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    Weikersheim

    "Wir machen, was geht!" Der große Trumpf der Tauberphilharmonie

    Das Konzerthaus an der Tauber hat das Programm der kommenden Saison vorgestellt – mit einigen großen Namen. Es hat dabei einen Riesenvorteil, den andere nicht haben.
    Intendant Johannes Mnich im Konzertsaal der Tauberphilharmonie. Die Bestuhlung orientiert sich noch an der Corona-Höchstzahl von 100 Plätzen, ab Herbst werden es 234 sein.
    Intendant Johannes Mnich im Konzertsaal der Tauberphilharmonie. Die Bestuhlung orientiert sich noch an der Corona-Höchstzahl von 100 Plätzen, ab Herbst werden es 234 sein. Foto: Mathias Wiedemann

    "Manche Häuser haben vor, ihre Türen erst wieder aufzumachen, wenn alles so ist wie vorher. Das wird nicht funktionieren, dann wird niemand mehr vor diesen Türen stehen." Johannes Mnich, Intendant der Tauberphilharmonie in Weikersheim (Main-Tauber-Kreis), hat kein Verständnis für Veranstalter, die während der Corona-Pandemie nur den Kopf einziehen und gar nichts machen.

    "Wir sind einer der wenigen Veranstalter, die tatsächlich ein Live-Programm auf die Beine stellen", sagt Mnich. "Wir machen, was geht, und wir halten mit Enthusiasmus und Engagement alle Vorgaben ein. Aber wir sind keine Versuchskaninchen. Bei Konzerten mit Chor oder Bläsern bin ich auch noch zurückhaltend." Die Sicherheit stehe an erster Stelle, ergänzt Elisa Heiligers, zuständig für Marketing und Kommunikation, "aber man darf sich nicht von der Angst beherrschen lassen".

    "Wenn wir als Kulturschaffende in dieser Krise nicht erklären, warum wir wichtig sind, wann dann?"
    Intendant Johannes Mnich

    Man müsse sich klarmachen, was monatelange Isolation mit den Menschen mache. Das Bedürfnis nach Kultur und sozialem Kontakt sei inzwischen riesig, eine Zurückhaltung des Publikums beim Kartenkauf nicht festzustellen, im Gegenteil. "Es war ja auch die Kultur, die uns durch die Kontaktbeschränkung gebracht hat. Wir alle haben mehr gelesen, ferngesehen, Musik gehört", sagt Mnich. "Wenn wir als Kulturschaffende in dieser Krise nicht erklären, warum wir wichtig sind, wann dann?"

    Die Tauberphilharmonie Weikersheim
    Die Tauberphilharmonie Weikersheim Foto: Thomas Obermeier

    Es hätte eine fulminante erste Saison werden sollen für das im September 2019 neu eröffnete Konzert- und Veranstaltungshaus in den Tauberauen. Und dann kam Corona. Ab 12. März war Schluss – fast vier Monate lang. Seit einigen Wochen sind auch in Baden-Württemberg wieder Konzerte möglich, zunächst mit 100 Plätzen, inzwischen mit 250, vorausgesetzt, der Abstand von 1,5 Metern wird eingehalten. Im Konzertsaal der Tauberphilharmonie mit sonst 600 Plätzen finden unter diesen Umständen 234 Menschen Platz. Zum Vergleich: In Bayern sind im Saal 200 Plätze erlaubt, egal, wie groß dieser Saal ist.

    Sobald wieder etwas ging, hat die Tauberphilharmonie ein Sommerprogramm auf die Beine gestellt – eher kleine Veranstaltungen mit Künstlern aus der Region. Nun liegt das Programm für die kommende Saison ab 10. Oktober mit 36 Terminen vor. Das Motto: "Außergewöhnlich unerwartet". Gemäß dem Anspruch, die Philharmonie möge "ein Haus für alle" sein, ist das Spektrum in Kategorien wie Klassik, Pop, A Cappella und Kabarett groß.

