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    SAMSTAGSBRIEF

    Droht dem deutschen Fußball Zweitklassigkeit, Herr Seifert?

    Dieser Brief geht an: Geschäftsführer der deutschen Fußball-Liga. Foto: dpa

    Die Nationalmanschaft: zuletzt nur behäbiger Kraut- und Rübenfußball. In der Rangliste des Fußball-Weltverbands abgestürzt von Platz eins auf Rang 15. Erstmals seit 2005 nicht mehr unter den Top Ten – das ist mehr als ein Einschnitt. Die Bundesliga: immer noch attraktiv, keine Frage. Aber auch nicht mehr das, was sie einmal war. Schon deshalb, weil die englischen Premier-League-Klubs sich alles leisten können – und der Bundesliga die Stars wegkaufen. Irgendwo dazwischen Sie, lieber Christian Seifert. Seit 2005 sind Sie als Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) – und als Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) – letztlich auch für die strategische Ausrichtung des deutschen Fußballs mit verantwortlich.

    Frage der Qualität

    Jetzt könnte richtig viel Arbeit auf Sie zukommen. Es sieht nach unruhigen Zeiten aus. Die entscheidende Frage ist: Wie lässt sich die Qualität in der Bundesliga erhalten? Droht gar der Absturz? Die Premier League ist längst zum Onkel Dagobert geworden – man badet genüsslich im Geld. Durch TV-Milliardenverträge wurde England zur reichsten Fußballliga der Welt. Während man sich dort alles und jeden leisten kann und ein Monster-Transfer den nächsten jagt, stagniert der Transfermarkt in Deutschland. Und auch wenn bis zum Transferschluss am 31. August noch einiges passieren kann, dürfte Ihnen die Entwicklung nicht gefallen, lieber Christian Seifert. Jedenfalls kann man eines ganz sicher festhalten: Es gab schon mal bessere Vorzeichen zum Start in die neue Fußball-Bundesliga-Saison.

    Es könnte ein entscheidendes Fußballjahr werden, an dessen Ende womöglich nur noch die Zweitklassigkeit steht – für die Platz-15-Nationalmannschaft ebenso wie für die Bundesliga. Überall lauern unbequeme Fragen: Warum haut der Videobeweis bei der WM seltsamerweise ganz gut hin, während in Deutschland das Thema dagegen zuletzt einem Drama glich? Oder nehmen wir die Leistungszentren für den Nachwuchs: Ist die DFL hier noch zeitgemäß? Steht zu viel Gleichförmigkeit an oberster Stelle? Was am Ende just dazu führt, dass den vielen Indianern der Häuptling fehlt? Anführern muss man Luft lassen. Raum, in dem sich neben dem Genie auch die dazugehörige Portion Wahnsinn halten kann. Gibt es diesen Raum noch, Herr Seifert?

    Herumgeeiere als Prinzip

    Oder ist es nicht vielmehr so, dass alles weiterhin dem Jogi-Löw-Gleichklang geopfert wird? Sind wir nur noch Weltmeister bei der Entwicklung von Leitbildern, die uns erdrücken und so einengen, dass eine bleierne Schwere über allem liegt? Können wir nur noch verdruckst? Herumgeeiere als Prinzip? Fußballspiele gewinnt man nicht, indem man elegant die Füße ins Wasser hält – man muss ins Meer hinaus zu den Wellen! Es gibt einige Zweifel, ob diese Lehre bei der DFL angekommen ist.

    Die vielleicht entscheidendste Frage aber ist: Soll sich die Bundesliga ausländischen Investoren öffnen? Sollen russische Oligarchen oder die Chinesen ganze Vereine kaufen dürfen? Ein Scheich macht den 1. FC Nürnberg zum Deutschen Meister – ist das der Weg? Es wäre so etwas wie eine Kulturrevolution. Es würde alles verändern – aber vielleicht geht es ohne diese Veränderung bald schon nicht mehr?

    Wie sehen hier die Konzepte aus? Welche Ziele gibt es? Sie haben zuletzt vom DFB mehr Professionalität gefordert – was schon mal nach dem Schritt in die richtige Richtung klingt. Es muss etwas passieren – allein schon, weil sich erneut eine Saison andeutet, deren Ergebnis jetzt schon feststeht: Die Bayern sind allen entrückt. Gepflegte Langeweile an der Spitze, die Meisterschaft wird zum siebten Mal mit zweistelligem Punktevorsprung vergeben. Derweil der Liga-Krösus international zwar Gruppenphasen überstehen kann, dann aber erneut gegen andere Große recht schnell Schwächen offenbart und die Segel streichen muss.

    Vertrieben aus dem Paradies

    Es sieht so aus, als gibt es auch für die Bundesliga gerade keine Wolke sieben mehr. Wer aber schon mal ins Paradies geschaut hat, wird sich mit Platz 15 ebenso schwer tun wie mit einer Liga, in der die Masse die Klasse wegzuspülen droht.

    Wie gesagt: Es gab schon mal schönere Gedanken zum Saisonstart. Dennoch ist die Bundesliga eine der besten Ligen der Welt. Kaum Grund, sich zu verstecken. Wir haben junge Spieler wie den Schalker Cedric Teuchert, und wir haben junge Trainer wie Hoffenheims Julian Nagelsmann, Bayerns Niko Kovaè und Bremens Florian Kohfeldt. Und, klar, Geld ist nicht alles. Trotzdem muss ein neuer Masterplan her, um zu bestimmen, wohin die Reise gehen soll.

    Vielleicht gibt es diesen Masterplan bereits, Herr Seifert? Damit Fußball bald wieder der Sport ist, bei dem 22 Männer dem Ball hinterherjagen und am Ende Deutschland möglichst klar gewinnt.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Frank Weichhan, Redakteur

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