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    SAMSTAGSBRIEF

    Armut ist das Problem, nicht der Aufnahmestopp

    Dieser Brief geht an den Vorsitzenden der Essener Tafel Foto: Roland Weihrauch (dpa)

    Sehr geehrter Herr Sartor, was sind Sie? Ein Helfer am Rande der Erschöpfung? Ein Ausländerfeind, ein Rassist vielleicht sogar? Jemand, der eigentlich helfen will, aber mit den Bedingungen nicht klarkommt? Einer, der Arme gegen Arme ausspielen will? Einer, der nicht sehr geschickt und nicht sehr überlegt um Hilfe ruft? Ein Spielball, der zwischen die politischen Fronten geraten ist? Schwer zu sagen.

    Eines sind Sie jetzt auf jeden Fall: berühmt. Seit der Ankündigung, die Essener Tafel, deren Vorsitzender Sie sind, nehme vorerst keine Migranten – genauer: Menschen ohne deutschen Pass – mehr neu in ihre Kartei auf, sind Sie das Thema. Und damit ein Symbol für Phänomene, die dieser Tage immer stärker unser Leben bestimmen: Empörungs-Polarisierung. Entrüstungs-Pauschalisierung.

    Fast immer im Zusammenhang mit entweder Ausländern oder schlicht Menschen, die irgendwie anders sind. Fast immer ohne genaue Kenntnis eines Vorfalls, einer Sachlage. Fast immer gibt es dabei nur Schwarz oder Weiß und nichts dazwischen.

    Aus der Nachricht mit dem Aufnahmestopp für Migranten liest jeder genau das heraus, was sein Weltbild bestätigt. Die einen sehen sich in ihrer Überzeugung bestärkt, dass die Ausländer an allem schuld sind. Die anderen fragen sich entsetzt, wie man denn Bedürftige wegschicken kann, nur weil sie keinen deutschen Pass haben.

    So richtig um die Fakten geht's nie, wenn mal wieder Empörung angesagt ist. Auch wir haben einen Text veröffentlicht, in dem verkürzt und vereinfachend stand, die Essener Tafel versorge keine Migranten mehr mit Lebensmitteln. Stimmt nicht. Ein Großteil der Bedürftigen, die die Tafel frequentieren, sind Migranten. Und die bekommen weiter Hilfe von Ihnen und Ihrem Team.

    In der öffentlichen Diskussion wird es dennoch sicher noch einige Zeit um die Frage gehen, ob ein deutscher Pass die Voraussetzung für Unterstützung sein darf. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das nicht sein kann.

    Nicht sein kann aber auch, dass sich ehrenamtliche Organisationen wie die Tafel überhaupt in eine solchen Situation bringen lassen müssen. Oder deutlicher formuliert: Ist es die Aufgabe von Ehrenamtlichen, sozialpolitische Versäumnisse auszubügeln? Müssen in diesem Land private Initiativen und Einrichtungen die Fürsorge für die Menschen übernehmen? Und ganz nebenbei auch noch damit fertig werden, wenn die Rücksichtslosigkeit und Aggressivität und sicher auch eine Menge Frust offensichtlich zu vieler Menschen ohne deutschen Pass sich in Spannungen und Übergriffen entladen?

    Da fragt man sich, ob wir mittlerweile so weit sind, dass soziale Gerechtigkeit keine politische Aufgabe mehr ist, sondern eine private. Haben Politiker, wenn sie von Umverteilung reden, eigentlich nur Lebensmittel im Sinn? Man könnte auch sagen, die Politik stiehlt sich aus der Verantwortung.

    Wie kann es überhaupt sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt Menschen auf private Einrichtungen angewiesen sind, damit sie genug zu essen haben? Wie kann es sein, dass die Versorgung von Flüchtlingen wie in Ihrem Bereich in Essen offenbar nicht ausreichend staatlich geregelt und vorgehalten wird?

    In der ganzen Empörung und Entrüstung fehlt auch ein Aspekt: Was passiert eigentlich mit den Menschen, die jetzt nicht in die Kartei aufgenommen werden: Darüber scheint sich niemand Gedanken zu machen. Auch sie nicht.

    Um Fakten geht es sehr selten bei diesen emotionalen Diskussionen. Und leider auch nicht um Lösungen. Mich würde mal interessieren, wie denn die finanzielle Unterstützung für Ihre Tafel aussieht. Viele private Spenden, wenig von Stadt und Staat, stimmt's? Dafür viel Lob und das hohe Lied auf das ehrenamtliche Engagement, da bin ich mir sicher. Das kennen viele Einrichtungen, die Frauenhäuser, zum Beispiel. Auch chronisch unterfinanziert, bitter angewiesen auf Spenden. Und auch immer hochgelobt in allerhand Sonntagsreden.

    Lieber Herr Sartor, ich habe entschieden ein Problem damit, wenn die Nationalität stimmen muss, damit jemand Hilfe bekommt. Und ich finde Ihr Gepolter stellenweise mehr als unangebracht. Aber ich hoffe, dass das ganze Drama um die Essener Tafel zu einer echten Grundsatzdiskussion und vielleicht sogar zu ernsthaften Lösungsansätzen führt, statt nur zu weiteren Pauschalurteilen. Wer Menschen in Armut im Stich lässt, unterstellt damit, dass Armut immer selbst verschuldet ist. Und vergisst dabei, dass es auch Phänomene wie Alters- und Kinderarmut gibt. Dass solche Begriffe überhaupt entstanden sind, dass wir sie täglich lesen und hören, als mehr oder weniger selbstverständliche Schattenseiten unserer vermeintlichen Wohlstandsgesellschaft, das ist mehr als traurig.

    Mit freundlichen Grüßen

    Susanne Wiedemann

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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