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    Würzburg

    Ihr Weltraumprogramm für Bayern ist galaktisch, Herr Walter!

    Prof. Dr. Ulrich Walter hat "Bavaria One" mitentwickelt. Foto: Theresa Müller

     Sehr geehrter Herr Walter,

    rücken wir ein paar Dinge gerade. Dinge, die in den Wahlkampf gerieten und deshalb eine gewisse Windschiefe bekamen. Genau, es geht um das Weltraumprojekt „Bavaria One“, dessen Ideengeber und geistiger Vater Sie sind. Als das Projekt von Markus Söder bei seiner ersten Regierungserklärung im April präsentiert wurde, ging der Schuss zunächst leider nach hinten los. Die einen lächelten milde. Andere prusteten drauflos und schlugen sich vor Lachen auf die Schenkel.

    Jetzt spinnt er, der Söder, hieß es allerorts lapidar. Von Größenwahn war zu lesen. Und dass Söder jetzt nach den Sternen greift. Ein abgehobenes Projekt, zugeschnitten auf einen Mann, der hoch hinaus will. Dass gerade Wahlkampf war, vernebelte den Blick auf die Inhalte zusätzlich. Das Niveau der Diskussion kreiste um die Frage, wer alles auf den Mond geschossen gehört – oder wahlweise bereits dahinter lebt.

    Sehr viel mehr blieb in der öffentlichen Wahrnehmung leider nicht von „Bavaria One“. Zerbröselt in den Wahlkampf-Mühlen. Beschädigt von Söderschen Muskelspielen. Ein gefundenes Fressen für die Berufs-Ereiferer und Profi-Empörer. Wo Hohn und Spott zusammentrafen, kamen Blödsinns-Überschriften wie „Söderchens Mondfahrt“ heraus. Wobei es Söder seinen Kritikern schon deshalb leicht machte, weil er sich vor einem „Bavaria-One“-Logo mit dem Ministerpräsidenten-Konterfei – kreiert von der Jungen Union – ablichten ließ. Es wirkte – ganz ehrlich – wie ein Photoshop-Unfall.

    Ein weiterer Unfall war, dass sich der Titel des Programms tatsächlich nicht aussprechen lässt, ohne breit zu grinsen. „Bavaria One“ – das klingt nach Mork vom Ork und Mr. Spock. Nach schlechtem Science-Fiction. Raumschiff Enterprise auf bayerisch. Und ein bisschen „Air Force One“ schwingt letztlich auch mit. Kurzum: Mia san mia als Weltraumversion. Die Eroberung des Weltalls durch den Stamm der Bajuwaren.

    Das alles ist „Bavaria One“ nicht. Kein billiger PR-Polit-Gag. Kein Gucken, was hinter dem Mond los ist. Schon gar nicht bemannte Raumfahrt, wie oft geglaubt wird. Es geht um eine wirklich klasse Idee. Nur eben mit einem falschen Namen, der – müßig zu erwähnen – nicht auf Ihrem Mist gewachsen ist, lieber Herr Walter. Was Sie getan haben ist: ganze Arbeit zu leisten. Sie haben die Idee für ein zukunftsweisendes Vorhaben entwickelt. Das kostet zwar 700 Millionen Euro, soll sich aber schon deshalb bezahlt machen, weil es uns helfen wird, die Erde besser zu verstehen. Es geht, wie Sie es ausgedrückt haben, um „Lösungen aus dem All für Probleme der Menschen bei Medizin oder Ökologie.“

    Möglich machen soll das eine gestärkte Luft-und Raumfahrt-Fakultät in Ottobrunn. Die vorhandene Kompetenz wird ausgebaut – um in Europa die Führungsrolle zu übernehmen. Ein XL-Projekt für einen XXL-Markt: Raumfahrt wird zunehmend kommerziell und lässt private Investoren geradezu schweben. Das dazugehörige Stichwort lautet „New Space“ mit einem Umsatz von 470 Milliarden Dollar weltweit.

    Zunächst geht es darum, einen bayerischen Satelliten gezielt für Bayern einzusetzen. Etwa für die Landwirtschaft. Um metergenau zu gucken, wo etwa noch gedüngt werden muss. Der Einsatz von Düngemitteln könnte tatsächlich revolutioniert werden. Hochrechnungen gehen davon aus, dass so 17 Prozent an Stickstoff eingespart und gleichzeitig der Ertrag um bis zu 15 Prozent gesteigert werden kann. Ein weiteres Beispiel: Gezieltes Satelliten-Gucken könnte den Hochwasserschutz verbessern.

    Und wissen Sie was, Herr Walter: Ich glaube all das gerne. Weil ich Vertrauen in Sie habe. Als ehemaliger Astronaut sind Sie ausgewiesener Fachmann. Dass Sie in den 1980er Jahren aus 1800 Bewerbern ausgewählt wurden und für zehn Tage mit der Colombia ins All durften, war schließlich kein Zufall. Seit Anfang 2003 haben Sie zudem als Physiker den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München und forschen dort im Bereich Raumfahrttechnologie und Systemtechnik.

    In einigen Interviews haben Sie uns, Herr Walter, schon mal mitgenommen in die Zukunft: Es geht um Erkenntnisgewinne, die man von der Erde aus niemals haben wird. Ein weiterer Punkt ist die Erforschung der Mobilität von morgen, also welche autonomen Luftfahrtsysteme uns bewegen werden. Es geht schlicht um technische Weiterentwicklungen, die man entweder mitgestaltet – oder man lebt vor lauter Belächeln irgendwann tatsächlich hinterm Mond.

    „Bavaria One“ kommt – Spott hin oder her. Das bayerische Luft- und Raumfahrtprogramm findet sich fein säuberlich aufgeschrieben auf Seite 41 des Koalitionsvertrages von CSU und Freien Wählern. Machen Sie sich also nichts aus der Häme. Sie sind, nicht nur wegen Ihres Nebenjobs als Weltraumberater, ein Glücksfall für Bayern. Und Sie wissen ja: Wer zuletzt lacht . . .

    Mit freundlichen Grüßen

    Frank Weichhan, Redakteur

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