    Götz Alsmann im vergangenen September in der Tauberphilharmonie in Weikersheim.
    Götz Alsmann im vergangenen September in der Tauberphilharmonie in Weikersheim. Foto: Uwe Weil

    Auf eigenen Wunsch, weil er von Haus und Publikum so begeistert war, kommt der Entertainer Götz Alsmann wieder (26. Juni). Zwischen Klassik und Pop bewegt sich das Vision String Quartet (5. November). Es gastieren das Made in Berlin Quartet um Jungstar Ray Chen (27. Januar) oder die Bamberger Symphoniker. Letztere spielen am Faschingsdienstag (16. Februar) kostümiert den "Karneval der Tiere" und fordern auch das – mutmaßlich mehrheitlich junge – Publikum auf, verkleidet zu kommen.

    "Wir haben 234 Plätze und pusten Luft für 700 Leute in den Saal."
    Intendant Johannes Mnich

    Johanns Mnich, selbst Pianist, hat zwei große Namen seines Fachs im Programm: Igor Levit, der mit Hauskonzerten in Netz und nicht zuletzt politischen Statements Furore gemacht hat (17. Juli). Und Marc-André Hamelin (6. Februar), dessen technische Versiertheit einst den Studenten Levit in dreitägige Verzweiflung gestürzt hat, wie Mnich erzählt. Mit der Jazzrausch Bigband gibt es einen Tanz in den Mai – "so es denn geht" (Mnich) –, mit Naturally 7 ein prominentes A-Cappella-Septett aus New York.

    Einen riesigen Vorteil in Sachen Aerosole hat die Tauberphilharmonie: die hochmoderne Lüftungsanlage. Frischluft kommt aus dem Boden und wird sofort nach oben abgesaugt. "Wir haben 234 Plätze und pusten Luft für 700 Leute in den Saal", sagt Mnich. Bei den ersten Konzerten wurde noch passend zu den Online-Bestellungen bestuhlt, in denen die Besucher angaben, wie sie sitzen wollten oder durften, also in Paaren, Gruppen oder einzeln. Ein riesiger logistischer Aufwand. Für die 234 Plätze ab Oktober wird es wieder Reihenbestuhlung geben, freizulassende Plätze sind dann am schwarzen Display zu erkennen. Eines allerdings bleibt erstmal gleich: Nach jedem Konzert müssen alle Flächen desinfiziert werden.

    Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, in Bayern seien Kulturveranstaltungen im Saal nur mit 100 Plätzen erlaubt. Das ist überholt, seit 15. Juli sind 200 erlaubt.

    Die Tauberphilharmonie Weikersheim

    Das Haus: Entworfen hat den 14,1-Millionen-Bau in der Weikersheimer Tauberaue das Büro HENN Architekten aus München. Der Baukörper mit fünfeckigem Grundriss besteht aus zwei ineinander geschobenen Kuben und eröffnet Sichtachsen auf die Weikersheimer Altstadt jenseits der Tauber. Es gibt zwei Säle mit maximal 612 beziehungsweise 200 Plätzen, der kleine ist mehrfach unterteilbar. Die extrem leise Lüftungs- und Heizungsanlage wird mit Erdwärme betrieben. Der Große Saal ist mehrschichtig umhüllt: Außenhülle Stahlbeton, dann eine Haut aus Blech, eine Schicht Fasergipsbeton, auf die 246 Eichenholzplatten verleimt sind. Die Finanzierung: Von den 14,1 Millionen Euro Gesamtkosten hat der Bund vier übernommen, 4,1 die Stadt, der Rest kommt von Land, Landkreis und Sponsoren.
    Der Betreiber: Die Tauberphilharmonie ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts, zu 100 Prozent in Händen der Stadt Weikersheim. Geplant wird mit einem jährlichen Zuschuss von 300 000 Euro inklusive Betriebs- und Personalkosten für vier Mitarbeiter.
    Der Intendant: Johannes Mnich, 34, geboren in Würzburg, aufgewachsen bei Bremen, hat Klavier in Hannover und London studiert, dann beim BASF-Kulturmanagement in Ludwigshafen gearbeitet. Er war zuletzt Projektleiter für das Internationale Musikfestival „Heidelberger Frühling“.
    Das Programm: Alle Informationen unter www.tauberphilharmonie.de/programm-tickets
    maw

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