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    WÜRZBURG

    Herr Habeck, wie ist das mit dem Glauben der Politik an die Politik?

    Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen Foto: Andreas Arnold, dpa

    Lieber Herr Habeck, Donnerwetter, es gibt sie ja doch noch, die Grünen. Und sie haben etwas zu sagen. Was nicht heißen soll, dass die Grünen vor Ihrem Amtsantritt als Kovorsitzender mit Annalena Baerbock nichts zu sagen gehabt hätten. Aber in meiner Wahrnehmung waren sie alle ziemlich von der Bildfläche verschwunden, anders kann ich es nicht sagen.

    Ziemlich mauer Bundestagswahlkampf, dann die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen und dann? Dann kam nicht mehr sehr viel. Bis Sie kamen. Ich muss jetzt ein wenig ausholen, aber ich lese viel darüber, dass Sie einer sind, der zuhören will und kann. Zuhören ist in der Politik ein wenig aus der Mode gekommen.

    Also: Irgendwie war Ihre Partei mit ihren ewigen Proporz- und Flügelzwängen zwischen Fundis und Realos und nach dem Abtritt einiger Charismatiker zu einer Institution verblasst, die zwar stabil im politischen Betrieb verankert aber nicht mehr sonderlich aufregend war (sieht man von der Aufregung ab, die die empörende Forderung nach einem Veggie-Day in gewissen Kreisen ausgelöst hat).

    Klar, wenn Claudia Roth als Bundestagsvizepräsidentin klares Profil gegen Rechts zeigt oder wenn Cem Özdemir klare Worte zum Thema Türken und Türkei findet, dann hat das Bedeutung und Belang. Özdemir war laut ZDF-Politbarometer im Juni übrigens sogar der populärste Politiker Deutschlands.

    Aber reicht das? Reicht das, um das Ruder nochmal rumzureißen? Reicht das, um die scheinbar stündlich schneller erodierende Parteiendemokratie zu retten? Reicht das, um den Kampf „zwischen liberaler Demokratie und autoritärer Wutpolitik“ (das Zitat stammt von Ihnen, lieber Herr Habeck) im Sinne der Demokratie zu entscheiden?

    Es sieht jedenfalls nicht so aus, als könnten wir auf die anderen hoffen. Die CSU lässt sich munter von Populisten und Nationalisten nach rechts abdrängen, die CDU hält halbherzig dagegen. Die Linke sagt oft das Richtige, oft aber auch nicht. Und was Sahra Wagenknecht mit der Bewegung „Aufstehen“ erreichen will, ist derzeit noch ziemlich unklar. Und die SPD – ja, was macht denn eigentlich die SPD?

    Ich glaube, dass das größte Problem dieses Landes nicht die Migration ist. Auch nicht Trump, nicht der Pflegennotstand, nicht der Fachkräftemangel, nicht die soziale Ungleichheit und auch nicht der Klimawandel. Ich glaube, das größte Problem dieses Landes ist, dass die Politik den Glauben an die Politik verloren hat. Ausgerechnet die gewählten Sachwalter eines Gemeinwesens, das in den vergangenen 70 Jahren unglaublich viel Positives erreicht hat, schauen mehr oder weniger hilflos zu, wie eine Bande von Brandstiftern ebenso geschickt wie durchschaubar die irrationalen Ängste wachsender Bevölkerungsschichten für sich ausschlachtet.

    Und dann wählen die Grünen plötzlich zwei Realos an die Spitze, die offenbar erkannt haben, was auf dem Spiel steht. Das ist jetzt natürlich eine unfaire Gegenüberstellung, ich finde sie dennoch aussagekräftig: Hubertus Heil, SPD, Bundesarbeitsminister, antwortet in der „taz“ auf die Frage, was denn seine politische Vision sei, „ich will frischen Wind in den Laden bringen. Ich stehe für Bono statt Bach.“ Das klingt tatsächlich so, als glaube die SPD immer noch, es reiche ein krawattenloses Hemd und die Anbiederung an eine Jugendkultur, die inzwischen auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

    Sie, Herr Habeck, haben hingegen erkannt, wie wichtig es ist, „dass die Institutionen und Symbole der Republik nicht von Rechten vereinnahmt werden können“ („Süddeutsche Zeitung“), und besuchen auf ihrer Sommerreise das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Einen Ort also, der wie kaum ein anderer Symbol für das Ringen der Deutschen mit dem Deutschsein ist.

    Sie haben erkannt, dass Politik ohne Emotion nicht funktioniert, vor allem aber, dass Emotion ja auch etwas Positives sein kann. Zum Beispiel die Leidenschaft, mit der Sie Politik machen. Das wird Ihnen seitens der Medien immer wieder bescheinigt. Auch das ist derzeit ziemlich ungewöhnlich.

    Eigentlich ganz einfach, man muss halt nur drauf kommen: Handeln nicht als Reaktion auf Hass und Hetze, sondern aus eigenem Antrieb heraus. Weil es unendlich viele Dinge gibt, die man für dieses Land und alle Menschen darin tun kann und nicht gegen irgendwelche anderen, die man nicht in diesem Land haben will.

    Und genau deshalb gefällt mir der Titel Ihrer Sommerreise so gut. Er lautete: „Des Glückes Unterpfand“. Wer ergänzt dazu nicht unwillkürlich „Einigkeit und Recht und Freiheit“? Und fügt vielleicht noch hinzu: „Brüderlich, mit Herz und Hand“. Das klingt doch wie ein Plan, oder? Ich jedenfalls würde gerne erleben, wie er gelingt.

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