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    SOMMERHAUSEN

    Diese Wochen machen Ihrem Namen alle Ehre, Herr Sommer!

    Dieser Briefgeht an: aus Sommerhausen Foto: Getty images

    Sehr geehrter Herr Sommer,

    bitte wundern Sie sich nicht. Es ist Zeit, Ihnen zu schreiben, mit heißer Feder. Wann, wenn nicht jetzt? Sommer! Er soll Post bekommen. Und stellvertretend eben Sie, lieber Herr Sommer aus Sommerhausen. Sie verstehen? Vielleicht kennen Sie unseren Samstagsbrief nicht, deshalb erlauben Sie kurz die Erklärung. Jede Woche schreiben wir aus aktuellem Anlass einem mehr oder weniger bekannten Menschen einen Brief. Das kann jemand sein, der gerade Schlagzeilen macht, der warum auch immer im öffentlichen Interesse steht. Oder jemand, der zu einem aktuellen Thema Stellung beziehen kann. Manchmal auch jemand, dem wir einfach mal die Meinung sagen wollen.

    Diese Woche sind der Adressat Sie. Gibt es in Sommerhausen eigentlich auch einen Sommerweg? Oder vielleicht eine Sonnenstraße? Gar eine Sonnenallee? Mit Namen soll man kein Schindluder treiben, damit lieber keine Witze machen. Aber man kann sie mit Humor nehmen. Wer am Telefon regelmäßig seinen Nachnamen buchstabiert oder richtigstellt – „nein, nicht Nato, nicht Nathan, einfach so wie das Tier“ – kann da ein bisschen mitreden. Also, lieber Herr Sommer. In dieser Woche geht der Samstagsbrief an Sie!

    Weil es ein Wahnsinnssommer ist. Bitte, lassen wir einen Moment die Hitze der vergangenen Tage, die brennenden Felder, die Dürreschäden, die medizinischen Notfälle und Kreislaufkollapse und all die nicht so angenehmen Folgen außen vor. Sondern schreiben erst einmal, etwas weniger drastisch formuliert: Was für ein wahnsinnig schöner Sommer! Ein „richtiger“ Sommer halt. Bei dem man draußen ist, so viel es geht. Bei dem man jeden Abend grillen kann. Oder es auch mal lassen, weil man Gewissheit hat, dass es schön bleibt und dass man auch noch morgen und übermorgen draußen grillt. Die Sommerfestivalmacher der Republik müssen keine Kälteeinbrüche und Regenperioden fürchten. Die Schwimmbadbetreiber können sich entspannt zurücklehnen. Die Biergartenwirte dürfen getrost bei ihren Lieferanten Nachschub bestellen. Sonne satt!

    Es ist ein schöner Sommer, lieber Herr Sommer. Vielleicht der tollste der vergangenen Jahre. (Sind Sie Fußballfan? Dann kleine Anmerkung: Auch wenn die deutsche Nationalmannschaft kein Sommermärchen draus gemacht hat.)

    Drei Tage ganz passabel, zwei Tage Regen – so sieht der mitteleuropäische Durchschnittssommer mit seinem feuchten Atlantikeinfluss und dem Wechselwetter sonst aus. Doch in diesem Mai, Juni, Juli: Hochs haben sich über Nordeuropa festgesetzt und bringen relativ trockene, bis vergangene Woche nicht sonderlich heiße Luft zu uns. Dass diese „Blockade-Wetterlage“, die wir eigentlich von den wunderbaren Altweibersommern kennen, praktisch schon seit April andauert? Das finden jetzt auch Meteorologen ungewöhnlich.

    Ob so ein Sommer zur Regel wird? Ob das der Klimawandel ist? Die Meteorologen sagen: Das ist erst einmal das Wetter. In dieser Woche ist – puhh! – die Wärmephase in eine Hitzewelle übergegangen. Bei der heftigen Hitze im „Jahrhundertsommer“ 2003 waren die Folgen extrem: massive Ernteausfälle, niedrige Flusspegel, viele Menschen sind als Folge der Temperaturen gestorben. So dramatisch wird es in diesem Sommer hoffentlich nicht mehr werden. Anders als vor 15 Jahren waren der Spätwinter und der Frühling nicht ganz so trocken, die Wasserspeicher sind noch recht gut gefüllt – und damals wurde es erst im Juni richtig warm und heiß, nicht schon im April. Es blieb einfach kaum Zeit, sich an die schweißtreibenden Bedingungen zu gewöhnen.

    Lieber Herr Sommer, diese Wochen und Monate machen Ihrem Namen alle Ehre. Es muss schön sein, Sommer zu heißen. Sommer wie Winter. Sommer, die gibt es übrigens in Deutschland überall. Germanisten der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz haben in einem gewaltigen, jahrelangen Projekt mal die Telefonbücher von 2005 auswerten und die 200 000 häufigsten Familiennamen untersucht, die in Deutschland ab dem 13. Jahrhundert aufgekommen sind. Ergebnis: 19 207 Telefonbucheinträge für Sommer, das entspricht rund 53 780 Namenträgern, gleichmäßig über die Republik verteilt. Erklärungen haben die Forscher für den häufigen Nachnamen mehrere. Damit könne jemand gemeint sein, der im Sommer eine Arbeitsverpflichtung oder eine Zinsabgabe zu leisten hatte. Oder ein Vorfahr, der an einer sonnenverwöhnten Sommerseite wohnte. Wie Sie vielleicht in Sommerhausen? Vielleicht ist der Name aber auch eine Ableitung des mitteldeutschen Wortes „soumaere“, das war der „Führer von Saumtieren“. Oder Urahn Sommer war ein ausgesprochen großer, schlanker Mann. „Somer“ bedeutete nämlich auch „langer, gerader Pfahl“.

    Weit seltener ist der Name „Urlaub“, auch wenn es ihn hier am Main um Würzburg so häufig gibt. Rund 700 Namenträger waren es 2005, genauer: 234 Telefonanschlüsse. Aber „urloup“ bedeutete einst ja auch nicht „Ferien“, so wie heute. Sondern „Erlaubnis“ – besonders für das Gehen und Abschied nehmen.

    Also dann. Einen schönen Sommer, weiterhin.

    Sonnige Grüße

    Alice Natter, Redakteurin

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

    Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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