nach Corona retten kann."

    'Sänger amerikanisch': ein Kameraplan.
    "Sänger amerikanisch": ein Kameraplan. Foto: Mathias Wiedemann

    Nur wenige Unbeteiligte dürfen während der Aufzeichnung im Saal bleiben. Der Techniker, der in den letzten Sekunden noch hinein und wieder hinaus hastet, um einen Spot ein paar Zentimeter nach links zu rücken, ist zwar gnädigerweise nicht im Bild (das gerade eine Statue im Treppenhaus zeigt), das Quietschen seiner Sohlen allerdings durchaus hörbar.

    Wer einen Stuhl an der Wand ergattert hat und im Kaisersaal bleiben darf, kann sich kaum vorstellen, dass die Kameras, die ständig voreinander herumfahren, sich nicht permanent gegenseitig zeigen. Sie tun es natürlich nicht, jede Einstellung, jeden Schnitt haben Regisseur und Bildmischerin anhand der Partituren vorher genau festgelegt, die Kameraleute haben Pläne und werden außerdem per Kopfhörer gelenkt. "Improvisiert wird da nicht mehr viel", sagt Aufnahmeleiter Wilfried Tischer. Tischer ist der Mann, der weiß, wer, wo, wann, was zu tun hat. Seinen ruhigen Anweisungen wird unverzüglich Folge geleistet.

    Die Stunde, in der Kit Armstrong aus Frankreich sendet, ist als Umbaupause willkommen, Martin Helmchen (Klavier), Marie-Elisabeth Hecker (Cello) und Julian Prégardien nutzen sie zum Soundcheck. Prégardien singt Lieder von Beethoven und Schubert, Hecker spielt Beethovens Variationen zu "Bei Männern, welche Liebe fühlen", Helmchen liefert zu beiden den Klavierpart. Grob verkürzt könnte man sagen, der Pianist steht für Eleganz, die Cellistin für Energie, der Tenor für Empfindung. Tatsächlich haben alle alles – zum Schluss, als Trio in Schuberts "Auf dem Strom", zeigen sie es, und es klingt wie eine Hymne in leidenschaftlichem Moll auf das Ende des Stillstands: "Doch des Stromes Wellen eilen weiter ohne Rast und Ruh, führen mich dem Weltmeer zu!"

    BR-Redaktionsleiterin Ursula Adamski-Störmer interviewt Martin Helmchen und Julian Prégardien.
    BR-Redaktionsleiterin Ursula Adamski-Störmer interviewt Martin Helmchen und Julian Prégardien. Foto: Mathias Wiedemann

    Während Ursula Adamski-Störmer, Redaktionsleiterin von BR Klassik, im Weißen Saal noch Helmchen und Prégardien interviewt, hat Hannelore Hoger fast unbemerkt den Kaisersaal betreten und an einem Tischchen Platz genommen, das neben dem majestätischen Flügel winzig wirkt. Sofort ist sie umgeben von Technikern.

    Die Schauspielerin ("Bella Block") liest Texte von Bettina von Arnim (1785-1859), Bekannte von Beethoven und Goethe, vor allem aber selbst bedeutende Intellektuelle und Schriftstellerin. Von Arnim beschreibt ihre Begegnungen mit Beethoven voll Zuneigung und hintergründigem Witz. Und lässt doch keinerlei Zweifel an dessen epochaler Bedeutung: "Beethoven – er ist der große Zauberer, der den Schlüssel zur himmlischen Erkenntnis in Händen hält."

    "Sie war ein schlaues Kerlchen und hat hinterher einiges ausgeschmückt. Warum nicht, das ist künstlerische Freiheit."
    Hannelore Hoger über Bettina von Arnim

    "Sie war ein schlaues Kerlchen", sagt Hannelore Hoger, "und hat hinterher einiges ausgeschmückt. Warum nicht, das ist künstlerische Freiheit." Auch ihr ist die Erleichterung über ein Ende des Stillstands anzumerken. "Da war ja gar nichts. Das war furchtbar." Sie selbst habe ihre Rente ("Ich bin ja eine alte Tante"), aber die jungen Künstlerinnen und Künstler treffe das Moratorium hart. Schnell wandert das Gespräch zur Lage der Welt, zur Ermordung von George Floyd, zu Donald Trump, zur Vernichtung der Regenwälder. Hannelore Hoger nimmt Anteil, stellt Fragen, kommentiert. Und wirkt dabei vor allem ratlos: "Wie können Menschen so etwas tun?"

    Martin Helmchen und Marie-Elisabeth Hecker
    Martin Helmchen und Marie-Elisabeth Hecker Foto: Screenshot BR

    Zu ihrem Auftritt hat der Pianist Sebastian Knauer Sätze aus Beethoven-Sonaten gespielt. Zuletzt, kuz vor Mitternacht, ein selten rasantes Presto agitato aus der "Mondscheinsonate". Würdiger Abschluss einer kurzweiligen Langen Nacht, die alles andere als eine Geisterveranstaltung war. 

    Das Eröffnungskonzert des Mozartfests 2020 ist unter www.br-klassik.de zu finden. Es wird ein Jahr lang in der Mediathek des BR verfügbar sein.

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