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    Herr Bierhoff, retten Sie ein Stück Nostalgie, retten Sie Kettcar!

    Dieser Brief geht an: Olaf Bierhoff, Geschäftsführer von Kettler. Foto: Kettler

    Sehr geehrter Herr Bierhoff, Kettler darf nicht sterben. Bitte tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, damit Ihr Traditionsunternehmen trotz der anhaltenden Krise eine strahlende Zukunft hat. Das wünsche ich mir natürlich in erster Linie für die gut 700 Mitarbeiter Ihres Hauses. Ich wünsche es mir aber auch im Namen von wahrscheinlich Tausenden von Männern im meinem Alter. Ich erkläre Ihnen gleich, was ich damit meine.

    Zunächst werden Sie sich fragen, was mich das Schicksal einer Firma kümmert, die vier Autostunden von Mainfranken entfernt irgendwo im Sauerland liegt. Nun, wenn Kettler in Folge der wirtschaftlichen Talfahrt ins Grab muss, dann wird dort auch ein dickes Bündel meiner Kindheitserinnerungen liegen. Denn Kettler ist natürlich in erster Linie Kettcar.

    Oh, Herr Bierhoff, wie habe ich Ihr Produkt geliebt. Mit diesem Tretauto war ich schon als Achtjähriger ein Mann. Gefühlt zumindest. Sie müssen wissen, dass mein Kettcar nicht zu Hause stand, sondern bei meinen 200 Kilometer entfernt wohnenden Großeltern. Meistens war ich dort in den Schulferien zu Besuch – und damit bei meinem Kettcar. Es war also immer eine Liebe auf Zeit, beschränkt auf viel zu wenige Tage an Ostern, im Sommer oder im Herbst. Schon deshalb war es eine innige Liebe. Ich schwöre: Auch nach mehr als 40 Jahren sind mir viele Momente der haarsträubenden Fahrten durch die Kleinstadt meiner Großeltern so in Erinnerung, als wären sie gestern gewesen.

    Dabei ist zu erwähnen, dass ich mit meinem Kettcar immer – ich betone, immer – auf der Straße unterwegs war. Die Gehwege im Viertel meiner Großeltern waren einfach zu schmal dafür. Zugegeben, viel Autoverkehr gibt es dort bis heute nicht. Aber man wusste ja nie. Vor allem auf meiner Lieblingsstrecke: eine abschüssige Wohnstraße. Mein Sandkastenkumpel aus der Nachbarschaft und ich mühten uns in unseren Kettcars immer erst 20, 30 Meter bergauf. Und dann ging's ab: Ungebremst wieder runter und schließlich durch eine 90-Grad-Kurve rein in die Straße meiner Großeltern. Wie gesagt, immer mitten auf der Fahrbahn. Ob uns nach der Kurve ein Auto entgegenkam, konnten wir wegen einer hohen Mauer nicht sehen. Ich würde Ihnen vielleicht diesen Brief nicht schreiben können, wäre das alles nicht jedes Mal gut gegangen.

    Mein Opa wunderte sich übrigens am Ende meiner Ferien stets, warum die hellen Gummireifen meines Kettcars immer so abgenutzt waren. Ich konnte es ihm erklären: Das scharfe Bremsen nach der 90-Grad-Kurve inklusive dicker Bremsspur auf dem Asphalt war ähnlich prickelnd wie die Kurvenfahrt selbst. Noch heute spüre ich in meiner rechten Hand den metallenen Hebel, an dem man kräftig ziehen musste, um den Kettcar zu stoppen. Ich zog oft.

    Ich erzähle Ihnen das alles, Herr Bierhoff, weil ich Ihrem Unternehmen alles Gute wünsche. Natürlich aus Nostalgie. Ja, das darf in diesen schnelllebigen Zeiten auch mal sein. Nostalgie, weil schon so viel aus meiner Kindheit verschwunden ist.

    Quelle zum Beispiel mit seinen Katalogen. Dutzende von Sonntagmorgen holte ich mir die Wälzer ins Bett, meine Eltern schliefen noch, mir war langweilig. Und dann blätterte ich die Kataloge langsam durch. Träumte davon, welche der Models ich mal heiraten würde, wenn ich groß bin. Den passenden Trauring zu finden, war kein Problem: Ein paar Seiten weiter gab es für den Ringfinger Schablonen aus Karton mit den gängigen Ringgrößen. War das erledigt, kaufte ich im Geiste den halben Katalog leer, vorrangig Spielsachen. Und heute? Quelle gibt es schon lange nicht mehr. Ganz zu schweigen von Zündapp oder Kreidler. Was habe ich als Jugendlicher jene Kumpels beneidet, die mit den neuesten Moped-Modellen unterwegs waren. Dann aß ich aus Frust ein Raider, manchmal gekauft bei Schlecker. Wenn ich am Samstagabend mal länger aufbleiben durfte, schaute ich in einen Fernseher von Telefunken. Manchmal waren dort ein Trabi oder ein NSU Ro80 mit Wankelmotor zu sehen.

    Verzeihung, Herr Bierhoff, ich schweife ab. Aber Sie sehen sicherlich: Es ist schon zu viel aus unser aller Leben verschwunden, was einmal einen klangvollen Namen hatte. Und was in mir und wahrscheinlich vielen anderen Menschen in diesem Land eine wundervolle Verankerung in der Nostalgie hat. Wie man hört, ist ein Investor drauf und dran, in Ihrem Unternehmen einzusteigen. Ein reicher Mann aus Russland soll es sein. Na ja, das Wort Kettcar lässt sich bestimmt unfallfrei auch in Russland aussprechen. Und 90-Grad-Kurven am Hang gibt es dort bestimmt zuhauf. Retten Sie also Kettler, Herr Bierhoff. Wegen Ihrer vielen Mitarbeiter – aber auch ein klitzekleines bisschen wegen Menschen wie mir. Halten Sie mich gerne auf dem Laufenden – wenn es sein muss, auf russisch.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jürgen Haug-Peichl, Redakteur

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