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    GOßMANNSDORF

    Erklären Sie uns Ihre Milchmädchenrechnung, Herr Trechman!

    Richard Trechman, „Country Manager bei Danone” Foto: Danone

    Sehr geehrter Herr Trechman, um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht, ob Sie der richtige Adressat sind. Danone ist ein international agierender Konzern, da gibt es viele Chefs und Entscheidungsträger. Und die Besetzungen wechseln ja auch regelmäßig. Aber da Sie seit März bei Danone „Country Manager in der Milchfrischesparte“ für Deutschland, Österreich und die Schweiz sind, werden Sie das Örtchen Goßmannsdorf und das dortige Danone-Werk sicher kennen. Und auch, was in dieser Woche bekannt wurde.

    Seit 62 Jahren liefern die 68 Milchbauern der Milcherzeugergenossenschaft (MEG) Ochsenfurt – na was wohl – Milch an die Danone-Molkerei im Landkreis Würzburg. Rund 18,5 Millionen Liter jährlich. Nun teilte Danone den Landwirten mit, dass der Milchkaufvertrag mit der Genossenschaft zum 31. Januar 2019 gekündigt wird.

    Als ich den Bericht las, war ich von einer Information zunächst positiv überrascht. Als Verbraucher ist man ja ziemlich desillusioniert von den Riesen der Lebensmittelindustrie. Ihr Chef, Emmanuel Faber, CEO bei Danone, fürchtet sogar schon um die Kundschaft: „Wir verlieren die Konsumenten“, sagte er vergangenes Jahr in Berlin. Jedenfalls bin ich kein großer Dany-plus-Sahne-Esser (der Pudding wird übrigens in Ihrer unterfränkischen Molkerei produziert) und habe mich daher nie damit beschäftigt, was da drin ist. Tatsächlich bin ich nicht davon ausgegangen, dass im Goßmannsdorfer Danone-Werk tatsächlich Goßmannsdorfer Milch – oder zumindest Milch aus dem Fränkischen, zum Beispiel auch aus dem Raum Schweinfurt – verarbeitet wird. Hätte mir jemand gesagt, Danone würde die Milch in Tanklastzügen aus Weit-weit-weg ankarren lassen: Meine Zweifel hätten sich in Grenzen gehalten.

    Warum verschmäht Danone die Kühe vor der Haustür?

    Nein, stattdessen beziehen Sie für die Goßmannsdorfer Dany-plus-Sahne-Produktion (noch) Milch aus unserer Region. Und von der Milchzentrale Nordbaden (MZN). Die MZN beliefert Sie mit jährlich 60 Millionen Litern und soll künftig weiter mit Danone Geschäfte machen dürfen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wünsche den nordbadischen Milchbauern nichts Schlechtes. Aber für den Verbraucher stellt sich schon die Frage, warum Danone in Goßmannsdorf die Kühe vor der Haustüre verschmäht und stattdessen Milch von der MZN mit Sitz im drei Stunden entfernten Weinheim quasi importiert. Milchtanklastzüge brauchen vermutlich noch länger. Die offizielle Begründung für den Schritt von Danone lautet ja unter anderem, dass die Liefermenge der Ochsenfurter Milchbauern in etwa den Überkapazitäten im Goßmannsdorfer Werk entspreche.

    Vielleicht liegt dem Ganzen aber auch eine ganz andere Milchmädchenrechnung zugrunde. Schon 2016 hat Danone ein neues Bezahlmodell mit der MZN ausgehandelt. Kommt nordbadische Milch für Sie einfach günstiger? Statt nach festgelegten Sätzen richten sich die Erlöse der Nordbadener nach verschiedenen Parametern, darunter der allgemeinen Milchpreisentwicklung. Der Milchpreis ist ja schon länger ein Reizthema. Sie erinnern sich bestimmt an die vielen Demonstrationen in Bayern und anderswo. Danone zahlte den Ochsenfurter Milchbauern 34 Cent pro Kilogramm. Das gilt als relativ hoch, aber als Wohltäter muss sich Danone dennoch nicht fühlen. Kostendeckend wären 40 Cent oder mehr, meinen die Landwirte. Aber die hätten sicher lieber 34 Cent als nichts.

    Milchbauern müssen nun gewaltig strampeln

    Natürlich beteuerte eine Unternehmenssprecherin, die Entscheidung sei Danone „nicht leicht gefallen“. Und natürlich wolle man den Landwirten bei der Suche nach einem neuen Abnehmer helfen und falls das misslingt sogar die Übergangsfrist verlängern. Aber letztendlich kann man es drehen und wenden wie man will – also völlig egal, ob man es links- oder rechtsdrehend betrachtet, um in der Danone-Sprache zu bleiben: Die Milchbauern in unserer Region dürften sich wie die zwei Mäuse fühlen, die in einen Topf voll Sahne fielen. Die eine ertrank darin – unter der Sahne war leider kein Pudding. Die andere musste fürs Überleben – und damit aus der Sahne Butter wurde – ganz schön strampeln.

    Dabei hat Ihr Chef längst erkannt, dass große Unternehmen auch große Verantwortung haben. Dass sich finanzielle Fruchtzwerge nicht entspannt in ihrem Obstgarten zurücklehnen können. „Die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung auf der Welt ist eine gewaltige Zeitbombe. Das ultimative Ziel der Marktwirtschaft kann nichts anderes sein als die soziale Gerechtigkeit“, sagte Emmanuel Faber im vergangenen Jahr in Berlin. Ihr Chef dachte da natürlich nicht in provinziellen Kategorien, also nicht an Goßmannsdorf. Faber sprach über die weltweiten Aktivitäten von Danone. In Afrika oder Südostasien zum Beispiel.

    Es dürfte spannend sein zu beobachten, wie verantwortungsvoll Ihr Unternehmen in Zukunft agiert – weltweit und in der fränkischen Provinz. Vielleicht kommen Sie ja auch einmal persönlich vorbei und erklären den Milchbauern Ihre Milchmädchenrechnung?

    Mit freundlichen Grüßen

    Benjamin Stahl, Redakteur

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